"Hier sind alle gleich"

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  • Das Essen kommt aus der Zentralküche der Wilhelmshilfe und wird an der Selbstbedienungstheke ausgeteilt (oben). Für eine Mahlzeit müssen zuvor Coupons gekauft (links) und dann eingelöst werden. Foto: Giacinto Carlucci/Hans Steinherr 2/3
    Das Essen kommt aus der Zentralküche der Wilhelmshilfe und wird an der Selbstbedienungstheke ausgeteilt (oben). Für eine Mahlzeit müssen zuvor Coupons gekauft (links) und dann eingelöst werden. Foto: Giacinto Carlucci/Hans Steinherr
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Sie ist keine Suppenküche und versteht sich auch nicht als Armenspeisung, obwohl es ums Essen geht. Die Göppinger Vesperkirche ist in erster Linie eine Begegnungsstätte - für alle, ob jung oder alt, mit ganz wenig oder etwas mehr Geld in der Tasche.

Von Hans Steinherr

Irgendwann und irgendwie hätten sie sich gefunden, sagen sie. Jetzt kämen sie regelmäßig her. Drei Männer im Alter zwischen 61 und 73 Jahren aus Bartenbach, Heiningen und Göppingen. Weil jeder alleine lebe und ihnen Zuhause sonst die Decke auf den Kopf fallen würde. Sie sind bei den Ersten, wenn täglich pünktlich ab 11.30 Uhr in der Stadtkirche Göppingen Mittagessen ausgegeben werden. Die Drei sind Stammgäste mit festen Zeiten und festen Sitzplätzen. Zwei sitzen mit dem Rücken zur Wand und mit Blick in den Kirchenraum mit den langen Tischreihen und den 140 Essplätzen. Das habe sich so ergeben. Auch dass sie ein gemeinsames Hobby hätten: die Eisenbahn. Und für die beiden Frauen - von denen eine eben noch im Krankenhaus lag und die andere sich nicht schämt, einzugestehen, dass es ihr finanziell nicht so gut geht - die meist später kommen, halten sie, wenn möglich, Plätze frei. Rituale auf Zeit. Sechs Wochen lang noch, bis zum 17. Februar. Schon zum 18. Mal wird immer zum Jahresbeginn die Stadtkirche zur Vesperkirche umfunktioniert.

"Keine Suppenküche und auch keine Armenspeisung", betont Wolfgang Baumung, der seit ein paar Jahren unterstützt von einer Vielzahl Ehrenamtlicher die Vesperkirche organisiert. Die Vesperkirche will ein Ort der Begegnung sein und findet deshalb in der Kirche statt.

Den drei Männern ist anzusehen, materielle Not leiden sie nicht. In erster Linie wollen sie vor der Einsamkeit fliehen. Zeit haben sie, rasch fangen sie an zu plaudern.

Freilich, ein warmes und günstiges Mittagessen für 1,50 Euro sei natürlich eine tolle Sache, sagen sie. Letztlich für sie aber lediglich eine Nebensache. Anderen geht es nicht so. Ihnen sieht man es auch an und Wolfgang Baumung weiß sowieso, wer es finanziell nötig hat und wer eigentlich nicht. In der Vesperkirche seien sie alle gleich und jeder sei willkommen. "Es kommen auch Leute zum Essen, die in Büros und Ämtern hier in der Nähe arbeiten. Nur Ausländer sieht man selten", die drei Männer wissen ebenfalls Bescheid.

Um 12 Uhr ertönt eine Klingel. Pfarrer Ekkehard Käss von der Martin Luther Gemeinde in Bodenfeld schellt um Aufmerksamkeit. Auch das ist Usus. Montags schaut immer er vorbei. An den anderen Wochentagen kommen andere Geistliche. Weil Fasnetszeit ist trägt Pfarrer Käss die biblische Geschichte von der Heilung des Lahmen vor. Die Tischgespräche verstummen abrupt, still wird weitergegessen. Die Gedichtform des Vortrags kommt gut an und es gibt Beifall.

Eine rüstige 86-Jährige aus Bartenbach hat ihren angestammten Sitzplatz gleich in der ersten Reihe vor der Theke, an der die Essen ausgegeben werden. Nur wenn der Enkel zu Besuch kommt, bleibt sie Zuhause. Bevor sie zum Essen gehe, würde sie sich immer zuerst in den Altarraum setzen und beten, sagt sie. Dem lieben Gott Dank, weil es ihr gut gehe und sie noch so gut beisammen sei. Sie kenne einige Frauen in ihrem Alter, die wie sie auch nur eine geringe Rente hätten, sich aber nicht trauen würden herzukommen. Die eine oder andere aber habe sie doch zuerst überredet und dann überzeugt, sagt sie stolz.

Ein Herr schräg gegenüber ist noch zwei Jahre älter. Man sieht es ihm nicht an. Mit den Augen sucht und findet er seine Gesprächspartner. Als ihm vor zweieinhalb Jahren die Frau weggestorben sei, habe er sich eineinhalb Jahre nicht mehr aus dem Haus gewagt. Dann hätten ihn die Kinder doch dazu gebracht raus zu gehen. Er komme jetzt schon das zweite Jahr in die Vesperkirche, erzählt er. Das sei gut für ihn, und dass man hier Leuten begegnen könne, die auch alleine seien. Das Zusammentreffen und das miteinander Reden helfe einem in der Seele. Bei der Hausarbeit aber ließe er sich noch nicht zur Hand gehen. Waschen, putzen, kochen könne er noch allein. Das sei ihm wichtig. Wie das Singen. Regelmäßig gehe er jetzt in einen Singkreis. Die alten Lieder, die man da singe, kenne er ja alle auswendig.

Viertel nach zwölf ist es voll geworden. Man kommt und geht. Jung wie alt. Ute (Name geändert) ist erst 40 Jahre alt. Vollzeitrentnerin. Die Zahnreihen mit den Lücken oben und unten machen sie älter. Quietschfidel sei sie, sagt sie, und dass man sie doch zusammen mit Oma Gertrud (Name geändert) mal fotografieren solle. Sie hätten sich vor einem Jahr auf der Straße kennengelernt. In die Vesperkirche kämen sie täglich. Oma Gertrud ist 73 und leidet darunter, dass ihr Lebenspartner ins Christophsbad gekommen sei. Ihre Augen sind wach, sie selbst wirkt müde. Stadtbekannt sei sie, aber fotografieren lassen wolle sie sich nicht. Mit Ute versteht sie sich. Die eine redet ungeniert laut, die andere verhalten und leise. In ihrer Wohnung gebe es keinen Strom, poltert Ute. Seit eineinhalb Jahren nicht mehr. Heizen könne man wegen der kaputten Fenster schlecht. Einen Ponyhof habe sie aufbauen wollen und sei gescheitert. Jetzt sei es ihr Traum, ein Mehrgenerationenhaus zu leiten, mit Menschen wie Oma Gertrud zusammenzuleben. Es fehle nur am Geld. Die leutselige Ute hat Appetit.

In der ersten Woche seien im Tagesschnitt 200 Essen ausgegeben worden, sagt Wolfgang Baumung. Rekord in 18 Jahren Vesperkirche. Heute seien es kurz rund 150 Essen gewesen. Ute hat sich inzwischen einen zweiten Teller mit Bratwurst und Kartoffeln geholt. Gemüse ist ausgegangen.

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