"Investition in die Zukunft"

Die WMF boomt. In welcher Weise profitieren davon der Stammsitz Geislingen und die ganze Fünftälerstadt? Dazu befragte Redakteur Roderich Schmauz den WMF-Vorstandschef Thorsten Klapproth.

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WMF-Vorstandschef Thorsten Klapproth: Wir benötigen mittelfristig einen direkten Zugang von der B 10 zu den Fabrikverkäufen. Foto: Markus Sontheimer

Glückwunsch! Fast hätten Sie schon 2011 die Umsatzmilliarde geknackt, die Sie für dieses Jahr ja im Visier haben. Zum tollen Geschäftsverlauf hat offenbar der Standort Geislingen mit den Kaffeemaschinen, aber auch mit den Kochtöpfen überproportional beigetragen.

THORSTEN KLAPPROTH: Vielen Dank, die Glückwünsche nehme ich stellvertretend gerne an, sie gebühren allerdings allen Mitarbeitern der wmf group für ihren engagierten Einsatz und ihre außergewöhnliche Leistung im vergangenen Jahr. Zu diesem Erfolg haben alle Standorte weltweit beigetragen, das ist eine Teamleistung. Sie haben allerdings insofern recht, als dass die Nachfrage nach Kochgeschirren und Kaffeemaschinen in der Tat überaus erfreulich gewesen ist und auch noch immer ist. Der Geschäftsbereich Kaffeemaschinen beispielsweise ist 2011 zum zweiten Mal in Folge zweistellig gewachsen, das ist schon sehr eindrucksvoll.

Die Nachfrage nach WMF-Töpfen ist größer denn je. Braucht es da die geplante Automatisierung, die fast 20 Millionen Euro-Investition in Roboter und schlanke Fertigungsabläufe?

KLAPPROTH: Absolut ja, das ist gerade einer der Hauptgründe der geplanten Investition. Wir wollen mit einer leistungsfähigen Kochgeschirrproduktion auch die Stückzahlen erhöhen. Wichtiger ist allerdings die Steigerung der Flexibilität und vor allem der Wettbewerbsfähigkeit. Was hilft es, mehr und mehr Töpfe zu produzieren, wenn Sie dabei nicht wirtschaftlich agieren?

Bei der Umsetzung scheint es Verzögerungen zu geben.

KLAPPROTH: Das Gesamtprojekt liegt im Zeitrahmen, einzelne Teilprojekte verzögern sich aktuell. Das ist im Rahmen eines solch großen Projektes nichts Außergewöhnliches und wird sich sukzessive wieder einpendeln. Momentan haben wir als Kunde WMF bei den Anlagenbauern genauso Wartezeiten hinzunehmen, wie jede Privatperson auch, die aktuell beispielsweise auf ein Auto der deutschen Hersteller warten muss.

Das Kapitel Besteckfertigung wird in Geislingen vollends beendet, indem auch die Endbearbeitung und der Packsaal - samt den Arbeitsplätzen - wegfallen. Alle Bestecke werden nun im chinesischen Heshan produziert. Braucht man da nicht ein gehöriges Maß an Gottvertrauen, dass das alles klappt?

KLAPPROTH: Nein, überhaupt nicht. Wenn Sie sich die Geschichte der WMF einmal anschauen, werden Sie zunächst feststellen, dass wir a) immer auf der Höhe der Zeit gewesen sind und noch heute sind und dass es b) immer wieder Entwicklungen wie diese gegeben hat. Denken Sie an die WMF-eigene Glashütte oder auch die Galvanoplastische Kunstanstalt. Das gibt es genauso auch andersherum, wie mit den Kaffeemaschinen für zu Hause, deren Montage wir aus der Schweiz hier nach Geislingen geholt haben oder die Logistik, die wir heute selber betreiben und nicht mehr ausschließlich durch Fremdfirmen. Ein Unternehmen muss stets auf der Höhe der Zeit bleiben und dazu gehören immer auch Veränderungen.

Welche Vorteile hat Geislingen von der florierenden WMF? Darf sich die Stadt auf zweistellige Millionenbeträge bei der Gewerbesteuer freuen? KLAPPROTH: Über die Jahre gesehen mit Sicherheit. Nein, im Ernst, die dafür maßgeblichen Ergebniszahlen geben wir wie gewohnt erst im April bekannt.

Nach wie vor ist die WMF der größte gewerbliche Arbeitgeber im Kreis Göppingen. Wie sicher sind die noch in Geislingen angesiedelten Arbeitsplätze? Das neue Logistikzentrum lassen Sie ja in Dornstadt bauen.

KLAPPROTH: Das Logistikzentrum in Dornstadt trägt erheblich zur Sicherung der Arbeitsplätze am Standort Geislingen bei, das darf man keinesfalls verkennen. Investitionen wie diese sind Investitionen in die Zukunft, damit die WMF auch morgen noch wettbewerbsfähig ist. Diese Wettbewerbsfähigkeit sichert den Erfolg eines Unternehmens und damit das große Ganze. Die beiden Logistikstandorte Geislingen und Dornstadt sind von ihrem Charakter grundlegend verschieden. In Dornstadt geht es um die Kommissionierung größerer Einheiten bis hin zu Schiffscontainern. Hier in Geislingen sind wir in der Lage, auch Kleinstmengen zu kommissionieren, was in Dornstadt weder möglich noch angedacht ist.

Ist an die Entwicklung und Produktion neuer Produkte, neuer Sortimente in Geislingen gedacht?

KLAPPROTH: Wir entwickeln nahezu alle unsere Produkte hier in Geislingen. Wir entwickeln diese Produkte und Sortimente allerdings nicht für einen Produktionsstandort, sondern ausschließlich für unsere Kunden. Sollte sich herausstellen, dass sich ein vom Kunden gewünschtes neu entwickeltes Produkt zu wettbewerbsfähigen Kosten in Geislingen produzieren lässt, fertigen wir es natürlich auch hier. Das ist übrigens ganz aktuell mit den "Cool+"-Kochgeschirren der Fall.

Das Fabrikverkaufszentrum, das derzeit erweitert wird, lockt Kunden an - und macht damit auch Geislingen als Einkaufsstadt attraktiver. Mit welchen Kunden- und Umsatzzahlen rechnen Sie? Welche neuen Markenanbieter kommen dazu? 2013 soll sich das Zentrum dann wohl auch von der B 10 her präsentieren.

KLAPPROTH: Unsere Wettbewerber würden sich diese Ausgabe der Zeitung sicher einrahmen, wenn ich Ihnen die konkreten Kunden- und Umsatzplanungen nennen würde. Mit den jetzt neu dazu kommenden Partnern haben wir ebenfalls vereinbart, vorab nichts zu verraten. Es ist dagegen kein Geheimnis, dass sich die WMF über mehr Präsenz der Fabrikverkäufe zur B 10 sehr freuen würde. Wir wollen unser Möglichstes dazu tun, das könnte in der Tat 2013 Realität werden. Mit mehr Präsenz allein ist es allerdings nicht getan. Was hilft es uns, gesehen zu werden, wenn unsere Kunden dann nicht zu uns kommen können - oder zumindest nur auf Umwegen. Wir benötigen mittelfristig auch einen direkten Zugang von der B 10 und sind hier auch bereits in sehr konstruktiven Gesprächen mit der Stadt und dem Land.

Könnte die WMF hier nicht mutiger in Richtung eines Koch-Erlebniszentrums denken?

KLAPPROTH: Denken kann man grundsätzlich alles, finanzieren muss man es am Ende des Tages auch - dazu muss es sich wirtschaftlich rechnen.

Die WMF startet zusammen mit der Hochschule einen neuen Studiengang. Was versprechen Sie sich davon? Ist das noch ausbaufähig?

KLAPPROTH: Ja, ab dem kommenden Wintersemester wird es eine WMF-Stiftungsprofessur in Kooperation mit der HfWU hier in Geislingen geben. Der Studiengang wird "Nachhaltiges Produktmanagement" heißen und die komplette Wertschöpfungskette eines Produktes betrachten. Sowohl die HfWU als auch die WMF haben eine gesellschaftliche Verpflichtung, insbesondere gegenüber den nachrückenden Generationen. Wir zielen hier in erster Linie nicht auf einen direkten Nutzen für die WMF ab, auch wenn sicher einige der Absolventen dieses Bachelor-Studiengangs bei der WMF ihren Berufsweg beginnen könnten. Wir können uns darüber hinaus eine noch engere Kooperation mit der HfWU vorstellen, beispielsweise mittels gemeinsamer Lehr- und Lernprogramme, wie Zertifizierungslehrgänge, oder das Mitwirken von fachlich kompetenten und didaktisch geeigneten WMF-Führungskräften in der Lehre.

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