"Herz ist Motor des Lebens"

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  • Am Wochenende joggt er durch die Wälder, unter der Woche setzt er in der Göppinger Klinik am Eichert Stents in die Herzen seiner Patienten. Mit dem Chefkardiologen der Klinik, Prof. Dr. Stephen Schröder (46), sprach Hanns-Horst Bauer über den wichtigsten Muskel des Menschen und seine Belastbarkeit. 1/3
    Am Wochenende joggt er durch die Wälder, unter der Woche setzt er in der Göppinger Klinik am Eichert Stents in die Herzen seiner Patienten. Mit dem Chefkardiologen der Klinik, Prof. Dr. Stephen Schröder (46), sprach Hanns-Horst Bauer über den wichtigsten Muskel des Menschen und seine Belastbarkeit.
  • Stephen Schröder: "Sport ist das Medikament unseres Jahrtausends. Man muss ein bewusstes Körpergefühl entwickeln." Fotos: Hanns-Horst Bauer 2/3
    Stephen Schröder: "Sport ist das Medikament unseres Jahrtausends. Man muss ein bewusstes Körpergefühl entwickeln." Fotos: Hanns-Horst Bauer
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Herr Schröder, nach dem spektakulären 3:2-Sieg von Dortmund über Málaga und dem damit verbundenen Einzug ins Halbfinale der Champions League sprach BVB-Trainer Jürgen Klopp vor einigen Tagen davon, dass man kurz vor einem Herzinfarkt gestanden habe. Wie realistisch ist so eine doch wohl eher emotionale Aussage?

STEPHEN SCHRÖDER: Durchaus realistisch. Jürgen Klopp scheint ja ein sehr emotionaler Mensch zu sein, wobei ich allerdings seine Risikofaktoren nicht kenne.

Wie könnte man sich einen Herzinfarkt in so einer Situation erklären?

SCHRÖDER: In solchen stressigen Ausnahmesituationen erreicht der Sympathikus im Nervensystem enorme Höhen, der Blutdruck steigt und der Herzschlag geht hoch. Aus den Untersuchungen über die Ursachen des Herzinfarkts weiß man, dass bei ansteigender Herzfrequenz auch die Turbulenzen in den Herzkranzgefäßen ansteigen. Dadurch können Ablagerungen in den Gefäßwänden aufreißen und das Gefäß urplötzlich verschließen. Nach der Fußball-WM 2006 in Deutschland gab es eine aufschlussreiche Münchner Studie, die gezeigt hat, dass bei den Spielen der deutschen Mannschaft in den Kliniken weit mehr Herzinfarkte zu behandeln waren als sonst.

Wurden Sie in praxi auch schon mit Sportfanatikern konfrontiert?

SCHRÖDER: Ja, vor zwei Jahren hatten wir einen Patienten, der nach einem "Bayern"-Spiel mit einem Schlaganfall in die Klinik kam. Zum Glück noch rechtzeitig.

Wer ist denn besonders gefährdet? Auf welche Risikofaktoren sollte man achten?

SCHRÖDER: Ganz entscheidend sind die Gene. Wer jemanden in der unmittelbaren Verwandtschaft hat, der frühzeitig einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall hatte, der kann davon ausgehen, dass er, was Herz- Kreislauf-Erkrankungen betrifft, gefährdet ist. Das ist ein Risikofaktor, dem man nicht aus dem Weg gehen kann. Aber es gibt natürlich auch andere, für die man selbst verantwortlich ist und die man auch beeinflussen kann.

Dazu gehören vor allem?

SCHRÖDER: Auf jeden Fall das Rauchen und teils auch die Zuckererkrankung Diabetes mellitus Typ 2 oder der hohe Blutdruck. Beide können häufig durch eine gesunde Lebensweise zumindest gebessert werden.

Waren Sie selbst mal Raucher?

SCHRÖDER: Höchstens Gelegenheits- oder Genussraucher, aber das ist lange her. Und ich bin froh, dass ich damit aufgehört habe. Als Kardiologe ist man ja nur dann glaubwürdig, wenn man selbst nicht raucht.

"Herz" ist, betrachtet man seine Darstellung in Philosophie, Dichtung, Malerei oder Musik, ein stark emotional aufgeladener Begriff. Wie sieht da ein Kardiologe Paul Gerhardts altes Kirchenlied "Geh aus, mein Herz, und suche Freud", das bald wieder beim Göppinger Maientag gesungen wird?

SCHRÖDER: Als Kardiologe sehe ich es zunächst einmal natürlich mechanisch. Das Herz ist der Motor des Lebens. Und wenn dieser Motor plötzlich aus dem Takt kommt, dann gerät der ganze Kreislauf durcheinander. Deshalb besteht die Hauptaufgabe des Kardiologen darin, die Funktionen dieses Motors aufrechtzuerhalten. Dabei ist das Herz nur ein Teil im Körper eines Menschen, wenn auch, eingebettet in den Gesamtorganismus, ein ganz entscheidender. So muss ein guter Kardiologe natürlich auch die anderen Körperfunktionen und den Antrieb des Ganzen kennen und in Betracht ziehen. Da es dann nicht nur um die rein mechanische Behandlung gehen kann, kommt man sehr schnell auch auf grundlegende persönliche Fragestellungen und Emotionen zu sprechen.

Wie reagieren Patienten, denen der Haus- oder der Facharzt eröffnet, dass mit ihrem Herzen etwas nicht in Ordnung ist?

SCHRÖDER: Die einen, und das sind zum Glück nur wenige, gehen erst zum Arzt, wenns tatsächlich gar nicht mehr geht. Andere wiederum sind extrem vorsichtig, hören in sich hinein und spüren jeden Herzstolperer. In der Regel versuche ich, wenn alle medizinischen Untersuchungsergebnisse auf meinem Tisch liegen, durch intensive Beratung Verunsicherungen auszuräumen, was meist auch gelingt. Dann fällt ihnen förmlich der buchstäbliche Stein vom Herzen. Wichtig ist vor allem, dass der Patient auch selbst darum bemüht ist, sich auf die neue gesundheitliche Situation einzustellen und Warnsignale ernst nimmt.

Wie versuchen Sie ganz konkret auf die Ängste der Patienten einzugehen?

SCHRÖDER: Diese Ängste kann ich nur auf einer zwischenmenschlichen Ebene nehmen. Der Patient muss Kompetenz spüren und bemerken, dass es bei Erkrankungen keinen sichereren Ort als die Klinik und für Herzerkrankungen speziell das Herzkatheter-Labor gibt.

Dabei ist das vertrauensvolle Gespräch mit dem Patienten äußerst wichtig. Werden Ärzte bei ihrer Ausbildung da entsprechend vorbereitet?

SCHRÖDER: Ich mache an der Uni Tübingen für die Medizin-Studenten seit vielen Jahren den "Untersuchungskurs". Da lernen sie ganz konkret, wie wichtig die zwischenmenschliche Interaktion ist. Das kann schon der erste Augenkontakt sein. Zu 90 Prozent kann man durch ein direktes Gespräch und geschicktes Weiterfragen zu einer Diagnose kommen. Sehen, Hören, Fühlen, das ist das Handwerkszeug für jeden Arzt. Danach muss man alles richtig kanalisieren und die Apparate geschickt einsetzen, um die Diagnose zu sichern.

Welche Bedeutung hat im vermeintlichen Ernstfall der Notruf 112?

SCHRÖDER: Wenn irgendetwas unklar ist, sollte man sofort 112 wählen. Lieber einmal zu früh in der Notaufnahme als einmal zu spät. Die Rettungskette kann nur so gut sein, wie derjenige der sie in Anspruch nimmt.

Im Ernstfall ganz konkret Hilfe zu leisten, ist für viele ein Problem. Mund-zu-Mund-Beatmung oder Herzmassage? Das ist hier oft die bang gestellte Frage.

SCHRÖDER: Wichtig ist zunächst, bei einem Bewusstlosen mit fehlender Atemtätigkeit sofort mit der Herzdruck-Massage zu beginnen, um den Kreislauf wieder in Gang zu setzen. Außerdem muss Hilfe gerufen werden, diese ist zumeist sehr schnell vor Ort. Falls dann doch eine Mund-zu-Mund-Beatmung nötig wäre, dürften viele in so einer extremen, Adrenalin-gesteuerten Situation über sich selbst hinaus wachsen.

Die Klinik am Eichert hat eine Kardiologie, aber keine Herzchirurgie. Ist an der Behauptung, beide Fachgebiete stünden in Konkurrenz zueinander, etwas dran?

SCHRÖDER: Ob operiert und beispielsweise ein Bypass gelegt oder ob via Katheter ein Stent als Herzkranz-Gefäßstütze eingesetzt wird, das ist immer eine Einzelfallentscheidung, die nach klaren Kriterien gefällt wird. Die letzendliche Entscheidung liegt natürlich immer beim Patienten. Kardiologie und Herzchirurgie ergänzen sich partnerschaftlich.

Südwest 3 hat unter dem Motto "Skalpell bitte" im November vergangenen Jahres aus der Uniklinik Tübingen live eine Bypass-OP im Fernsehen übertragen. Wie fanden Sie das?

SCHRÖDER: Sehr gut. Dadurch kann man die Angst vor einer so großen Operation abbauen oder gar verlieren.

Und was ist mit den vielen Arzt-und Klinik-Serien im TV?

SCHRÖDER: Früher habe ich die ganz gerne angesehen, "Emergency Room" zum Beispiel, weil da auch viele medizinische Details gestimmt haben. Aber mittlerweile gibt es ja eine Inflation solcher Serien mit Soap-Charakter.

Eine richtige Inflation gibt es mittlerweile in den Print-Medien beim Ärzte-Ranking. Was halten Sie von solchen Hit-Listen?

SCHRÖDER: Ehrlich gesagt - nicht viel. Es ist ja nicht so, dass die Aufgeführten tatsächlich auch die Besten sind. In der Regel wird man angefragt, muss eine Vielzahl von Daten und Fakten liefern, die dann in eine Hitliste gebracht werden. Diejenigen, die diese Zahlen nicht liefern wollen, und das sind doch die meisten, tauchen gar nicht auf. Ich bin überzeugt, dass die medizinische Qualität "um die Ecke" in Deutschland sehr gut ist. Für manche Behandlungen braucht es dann aber doch den Spezialisten, den man am besten durch den direkt behandelnden Arzt erfragt.

Wann begann eigentlich Ihr Herz für die Medizin zu schlagen?

SCHRÖDER: Da mein Vater Mediziner war, bin ich mit dem Arzt-Beruf groß geworden, wollte aber eigentlich immer etwas ganz anderes machen. Nach dem Abi war ich bei der Bundeswehr und habe danach ein Pflegepraktikum gemacht. Da wurde mir klar, dass das meine Welt ist. Und der Arbeitsplatz Krankenhaus ist für mich auch heute noch besonders befriedigend, weil man hier im Team arbeiten kann.

Wodurch kann ich mein Herz fit halten?

SCHRÖDER: Vor allem durch Sport. Sport ist, um es mal plakativ zu sagen, das Medikament unseres Jahrtausends. Man muss ein bewusstes Körpergefühl entwickeln, dann kommt alles wie von selbst. So wird Bewegung tatsächlich zu einem Bedürfnis.

Und wie machen sies?

SCHRÖDER: Ich jogge sehr gerne am Wochenende im Wald. Und hier in der Klinik benutze ich, eine Art Disziplinierung, keinen Aufzug, sondern die Treppen, rauf und runter. Fast immer.

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