"Habe mich begeistern lassen"

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Baronin Spies, erinnern Sie sich noch an Ihre erste ehrenamtliche Tätigkeit?

ELISABETH FREIFRAU SPIES VON BÜLLESHEIM: Oh ja. Mein erster ehrenamtlicher Einsatz war, als ich mit Ende zwanzig mit meiner Tante nach Lourdes gefahren bin. Die Malteser bieten ja seit den fünfziger Jahren für Kranke und Menschen mit Behinderung Pilgerfahrten nach Lourdes an. Seit dieser Fahrt bin ich große Vertreterin des ehrenamtlichen Engagements.

Wann hatten Sie zum ersten Mal engeren Kontakt zu den Maltesern?

BARONIN SPIES: Aufgrund meiner Lourdes-Fahrten habe ich mich mehr mit den Inhalten beschäftigt und habe mich begeistern lassen. Zum einen für deren Geschichte, zum anderen wegen der Art und Weise, wie die Malteser ihren Auftrag leben und weitergeben. Mit über 40, also spät, habe ich geheiratet, bin zu meinem Mann nach Flensburg gezogen, der dort in einem Malteser-Krankenhaus als Leiter vom Seelsorge- und Sozialdienst tätig war. Durch meine Lourdes-Erfahrung verspürte ich die Berufung für die Altenarbeit und nutzte die Chance zur Fortbildung als Altentherapeutin. So erfuhr ich Ende der 80-er Jahre von der Hospizbewegung, die damals ganz langsam aus England zu uns herüberschwappte. Bereits 1967 hatte Cicely Saunders mit dem Londoner St. Christophers Hospice die moderne Hospizbewegung ins Leben gerufen und damit altes Traditionsgut mit moderner Medizin und Pflege verbunden.

Früher wurden ja Ältere oder Kranke von Zuhause aus gepflegt. Kennen Sie das auch?

BARONIN SPIES: Natürlich. Ich habe von daheim, da bin ich meinen Eltern sehr dankbar, immer eine hohe Wertschätzung gegenüber alten Menschen mitbekommen. Es gab viele Tanten in unserer Familie und es war einfach selbstverständlich, dass auch betagtere Familienmitglieder oft eingeladen oder besucht wurden. Gleichfalls eine Tradition war es, dass wir sonntags stets auf den Friedhof gegangen sind, um den Toten zu gedenken. So erlebte ich bereits als Kind ein Familienbewusstsein, dass alle dazu gehören, die Neugeborenen genauso wie die Verstorbenen. Zudem engagierten wir uns im Bereich der Kirche. Der Malteser Orden war mir nicht fremd, auch deshalb, weil es bei uns in der Familie immer Malteser Ritter gegeben hatte. Das gehörte einfach dazu.

Wann kamen Sie dann mit der Hospizarbeit in Berührung?

BARONIN SPIES: In Flensburg hatte ich die große Chance, irgendwie war die Zeit reif dafür, für das älteste Malteser Krankenhaus, das St. Franziskus-Hospital und für die Diakonissenanstalt, das erste Hospiz in Schleswig Holstein aufzubauen. Bundesweit gab es damals für diese Arbeit sechs Vorbilder. Das war für mich eine belebende Pionierzeit, in der ich viel mit einbringen und gestalten konnte. Zuerst bauten wir eine ambulante Gruppe auf, die Hospizbewegung wird ja insbesondere vom Ehrenamt getragen, und 1992 eröffneten wir dann unser stationäres Hospiz mit sechs Betten.

Seit wann widmen sich die Malteser eigentlich dieser Aufgabe?

BARONIN SPIES: Unser Malteser Orden wurde 1099 in Jerusalem gegründet, als erster christlicher Pflegeorden überhaupt. Damals gehörte die Begleitung von Schwerstkranken und Sterbenden ganz selbstverständlich zum Leben. Vieles, was in der Satzung des Ordens aus dieser Zeit steht, ist ganz modern. Wir kommen ja heute wieder immer mehr dahin, dass wir sagen, der Mensch ist eine Einheit von Körper, Geist und Seele. Für die damaligen Helfer war es eine Selbstverständlichkeit, dass Körper und Seele zusammengehören. Oder die Art und Weise, dass immer die Wünsche des Sterbenden, Kranken im Mittelpunkt steht und nicht die Wünsche der Pflegenden für die Patienten. Noch bevor die katholische und evangelische Kirche sich dazu bekannte, waren die Malteser längst in der Hospizarbeit tätig. Das ist eine Uraufgabe unseres Ordens. Geprägt von christlicher Nächstenliebe und fachlicher Kompetenz haben wir uns in der Hospizlandschaft einen Namen gemacht. Die Malteser nahmen, gemeinsam mit anderen, eine Vorreiterrolle ein und durch ihre tätige Hilfe und den Gang in die Öffentlichkeit haben sie das Tabu von Sterben, Tod und Trauer aufbrechen geholfen. Eine großartige Leistung - genau da müssen wir weitermachen.

DRK, Johanniter, Malteser - wo genau liegt der Unterschied?

BARONIN SPIES: Gut und wichtig sind sie alle, weil sie Not lindern helfen. Die Johanniter sind eine evangelische Organisation und gehören zur Diakonie und wir sind eine katholische Hilfsorganisation und gehören zur Caritas. Das Deutsche Rote Kreuz ist in religiöser Hinsicht neutral. In unserem Leitsatz, den wir seit über 900 Jahren haben - Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen - sehen wir einen Auftrag. Wenn wir den heute nicht ernst nehmen, dann brauchen wir uns nicht Malteser zu nennen.

Die Malteser werden ihr Trauerangebot ausweiten - wie genau sieht das aus?

BARONIN SPIES: Eins unserer neuen Projekte nennt sich: "Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit". Hier arbeiten wir mit Schulen und Kindertagesstätten zusammen und greifen das Thema Trauer auf, um den betroffenen Kindern und Jugendlichen praktische Hilfen anzubieten. Trauer ist jedesmal eine natürliche Reaktion auf ganz unterschiedliche Verlusterfahrungen. Das muss nicht zwangsläufig den Tod eines Familienangehörigen bedeuten, es kann auch die Scheidung der Eltern, ein Wohnungswechsel oder der Verlust des geliebten Meerschweinchens dahinterstecken. In der Vergangenheit ist die Trauer gerade bei Kindern viel zu wenig ernst genommen worden. Ich weiß noch, wie einmal eine Frau zu mir sagte: Mein Kind darf nicht über den Friedhof gehen, mein Kind nehme ich zu keiner Beerdigung mit. Das ist aber total falsch.

Liegt es an der Angst oder Unsicherheit der Erwachsenen Kindern den Tod zu erklären?

BARONIN SPIES: Ganz sicher. Da haben die Erwachsenen oftmals große Scheu davor. Die Angst in uns allen, gerade was das Sterben und den Tod betrifft, ist einfach da. Sterben wird nicht mehr so natürlich wie früher mit in unser Leben eingebaut, wo das Sterben ja meistens zuhause passierte und die Kinder oft mit dabei waren. Das heißt nicht, dass es leicht war, aber es war nie so ein Tabu wie bei uns heute. Zudem trauern Kinder ganz anders als Erwachsene, oft unkomplizierter.

Schwierig wird es bestimmt, einem Kind den plötzlichen Herztod des Vaters zu erklären.

BARONIN SPIES: Richtig. Nach so einer Schockerfahrung kommt eine ganz natürliche Trauerreaktion. Und die bei Kindern anzusprechen und ernst zu nehmen, ist äußerst wichtig. Bitte keinesfalls denken: Da reden wir nicht darüber. Häufig kommen Schuldgefühle hinzu, weil die Kinder meinen, es ist passiert, weil sie unartig, böse waren. Während meiner Arbeit bekam ich einmal mit, dass ein Kind, nachdem es den Begriff "der ist eingeschlafen" gehört hatte, wahnsinnig schlecht schlief. Die Eltern wussten nie genau warum. Doch irgendwann kam heraus, das Mädchen hatte stets im Hintergrund, nie wieder aufzuwachen. Deshalb versuchen wir mit Hilfe der Pädagogen mit Betroffenen in Schulen und Kindertagesstätten ins Gespräch zu kommen und bieten Trauergruppen an, wie zum Beispiel hier in Göppingen.

Sie sagen ja auch, Trauerbegleitung sei Gesundheitsprävention . . .

BARONIN SPIES: Die Erfahrung darüber zeigt, dass nicht ausgesprochene, ungelebte Trauer zu psychosomatischen Schäden führen kann. Schlaf- oder Essensstörungen, schulische Leistungen werden extrem schlechter, das Kind zeigt Aggressionen oder zieht sich völlig in sich selbst zurück. So gesehen handelt es sich um ein Zukunftsprojekt, welches eine Gegenfinanzierung durch die Krankenkassen sinnvoll macht, um ein funktionierendes Trauerangebot für Kinder und Jugendliche dauerhaft in Deutschland zu etablieren. Dennoch ist mitentscheidend, dass die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung wach bleibt. Wichtig und wertvoll ist dabei auf jeden Fall das ehrenamtliche Engagement.

Bei allem Respekt für ehrenamtliche Helfer, doch braucht man dazu nicht Fachpersonal?

BARONIN SPIES: Ganz klar. Es gibt natürlich gewisse Voraussetzungen, die uns der Gesetzgeber vorlegt. Bei den Koordinatoren gibt es eine ganz klare Vorgabe, was sie können müssen. Die Ehrenamtlichen werden nach einem bestimmten Konzept befähigt, besser gesagt, vorbereitet. Wichtig ist die eigene Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer. Ist jemand selbst in akuter Trauer, raten wir für eine Weile vom Dienst ab. Außerdem muss die Familie mit dem Engagement einverstanden sein, weil es ein sehr herausfordernder Einsatz ist und oftmals daraus eine vertraute Beziehung mit den Schwerstkranken, Sterbenden entsteht. Zu 98 Prozent sind die Haupt- und Ehrenamtlichen Frauen, vielleicht weil sie mit Gefühlen offener umgehen können. Manche Betroffene öffnen sich lieber einem Mann, deshalb sind auch Herren herzlich willkommen.

Bekommen die Schwerstkranken lindernde Medikamente?

BARONIN SPIES: Natürlich. Der Sinn der Hospizarbeit und Palliativmedizin ist, einen lebensverkürzt Erkrankten ganzheitlich zu umsorgen und ihm auf jeden Fall die Schmerzen zu erleichtern. Die moderne Entwicklung der Medizin macht es mit entsprechender Medikamentation Gott sei Dank möglich, dass in der Regel der Schmerz gar nicht mehr auftaucht. So entsteht auch am Lebensende noch Lebensqualität und die Lieben können ganz anders voneinander Abschied nehmen, zum Beispiel einander verzeihen, sich versöhnen. Der Menschen größte Angst ist ja nicht einmal die vor dem Tod, sondern vor argen Schmerzen, dem Alleinsein und leider immer häufiger, dem zur Last fallen. Hospiz bedeutet ja Herberge und Pallium Mantel. Man lindert in der Palliativmedizin den Schmerz und legt quasi dem Schwerstkranken einen schützenden Mantel um in einer wertschätzenden, liebevollen Haltung. Früher hat man ja für das Sterben oft "Das Zeitliche segnen" gesagt. Ein wunderschöner Satz, den ich sehr gerne mag. Für mich heißt das, dass jemand in Frieden, versöhnt mit seinem Leben, seinen Lieben, sterben kann.

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