"Kultur ist für alle da"

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  • Mit 18 gehört Martin Redlinger, heute 54, zum Bundesliga-Kader von Frisch Auf und studiert nach dem Abi am "Freihof" Sport, Musik und Kulturmanagement. Mit dem Marketing-Direktor des "Konzerthaus Berlin" sprach Hanns-Horst Bauer in der Hauptstadt über Sport, Kultur und Leidenschaften. 1/3
    Mit 18 gehört Martin Redlinger, heute 54, zum Bundesliga-Kader von Frisch Auf und studiert nach dem Abi am "Freihof" Sport, Musik und Kulturmanagement. Mit dem Marketing-Direktor des "Konzerthaus Berlin" sprach Hanns-Horst Bauer in der Hauptstadt über Sport, Kultur und Leidenschaften.
  • Martin Redlinger (oben vor seinem Konzerthaus):"Ich möchte Brücken bauen und versuchen, Leute zum Konzertbesuch zu verführen." Fotos: Hanns-Horst Bauer 2/3
    Martin Redlinger (oben vor seinem Konzerthaus):"Ich möchte Brücken bauen und versuchen, Leute zum Konzertbesuch zu verführen." Fotos: Hanns-Horst Bauer
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Herr Redlinger, Sie waren bereits vor Ihrem Abitur am Göppinger Freihof-Gymnasium im Bundesliga-Kader von Frisch Auf. Hand aufs Herz, für welche Mannschaft schlägt es, wenn die Berliner "Füchse" auf Ihre frühere Mannschaft treffen?

MARTIN REDLINGER: Das war anfangs ganz schwierig für mich. Mittlerweile bin ich allerdings, da ich kaum mehr Kontakt zu Göppingen habe, eher auf der Seite der "Füchse". Mit denen hatten wir sogar in der zu Ende gehenden Saison im Konzerthaus Berlin eine Zusammenarbeit beim spektakulären "Beethoven-Marathon".

Wie kamen Sie eigentlich zu Frisch Auf? War Handball schon immer Ihre große Leidenschaft?

REDLINGER: Wenn man in Göppingen aufwächst, kommt man, das war zumindest in meiner Kindheit so, als junger Bub am Handball gar nicht vorbei. Und man möchte dann natürlich am liebsten gleich bei Frisch Auf mitspielen. Das hat bei mir auch tatsächlich geklappt, und "Spatz" Singer hat mich als "Riesentalent" von der A-Jugend ins Bundesliga-Team geholt. Da habe ich dann, was für ein Traum, mit all den Leuten gespielt, zu denen ich als kleiner Junge immer aufgeschaut habe.

Und was war mit der Schule?

REDLINGER: Das war schon irre damals: Auswärtsspiel in Kiel und am nächsten Tag zurück auf die Schulbank im Freihof-Gymnasium. Und am Abend vielleicht noch ein Auftritt mit einer Rock- und Jazzformation im Raum Göppingen, denn neben dem Handball war Musik meine zweite große Leidenschaft, zunächst klassisch verwirklicht auf dem Klavier, später jazzig mit dem Saxophon.

Was hat Sie damals ganz besonders beeinflusst und für die Zukunft geprägt?

REDLINGER: Ganz sicher der Sport. Wenn man da ernsthaft als Leistungssportler mitmacht, braucht man ungeheuer viel Disziplin und Willen. Im Nachhinein betrachtet, hat mir der Sport viel Selbstvertrauen gegeben, auch für andere Aufgaben.

Auch für den damals noch Reifeprüfung genannten Schulabschluss?

REDLINGER: Ich war zum Glück tendenziell ein guter Schüler mit kleineren Schwächen. So habe ich die Schule mit einem leicht überdurchschnittlichen Abi abgeschlossen, das sicher noch besser ausgefallen wäre, wenn ich meine Zeit nicht in den Sport und in die Musik investiert hätte. Aber das alles habe ich aus voller Überzeugung und immer mit viel Spaß gemacht.

Von Frisch Auf wechselten Sie zum Bundesligateam vom TSV Karlsruhe-Rintheim, einem damaligen Traditionsclub. Warum der rasche Wechsel?

REDLINGER: Weil ich an der Technischen Universität Karlsruhe Sport und Geographie aufs Lehramt studiert habe. Beim TSV habe ich zwar sportlich Karriere gemacht, habe aber doch die Musik sehr vermisst. Das waren schon sehr unterschiedliche Welten, die nur schwer unter einen Hut zu bringen waren. Deshalb habe ich einen radikalen Schnitt in meinem Leben gemacht und mich ganz für die klassische Musik entschieden.

Ein Leben wirklich so ganz ohne Handball?

REDLINGER: Ja, ich habe 25 Jahre lang kein Spiel mehr angeschaut, keinen Ball mehr in der Hand gehabt. Erst durch meine beiden Jungs, Leon (18) und Maxim (15), bin ich wieder zum Handball gekommen und spiele mit den beiden jetzt sogar ganz ohne Stress jede Woche in einer Freizeitmannschaft.

Nach dem Abschluss Ihrer Handball-Karriere haben Sie in einem achtmonatigen Crashkurs Querflöte gelernt und danach auch studiert. Mit einem äußerst erfolgreichen Abschluss wurden Sie als Querflötenlehrer an der Musikschule in Heidelberg eingestellt. Warum haben Sie diesen festen sicheren Job aufgegeben und noch mal was ganz Neues ausprobiert?

REDLINGER: Ende der 80er Jahre kam plötzlich das Berufsbild des Kulturmanagers auf, anfangs heftig und äußerst kontrovers diskutiert. Da hat man sich schon über die Wortkombination zerstritten. So etwas ging eigentlich gar nicht. Gerade das hat mich gereizt. So wurde ich als einer der ersten Kulturmanager auf den Markt gespült. Das war für mich eine Bomben-Chance.

Was hat Sie für dieses neue Berufsbild begeistert?

REDLINGER: Klassische Musik so lebendig vermitteln zu können, dass sie auch Spaß macht, das hat mich gereizt. Leute in den Konzertsaal zu holen, die dieser Musik sonst eher skeptisch gegenüberstehen, das habe ich als lohnende Aufgabe gesehen. Leidenschaft für die Musik zu wecken, wie ich sie immer noch empfinde.

Welche konkreten Möglichkeiten sehen Sie, Ihre Ideen umzusetzen?

REDLINGER: Ich möchte in erster Linie Brücken bauen und versuchen, Leute zum Konzertbesuch zu verführen. Wir müssen heute, vor allem auf einem so heiß umkämpften Markt wie Berlin, das Freizeit-Budget der Leute ins Kalkül ziehen. Da müssen sich Programm-Macher, Orchester, Marketing-Abteilung und natürlich Chefdirigent Iván Fischer gemeinsam positionieren und Ideen entwickeln, wie man sich, durchaus auch auf emotionaler Ebene, präsentieren will. Dabei sprechen wir die potentiellen Besucher möglichst direkt an, nehmen sie ernst und involvieren sie so, dass sie sich mit unserem Angebot identifizieren können.

Im Blick haben Sie da vor allem junge Leute?

REDLINGER: Auch, aber nicht nur. "Nachwuchs", dem wir klassische Musik schmackhaft machen wollen, sind für uns durchaus auch 40- oder 50-Jährige.

Sie waren seinerzeit der erste "Wessi" an dem ehemaligen Ost-Vorzeige-Haus. Wie sind Sie dort empfangen worden?

REDLINGER: Die Aufnahme war sehr nett. Man hatte im Konzerthaus lange auf die Besetzung der Position warten müssen, denn es galt ja eigentlich ein totaler Einstellungsstopp. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen. Irgendwie fühlte ich mich wie so eine Art Zaubermaus, die alle Probleme gleichzeitig lösen sollte: Der Kartenverkauf war eingebrochen angesichts sehr anspruchsvoller Programme und schlechter Kommunikation, die Abos bröckelten, das Ticketing erfolgte "aus dem Schrank" statt computergestützt. Es gab keine Dienstleistungsmentalität, denn zu DDR- Zeiten war immer alles ausverkauft - zielgruppenorientiertes Marketing war damals gar nicht nötig. In der vom Westen geprägten Presse war man eigentlich gar nicht auf der Landkarte, und zudem hatte der damalige Intendant - in der Sache ganz richtig, aber ohne strategischen Vorlauf - das Haus von "Schauspielhaus am Gendarmenmarkt" in "Konzerthaus Berlin" umbenannt. Und natürlich war man latent unterfinanziert und brauchte dringend Sponsoren.

Mit welchen Schwierigkeiten mussten Sie kämpfen? Wie haben Sie sie gemeistert?

REDLINGER: Mein Team setzte sich ausschließlich aus "Ossis" zusammen, war im Vergleich zu alten Zeiten um über die Hälfte reduziert, wo man doch eigentlich mehr als das Doppelte zu tun hatte. Mein auf Beteiligung ausgelegter Führungsstil kam erst gar nicht an, denn den Leuten fehlte die Motivation fürs Übernehmen von Verantwortung. Gelernt war ein enormes Obrigkeitsdenken. Die Angst, Fehler zu machen, überwog. Man hatte immer einen Notfallplan in der Schublade, so dass man - falls etwas schief ging - es selbst nie gewesen sein konnte. Es dauerte eine Weile, ehe sich die ersten Mitarbeiter "zeigten" und Lust bekamen, neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Und plötzlich ging es voran: Computergestütztes Ticketing als eines der ersten Häuser in Berlin, Auslastungssteigerung von 24 Prozent nach meinem ersten Jahr. Es gelang uns allmählich, das Haus als das mit der interessantesten Programmatik im deutschsprachigen Raum zu platzieren. Wir konnten wichtige Sponsoren gewinnen, und dank eines Agentur-Sponsoring erarbeiteten wir uns auch endlich eine klares Markenbild: Heute sind wir nur noch das "Konzerthaus Berlin", unser Orchester ist das Konzerthausorchester. Unser Publikum kommt gleichermaßen aus allen Bezirken: Wir sind wirklich Berlins klassische Mitte.

Hier in Berlin gibt es sieben subventionierte große Orchester, darunter auch die omnipräsenten Berliner Philharmoniker. Wie hart empfinden Sie den Konkurrenzkampf?

REDLINGER: Die einzelnen Orchester sind sich bewusst, dass sie den Markt mit unterschiedlichen Konzepten und Programmangeboten bedienen müssen. Die medial weltweit aufgestellten Berliner Philharmoniker sind zum Beispiel ein Orchester mit einem Haus, der Philharmonie; wir sind umgekehrt eher ein Haus mit Orchester, dem "Konzerthausorchester Berlin". Wir veranstalten als Konzerthaus nicht nur Konzerte mit unserem Orchester, sondern wir haben zusätzlich 250 Veranstaltungen, die wir in programmatische Linien bringen. So können wir einer Saison auch ein besonderes Gesicht verleihen. Unser Credo ist: Komm in dieses tolle Haus, lass dich mitreißen von unserem Programm! Beispielsweise mit nachmittäglichen Espresso-Konzerten an Überraschungsorten oder Mozart-Matinéen unter dem Motto "Frühstück mit Wolfgang" inklusive Croissants und Kinderbetreuung. Von der Nachfrage nach diesen Angeboten sind wir fast erschlagen worden.

Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten Spaß?

REDLINGER: Die größte Belohnung ist für mich, und da kommt der Musiker in mir durch, dass ich unendlich viele Möglichkeiten habe, tolle Konzerte zu hören.

An Kultur und Bildung den Rotstift anzusetzen, ist zum Teil sehr populär. Wie sehen Sie das Problem?

REDLINGER: Wichtig ist, dass Kultur nicht im Elfenbeinturm produziert wird, dass sie nicht abgehoben elitär, sondern ganz einfach für alle da ist.

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