"Ich bin guten Mutes"

Heute vor sieben Jahren, am 14. Januar 2005, nahm Guido Till erstmals auf dem Chefsessel im Göppinger Rathaus Platz. Im Oktober stellt sich Till zur Wiederwahl. Eine Wechselstimmung spüre er nicht, sagt der OB im NWZ-Interview.

|

In wenigen Wochen werden Sie das erste Mal Vater. Wie ist Ihr Start ins neue Jahr verlaufen, Herr Till?

GUIDO TILL: Ruhig und gut. Ende Januar soll das Baby kommen. Da ist unser Bewegungsspielraum derzeit natürlich geringer. Meiner Frau und mir geht es gut. Wir freuen uns sehr. Ich bin sehr glücklich, dass ich das erleben darf. Es ist einfach toll.

Dann sind die anstehenden Vaterfreuden quasi das Sahnehäubchen auf Ihr Gefühl, in Göppingen angekommen und zu Hause zu sein?

TILL: Ja, es ist jetzt eine runde Sache. Ein Zeichen für Heimat. Auch beruflich sind viele Beziehungen gewachsen, mit Stadträten, Vertretern von Organisationen, Unternehmern. Da gibt es viel Kontinuität. Man geht aufeinander zu und versucht, die Menschen bei Entscheidungen mitzunehmen. Wichtig ist, dass man zu guten Ergebnissen kommt. Ich glaube auch, dass die Stadt Göppingen einen guten Ruf hat. Das zeigen auch die Rückmeldungen aus der Region. Dabei hat es Göppingen als Industriestadt nicht so einfach. Wir müssen immer etwas mehr tun als andere Kommunen. Wir haben zum Beispiel nur noch vier bis fünf gut erhaltene Fachwerkhäuser in der Innenstadt. Da müssen wir den Erhalt sichern.

Göppingen ist ansonsten eine eher klassizistische Stadt. Es wird inzwischen aber auch wieder über die "Göppinger Altstadt" gesprochen. Ist das ein Wandel im Denken?

TILL: In gewisser Weise schon und er ist wichtig. Sehen Sie, wenn wir über eine Altstadt sprechen, kann man nicht einfach ein altes Haus wegnehmen.

Gerade in Göppingen ist das in der Vergangenheit aber viel zu oft geschehen . . .

TILL: Ja, deshalb haben wir das geändert. In Kürze werden wir im Gemeinderat über die geplante Gestaltungssatzung beraten. Es geht um die Frage, wie wir das Gesamtbild erhalten. Ein sehr gutes Beispiel ist für mich in diesem Zusammenhang die neue Buchhandlung Herwig. Da haben wir durchgesetzt, dass das neue Gebäude ein Satteldach erhält. Auch den Neubau des Kräuterhauses St. Bernhard in der Lange Straße halte ich für sehr gelungen. Das Gebäude ist sehr schön geworden und die Lange Straße hat davon profitiert. Auf diese Weise wollen wir die Altstadt in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Auch das neue Bus-U, also die neue Linienführung in der Innenstadt und der busfreie Marktplatz bieten dafür eine große Chance. Die Dinge brauchen aber eben ihre Zeit. Denken Sie an die Neue Mitte. Die gibt es nun seit fast zehn Jahren, aber es dauerte einige Zeit, bis sich die Strukturen im Zentrum veränderten. Und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Am 14. Oktober stellen Sie sich zur Wiederwahl. Wie lautet Ihre Antwort auf die Frage, woran die Bürger merken, dass Guido Till Oberbürgermeister in Göppingen ist?

TILL: Für mich wäre es am wichtigsten, wenn die Bürger sagen würden: Dieser Mann tut Göppingen gut.

Tut er das?

TILL: Ich habe diesen Eindruck, ja. Und deshalb trete ich im Oktober auch gerne wieder an. Im Zeitraum zwischen 2005 und 2015 investiert die Stadt 85 Millionen Euro - und zwar in ganz unterschiedliche, wichtige Bereiche. Einige Projekte sind abgeschlossen, andere werden erst umgesetzt oder wir sind gerade dabei. Ich denke da zum Beispiel an die Querspange Pfingstwasen und den neuen B-10-Anschluss an der Öde, der Göppingen noch besser an Stuttgart und den Flughafen anbindet. Ich denke an die vielen, vielen Sanierungsmaßnahmen an Schulen, den Anbau ans Mörike-Gymnasium, die Mensa am Freihof-Gymnasium, der Ganztagesbereich des Hohenstaufen-Gymnasiums und die vielen Maßnahmen im Bereich der Kindertagesstätten. Wir sind da sehr breit aufgestellt und das ist auch gut so. An der Umsetzung sind in starkem Maße meine Mitarbeiter, der Gemeinderat und regionale Firmen beteiligt.

Fehlt Ihnen nicht trotzdem ein großes gelungenes Projekt, das die Bürger mit Ihnen als Oberbürgermeister in Verbindung bringen? Die Hotel-Pläne an der Stadthalle sind gescheitert, das Schlüsselgrundstück ist verloren, das geplante Einkaufszentrum in der Bleichstraße steht nach dem Absprung des größten Investors auf sehr wackligen Beinen . . .

TILL: Ich bin vor acht Jahren nicht angetreten, um in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Zahl von Projekten abzuschließen, unabhängig von den jeweiligen Bedingungen, der Finanzlage der Stadt oder den Kosten eines Vorhabens. So geht das auch nicht. Ich habe gelernt, in realistischen Zeiträumen zu denken. Aber ich erinnere daran: Wir haben es geschafft, mit dem örtlichen Unternehmer Johannes Krauter die Werfthalle im Stauferpark vor dem Verfall und Abriss zu retten. Heute ist die Werfthalle ein attraktiver und erfolgreicher Messe- und Veranstaltungsort. Wir haben mit dem Ausbau der Hohenstaufenhalle zur EWS-Arena eine neue Schulsporthalle realisiert, die sehr gut angenommen wird. Wir haben es geschafft, die Firma Kleemann in der Stadt halten. Das hochmoderne Unternehmen hat mehr als 300 Mitarbeiter. Wir haben den Stauferpark in den vergangenen sieben Jahren entwickelt. Die zur Verfügung stehenden Flächen werden allmählich überschaubar. Ich bin mir auch sicher, dass es den Golfpark noch viele, viele Jahre geben wird und es uns trotzdem gelingen wird, im Stauferpark weitere Flächen für Wohnbebauung zu aktivieren. Wir machen keine Schnellschüsse, sondern gehen immer sehr wohlüberlegt an Projekte heran.

Manche sprechen zuweilen auch von Göppinger Hängepartien . . .

TILL: Man muss auch sehen, dass wir 2008 und 2009 in Deutschland die schlimmste Finanz- und Wirtschaftskrise seit 1929 hatten. Wir vergessen immer so schnell. Beim Hotel sind wir nicht zu Potte gekommen. Und die Stadt selbst wird sicher kein Hotel bauen. Was die richtige Entscheidung betrifft, das Stromnetz von der ENBW zu kaufen und an unsere Stadtwerke zu übertragen und von der EVF betreiben zu lassen, gehören wir den zu den Städten, die diesen Schritt am gründlichsten geprüft haben.

Sehr gründlich geprüft haben Stadtverwaltung und Gemeinderat auch den Standort für ein neues Einkaufszentrum. Die Entscheidung fiel nach langem Hin und Her für die Bleichstraße. Jetzt haben sich die Investoren zerstritten. Und was nun?

TILL: Die Stadt kann sich um die Rahmenbedingungen für ein Einkaufszentrum kümmern. Wir können aber nicht die Entscheidung der Investoren beeinflussen. Wir reden hier über eine geplante Investition von 100 bis 120 Millionen Euro. Das muss jemand unternehmerisch verantworten.

Und was heißt das?

TILL: Wir sind nach wie vor daran interessiert, dass die Bleichstraße entwickelt wird und die Gespräche über den Bau des geplanten Einkaufszentrums werden am 20. Januar weitergehen. Wer an diesem Tag durch die Tür kommt, mit dem wird verhandelt. Ich würde es sehr bedauern, wenn der Investor Sonae Sierra aus dem Projekt aussteigt, aber ich sehe auch die Chance, dass die Familie Schenavsky das Vorhaben gemeinsam mit der Acrest Property Group realisieren kann. Für mich ist in der Bleichstraße in jeder Größenordnung etwas denkbar, also auch ein etwas kleineres Einkaufszentrum als bisher geplant. Von einer Hängepartie kann nicht die Rede sein, denn wir sprechen mit der erforderlichen Sorgfalt über dieses große Projekt. So langsam sind wir also gar nicht. Ich appelliere deshalb an alle Beteiligten, die Idee des Einkaufszentrums nicht so schnell aufzugeben. Allerdings will ich mich als Oberbürgermeister auch nicht die Themen Einkaufszentrum und Hotel reduzieren lassen.

Große Herausforderungen warten auch im sozialen Bereich, Stichwort Kinderbetreuung. Wie sehen Sie Göppingen auf diesem Feld aufgestellt?

TILL: Göppingen liegt bei der Schaffung von U-3-Plätzen schon jetzt über dem Landesschnitt und wir werden das von der Bundesregierung vorgegebene Ziel einer 35-Prozent-Abdeckung bis Ende kommenden Jahres gut erreichen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für uns ein sehr wichtiges Thema. Und das hat jetzt nichts mit meiner privaten Situation zu tun. Wir müssen als Kommune ein gutes Betreuungsangebot schaffen, damit Paare nicht zwischen Beruf und Kindern entscheiden müssen. Darüber hinaus sind wir sehr aktiv, was die notwendige Sanierung der Schulen betrifft, auch im Bereich Brandschutz. Wir haben eine neue Kindertagesstätte in der Pfarrstraße eröffnet und werden die Sprachförderung konsequent umsetzen. In Göppingen leben viele Migranten. Die Beherrschung der deutschen Sprache ist für die Teilhabe am Leben in der Stadt von elementarer Bedeutung.

Werfen wir einen Blick auf die OB-Wahl am 14. Oktober. Welche Signale empfangen Sie zurzeit?

TILL: Ich merke, die Menschen sind mir gegenüber wohlwollend. Und auch jenen, die mal ein Problem mit mir hatten, reiche ich die Hand für eine gute Zusammenarbeit. Für mich ist es wichtig, mit den Menschen zu reden. Ich führe viele Gespräche, auch mit den Grünen. Die Stadt Göppingen hat zum Beispiel eine sehr gute Ökobilanz. Ich bin guten Mutes und spüre keine Wechselstimmung. Ich möchte die Wahl gern im ersten Wahlgang gewinnen. Das ist nicht arrogant gemeint, sondern mein Ziel. Dafür werde ich mich anstrengen.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Suche nach der Brandursache in Hausener Lagerhalle

Mit einem Großaufgebot bekämpfte die Feuerwehr Bad Überkingen den Brand in einer landwirtschaftlichen Maschinenhalle in Hausen am Freitagabend. 2000 Liter Diesel entzündeten sich. weiter lesen