"Kuhn macht süchtig"

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Herr Oßwald, wie wird man überhaupt Konzertveranstalter?

OSSWALD: Alle meine Freunde in der Schule haben damals Instrumente gespielt, ich konnte allerdings nur Waldhorn, was denkbar ungeeignet ist für eine Band. Weil die Organisation von Auftritten ein undankbares Geschäft gilt, haben meine Kumpels gesagt: "Du bist jetzt unser Manager." Weil das recht gut funktionierte, kamen schließlich immer mehr Musiker in Tübingen zu mir und wollten, dass ich ihnen Auftritte verschaffe.

Darunter war dann auch ein gewisser Dieter Thomas Kuhn?

OSSWALD: Für Thomas hatte ich damals einen Auftritt organisiert, doch dann bin ich nach meinem BWL-Studium für ein Jahr nach Südamerika gereist. Ich war mir eigentlich sicher, dass Kuhn nach meiner Rückkehr längst durch die Decke gegangen sein würde. Aber kaum war ich zurück in Tübingen, rief er mich an und fragte, ob wir nicht weiter zusammenarbeiten sollten. Da hatte ich dann ja nichts mehr zu verlieren (lacht).

Wie viele Dieter Thomas Kuhn-Konzerte hat es bis heute gegeben?

OSSWALD: Spontan würde ich die Zahl auf 1200 schätzen - und davon war ich vermutlich bei 1192 Konzerten mit dabei. Es passiert wirklich ausgesprochen selten, dass ich bei einem Kuhn-Auftritt einmal fehle.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von diesem Schlager-Phänomen?

OSSWALD: Kuhn macht süchtig! Das Besondere liegt zudem darin, dass diese Band abseits der üblichen Medienvermarktung funktioniert und sozusagen wie eine Parallelkultur stattfindet. Es gibt keine TV-Interviews, kaum Radio-Gespräche und schon gar keine Auftritte in den bunten Blättern. In Stuttgart kommen an drei Tagen jeweils 15 000 Fans auf den Killesberg, ohne dass die Medien groß vorab berichten. Kuhn ist eine Marke, das Publikum weiß, was es bekommt.

Ist die Medien-Enthaltung eine bewusste Entscheidung?

OSSWALD: Heute ist diese Zurückhaltung durchaus bewusst so praktiziert, in den ersten Jahren, von 1994 bis 1999, hat es allerdings schon einiges an Medienpräsenz gegeben. Fernsehen hat Kuhn jedoch nie gerne gemacht. Der ganze Witz und die Ironie seiner Show lassen sich bei einem TV-Auftritt von drei Minuten einfach kaum vermitteln.

Früher trugen die Fans T-Shirts mit Auftritt "Dieter, ich will ein Kind von dir!". Heute steht auf den Hemdchen "Dieter, ich bin ein Kind von dir!". Wie hat sich das Publikum gewandelt?

OSSWALD: Kuhn-Fans sind treu, es kommen jedoch immer noch junge Leute nach. Das Alter des Publikums liegt zwischen 20 und 60 Jahren. Dass Fans mit ihren Stars gemeinsam alt werden ist ja keineswegs ungewöhnlich, da muss man nur auf ein Konzert von "Status Quo" oder "Deep Purple" gehen - wobei die Hallen mittlerweile eben bestuhlt sind.

Wie sieht der typische Kuhn-Fan aus?

OSSWALD: Der durchschnittliche Fan ist zwischen 40 und 45, eher weiblich, verfügt über ein relativ hohes Einkommen und ist vor allem sehr feierwütig. Der Anteil von schwulem Publikum ist bei Kuhn sicher höher als bei anderen Konzerten, aber die Mehrheit macht das bei den Zuschauern nicht aus. Bemerkenswert ist, dass der Zuspruch in jüngster Zeit spürbar angestiegen ist, im Gründe könnten wir in diesem Jahr jeden Tag ein Konzert machen.

Wie hilfreich ist die neue Schlager-Welle?

OSSWALD: Wellen gibt es immer wieder - und irgendwann brechen sie in sich zusammen. Derzeit wird wegen Andrea Berg und Helene Fischer gerne von einer Renaissance des Schlagers geredet. Bei Kuhn war es hingegen schon immer so, dass er von solchen Mode-Phänomenen relativ abgekoppelt gewesen ist. Kuhn ist einfach Kuhn. Da geht man einen Abend aufs Konzert und hat Spaß, was offensichtlich ganz unabhängig von musikalischen Strömungen funktioniert.

Wäre Andrea Berg keine Kandidatin für ein Kuhn-Remake?

OSSWALD: Nein, Andrea Berg singt neue Schlager, die würden nicht in ein Kuhn-Programm passen. In seinem Repertoire sind nur die Schlager der 60er, 70er und maximal 80er Jahre vorgesehen.

Reinhard Mey soll nicht ganz so glücklich über die Kuhn-Version von "Über den Wolken" gewesen sein, wie haben sich andere Schlagersänger der Original geäußert?

OSSWALD: Vom Management von Mey gab es tatsächlich die Äußerung, dass sie unsere Version nicht gut fänden. Udo Jürgens hat bei einer Echo-Verleihung einmal mit Blick auf Kuhn zu seinem Manager gesagt: "Kuck, das ist der Mann, der meine Lieder singt." Mehr an Ablehnung ist mir nicht bekannt, im Gegenteil: Eine Zeitlang gab es Versuche von alten Stars, dass wir ihre Titel gegen eine Beteiligung ins Programm aufnehmen - aber das haben wir natürlich nie gemacht.

Wie groß ist das Reservoir an potenziellen Liedern noch?

OSSWALD: Das Reservoir an möglichen Songs ist eigentlich so gut wie unendlich. Zur Not kann man auch alte Kuhn-Songs wieder ins Programm holen, weil sich das ja immer wieder verändert.

Wie viele Mitarbeiter sind beschäftigt für ein typisches Konzert in einer Halle?

OSSWALD: Mit Security, Technik, Aufbau, Catering und Einlass sind an einem Abend rund 50 Leute für ein Kuhn-Konzert in einer Halle beschäftigt. Für eine Open-Air-Veranstaltung wird natürlich noch einiges mehr an Personal notwendig.

Ab wann werden Konzerte zum Minusgeschäft?

OSSWALD: Wenn eine Halle halbleer bliebe, wäre sicher nichts mehr verdient - aber das ist bei Kuhn eigentlich kaum verstellbar.

Die Konzertkarte für Kuhn liegt bei 29 Euro - wo liegt die Schmerzgrenze bei Eintrittspreisen?

OSSWALD: Die Preise für Kuhn-Konzerte waren immer schon relativ günstig, weil wir es so den Fans ermöglichen wollten, mehrfach zu kommen. Wenn wir Konzerte für andere Künstler durchführen, gibt es durchaus Diskussionen über die Preispolitik. Vor Kurzem hatten wir einen sehr bekannten Sänger, der mit 80 Euro viel zu teuer war. Prompt wurde das Konzert zum Flop, weil die Fans so viel Geld nicht mehr bezahlen wollten. Wenn man die billigen Plätze besser verkauft als die teuren, dann weiß man, dass die Karten zu teuer waren.

Wie lukrativ sind Konzerte für die Künstler?

OSSWALD: Seit dem Rückgang der Plattenverkäufe durch die digitalen Möglichkeiten werden Konzerte für Musiker immer wichtiger als Einnahmequelle. Aber auch die Umstellung auf den Euro hat die Geschäfte angekurbelt. Damals wurde ausprobiert, was der Markt hergibt und die Preise wurden bis zur Schmerzgrenze hochgeschraubt - früher hätte sich niemand getraut, für eine Karte 140 DM zu verlangen? Aber 70 Euro waren plötzlich möglich! Mittlerweile ist dieser Prozess jedoch wieder zum Stehen gekommen und das Publikum drückt die Preise wieder nach unten.

Wie groß ist die Konkurrenz in der Konzert-Branche?

OSSWALD: Wir gehören zu den zehn größten deutschen Veranstaltern, die nicht konzerngebunden sind. Das hat für uns den Vorteil: Wir machen mit allen und müssen mit niemand. Unser Schwerpunkt liegt auf Baden-Württemberg, dem Elsass und der Schweiz. Das Problem für uns besteht darin, dass die großen US-Bands vier Open-Air-Auftritte in Deutschland machen, die aber nicht in unserer Gegend stattfinden. Robbie Williams in Hockenheim war da schon eine Ausnahme.

Wie lange vorher werden die Konzerte geplant?

OSSWALD: In der Regel liegt der Vorlauf bei einem Jahr. Wobei Klassik-Konzerte sehr viel länger geplant werden als Auftritte von Rock-Bands.

Wäre ein Konzert der " Stones" noch ein Traum für Sie?

OSSWALD: Überhaupt nicht! Ein Traum wären "AC/DC". Aber das liegt an persönlichen Vorlieben, ich war nie ein Fan der Stones.

Wie kamen Sie dazu, den Papst-Besuch in Freiburg zu organisiere?

OSSWALD: Bei einem Neujahrsempfang der Stadt Freiburg gab mir der Leiter des Ordnungsamtes den Tipp, dass die Kirche nach einem Veranstalter für den Papst-Besuch suchen würde. Darauf habe ich der Erzdiözese ein Konzept vorgeschlagen - und so hat sich die Sache immer weiter entwickelt. Im Vorfeld kam der Reisemarschall des Papstes, hat sich alles angesehen und seine Vorgaben gemacht, wie der Altar stehen sollte - im Grunde ist das also auch nicht anders als bei den Stones.

Gab es eine Begegnung mit dem Papst?

OSSWALD: Nein, getroffen habe ich den Papst leider nicht persönlich. Vom Erzbischof gab es danach jedoch ein freundliches Dankesschreiben. Und wir bekamen als Geschenk einer der Bänke des Gottesdienstes, die für den Besuch eigens angefertigt worden waren - eine echte Vatikanbank sozusagen (lacht).

Gab es Pannen beim Papst?

OSSWALD: Als er vor seinem Vortrag im Konzerthaus gestolpert ist, hatte ich schon eine kleine Schrecksekunde, aber es zum Glück nichts weiter passiert. Ansonsten? Der Gottesdienst hat ein bisschen zu früh angefangen. . .

Wie steht es um die Marotten der Stars? Groupies und Kokain, Mythos oder Wahrheit?

OSSWALD: Das war früher sicher so, aber heute ist das mit dem Koks wohl eher vorbei. Wobei ich mich nie als Drogenkurier hergegeben hätte. Groupies gibt es bei einigen Musikern sicher nach wie vor - aber das bekommen die Veranstalter kaum richtig mit. Für Dieter Thomas Kuhn würde ich das auf alle Fälle ausschließen (lacht).

Gibt es eine schwarze Liste der Stars mit Zicken?

OSSWALD: Es gibt sicher ein paar Künstler, wo man sagt: Das tue ich mir nicht mehr an.

Aber den Papst gerne wieder?

OSSWALD Absolut! Der aktuelle Papst wird allerdings dann wohl eher nach Argentinien reisen. . .

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