"Komische Rollen wichtig"

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    Schillers Räuber liegen im genauso wie Gastrollen im "Tatort". Er spielt viele Instrumente, darunter Alphorn, und ist auch schon zusammen mit Bill Haley aufgetreten. Mit Walter Renneisen (72) hat sich Sabine Ackermann nicht nur über seine Rolle im "Weißen Rössl" bei den Staufer-Festspielen unterhalten.
  • Walter Renneisen: "Dass eine Kleinstadt eine solche Veranstaltung stemmt, zu der jeden Abend 1800 Zuschauer kommen, ist eine Sensation." Fotos: Staufenpress 2/3
    Walter Renneisen: "Dass eine Kleinstadt eine solche Veranstaltung stemmt, zu der jeden Abend 1800 Zuschauer kommen, ist eine Sensation." Fotos: Staufenpress
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Herr Renneisen, wie kamen Sie zur Rolle des Fabrikanten Giesecke im ,Weißen Rössl bei den Staufer-Festspielen?

WALTER RENNEISEN: Der Regisseur Anatol Preissler hatte mich in Frankfurt als Adam in ,Der zerbrochene Krug von Kleist gesehen und daraufhin dem Intendanten empfohlen, mich zu engagieren. Und was Preissler mir über die Staufer- Festspiele so andeutete, hat sich ja mehr als bewahrheitet.

Inwiefern?

RENNEISEN: Dass eine Kleinstadt eine solche Veranstaltung stemmt, zu der jeden Abend 1800 Zuschauer kommen, ist eine Sensation. Auch dass da über 200 Menschen mitwirken, vor und hinter den Kulissen: Gesangsvereine, eine Blaskapelle und so weiter. Und mit welcher Freude sie das jeden Abend machen, für nichts, sozusagen ehrenamtlich. Eine Sache fand ich besonders schön: Beim Schlussapplaus kamen auch alle auf die Bühne, die hinter den Kulissen tätig waren: Maskenbildner, Schneider, Garderobier, Tontechniker, Beleuchter - keiner wurde vergessen. Kein Wunder, dass eine solche Theaterarbeit Früchte trägt. Es gibt eine lebendige Liebhabertheaterszene in Göppingen.

War Ihnen Göppingen überhaupt ein Begriff?

RENNEISEN: Aber ja! Vor etlichen Jahren hatte ich in Bad Boll in der Kurklinik eine Mayr-Kur gemacht. Von daher kannte ich natürlich die Gegend mit den umliegenden Orten.

Hoffentlich waren Sie mit der Kur zufrieden.

RENNEISEN: Und wie! Heute hat ja das Wort Nachhaltigkeit eine große Bedeutung und diese Mayr-Kur war bei mir besonders nachhaltig. Zum Beispiel das bewusste Kauen - weil man ja jeden Bissen 72mal kauen muss. Na ja, bei 72 hab ichs nicht gelassen. . .(lacht). . . ich habe es leicht reduziert. Trotzdem: Seitdem brauche ich fast die doppelte Zeit zum Essen.

Kannten Sie den Film ,Das weiße Rössl mit Peter Alexander?

RENNEISEN: Nein. Der kam zu einer Zeit in die Kinos, in der ich Theaterwissenschaften studierte und man dachte damals, das ist ein bisschen unter einem gewissen Niveau. Meine Meinung dazu hat sich allerdings gewaltig geändert. Diese Operette ist beste Unterhaltung, hat sehr schöne Melodien, ernste und komische Rollen und die komischen Rollen sind in der Operette ganz wichtig.

Das war aber nicht ihre erste Operette?

RENNEISEN: Nein, im Staatstheater Darmstadt habe ich in der "Fledermaus" den Frosch gespielt und den Njegus in "Die lustige Witwe".

Kamen Sie eigentlich auch schon zu den Proben nach Göppingen?

RENNEISEN: Da konnte ich nicht. Ich hatte in der Zeit beim Rheingau Musik Festival Premiere mit einem Heinz-Erhardt-Abend. Der Aufhänger zu diesem Abend war: Man fand 1994 - lange nach Erhardts Tod - auf dem Speicher seines Hauses in Hamburg klassische Kompositionen, die er im Alter von 19 Jahren geschrieben hatte. Er wollte damals Konzertpianist werden, hatte das Abitur nicht geschafft und studierte in Leipzig Klavier und Komposition.

Das wussten damals viele gar nicht.

RENNEISEN: Das stimmt. Als ich davon erfuhr, habe ich mir diese Noten besorgt. Der hat wunderschöne Stücke geschrieben und die spielt nun eine russische Konzertpianistin und ich trage eine Auswahl seiner komischen Texte vor, Gedichte und Prosa. Von der Pampelmuse geküsst ist der Titel. Da präsentieren wir gemeinsam einen Heinz-Erhardt-Abend: mal heiter, mal klassisch. Das läuft über meine Firma.

Stichwort Firma, machen Sie da auch eigene Produktionen?

RENNEISEN: Ja, schon seit 1993. Mehrere Theaterstücke habe ich mit meiner Firma (Walter Renneisen Gastspiele, Anm. der Redaktion) produziert. Mittlerweile habe ich sie durch einen Verlag erweitert. Drei Doppel-CDs habe ich schon herausgebracht. Demnächst kommen zwei Lyrik-Bände dazu.

Kann man sich bei Ihnen bewerben?

RENNEISEN (lacht): Nein, ich mache ausschließlich Ein-Mann-Stücke, ganz selten auch mal eines für zwei Personen. Größere Stücke kann ich mir nicht erlauben, das ist ein zu großes Risiko. Wenn man zum Beispiel ein Fünf-Personen-Stück auf die Beine stellen will, muss man zwischen 70 000 und 100 000 Euro investieren. Mindestens sechs Wochen Probezeit, in der sie die Schauspieler unterbringen müssen, ihnen schon Gage zahlen, Regisseur, Bühnenbildner, Kostümbildnerin und Bühnenbild bezahlen. Dann soll es auf Tournee gehen. Wenn man Pech hat und das Stück läuft nicht, bleibt man auf den 100 000 Euro sitzen.

Ein ziemlich großes Risiko

RENNEISEN: Ja. Und das wollte ich mir und meiner Familie - wir haben vier Kinder - nicht antun. Aus diesem Grunde mache ich jetzt alles alleine: Bin Regisseur, Bühnenbildner. . . Mädchen für Alles. Am Anfang fuhr ich auch den Lkw selbst, habe nachts meine Frau geweckt, dann haben wir zusammen den Lkw ausgeladen. . . Das waren so die Anfänge (lacht).

Handhaben das Kollegen von Ihnen ebenso?

RENNEISEN: Nein. Da bin ich wohl der einzige, der das macht. Deshalb bekam ich auch den Sonderpreis von der Inthega - das ist die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen. Das wissen viele Leute nicht: Wir haben circa 600 Tournee-Theater hier in Deutschland. Also Theater mit eigener Bühne, aber ohne eigenes Ensemble. Die werden dann von diesen Tourneeunternehmen bespielt. Und dazu kommen die 200 Stadt- und Staatstheater, Häuser mit eigenem Ensemble. Dreispartentheater mit Ballett, Oper und Schauspiel. Davon gibt es auf der ganzen Welt 400 die Hälfte davon stehen in Deutschland. Das sollte man zum Weltkulturerbe machen. Amerika hat kein Dreispartentheater, kein einziges. Da wo ich wohne bin ich in 45 Minuten in sechs Stadt- oder Staatstheatern: Heidelberg, Mannheim, Mainz, Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt. Aber wie lange noch?

Weshalb?

RENNEISEN: Bildung! Man sollte wenigstens mal ein gutes Gedicht gelesen und ein wertvolles Musikstück gehört haben, um Theater genießen zu können. Wenn man sieht, was da in den privaten Fernsehanstalten teilweise für ein Blödsinn verzapft wird. Wer sich das auf Dauer antut, ist für das Theater verloren.

Wie läuft es bei Ihnen?

RENNEISEN: Ich bin seit sechs Jahren in Rente. Letztes Jahr hatte ich 180 Aufführungen, dieses Jahr werden es noch 120 sein. Mal sehen wie viele es im nächsten Jahr sind (lacht).

Warum sind Sie im Fernsehen nicht mehr ganz so oft zu sehen?

RENNEISEN: Weil ich sehr viel Theater spiele. Theatertermine sind sehr früh festgelegt, das Fernsehen besetzt sehr spät. Früher habe ich sehr oft tagsüber gedreht und abends eine Vorstellung gespielt. Darauf lassen sich die Fernsehmacher nicht mehr ein. Da wird oft bis spät in die Nacht gedreht, so dass man eine Vorstellung im Theater nicht mehr erreichen kann. Außerdem hat sich die Rangordnung geändert: Als ich als Schauspieler anfing, war der Theaterschauspieler der angesehenere, dann kam der Fernsehschauspieler - jetzt ist es umgekehrt.

Eigentlich ungerecht. Beim Theater spielt man in Echtzeit mit allen Wehwehchen, beim Fernsehen kann man jede Szene zigmal wiederholen.

RENNEISEN: Ja. Bei einer Hauptrolle ist man sozusagen die Lokomotive des Abends. Man zieht das Stück, darf nicht nachlassen, nicht schwächeln. Im Fernsehen werden mittlerweile so viel Schnitte gemacht, man spielt nur häppchenweise, das ist sehr viel einfacher.

Sie sind ja zudem sehr musikalisch, spielen mehrere Instrumente.

RENNEISEN: Ja, ich habe früher als Schlagzeuger in einer Beat-Band gespielt, zwei Jahre berufsmäßig - meist in den Clubs des amerikanischen Militärs - und habe so viel Geld verdient, dass ich damit mein Studium und die Schauspielschule finanzieren konnte. In Göppingen waren ja auch Amerikaner stationiert. Im Frankfurter Raum waren es über 100 000. Das Clubleben der Amerikaner ist auf der ganzen Welt gleich geregelt. Es gibt das gleiche Essen, Clubs für Offiziere und einfache Soldaten und jeden Abend musste eine Band spielen. Und es kamen oft Stars aus Amerika. So kam es, dass unsere Band an mehreren Abenden zusammen mit Bill Haley aufgetreten ist. War eine tolle Zeit. In Uhingen gibt es doch eine Firma Kolberg?

Ja. . .

RENNEISEN: Herr Kohlberg spielte auch bei den Amis, auch Schlagzeug. Fiel mir gerade ein. Ich habe bei ihm schon etliche Instrumente gekauft. Doch zurück zum Jetzt. Ich setze die Instrumente auch gerne in meinen Produktionen ein. Es gibt zwei Stücke, da spiele ich 12 Instrumente, live! Trompete, Tuba, Posaune, Saxophon, Kontrabass, Schlagzeug, Gitarre, Oktavgitarre, Dudelsack, Alphorn, Klavier, Blockflöte. . . ohne Double (lacht).

Machen wir noch einen Sprung. Fehlt Ihnen nicht die Kamera?

RENNEISEN: Ja, schon. Aber mittlerweile sind die Regisseure, mit denen ich früher gearbeitet habe, in Pension oder verstorben. Und außerdem ist das Verfallsdatum der Schauspieler heute kürzer. Wer von den Jüngeren kennt noch Günter Strack? Zudem leiste ich mir den Luxus als Schauspieler auf dem Land zu wohnen. Nicht in Berlin oder München. Mir waren auch immer meine Familie, meine Frau und unsere vier Kinder wichtiger. Ich wollte so häufig wie möglich bei ihnen sein.

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