"Furchtbarer Shakespeare"

Kurzweilig und amüsant ist das barocke Tagebuch von Samuel Pepys aus London. In Göppingen entstand daraus eine unterhaltsame Konzertlesung.

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Eigentlich ist es ja verboten, in fremden Tagebüchern zu lesen. Aber genau das macht die ganze Sache so spannend, wenn man dann mal die Gelegenheit bekommt, einen tiefen Einblick in die geheimsten Gedanken eines anderen Menschen zu bekommen. So ist das auch bei den überlieferten Tagebüchern des englischen Flottenbeamten Samuel Pepys. Mit seiner Blasensteinoperation im Januar 1662 beginnen dessen Tagebuchaufzeichnungen, die tiefe Einblicke in die Gesellschaft der damaligen Zeit geben.

Mit der intensiven Beschreibung der Operation, inklusive dem Fesseln der Arme und Beine mit Seidentüchern und dem Schnitt ins Fleisch beginnt der bekannte Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler seine Lesung aus Pepys Tagebuch. "Dem äußeren Anschein nach passiert nicht viel in einem Menschenleben. Schaut man aber genau hin, was an einem Tag geschieht - oh, was ist das für ein erregendes Treiben", schreibt Samuel Pepys über seine täglichen Aufzeichnungen. Kurios ist der Gang in seinem neuen Seidenrock durch London, um für die Ärmel vergoldete Spitze zu kaufen, während beim Nachbarn das Haus wegen der Pest versiegelt wird. "Beim Nachbarn bricht die Pest aus und die Wildpastete schmeckt nach Fisch", notiert Pepys abends.

Ergänzt wird die Lesung aus Samuel Pepys Tagebuch durch die stimmige Barockmusik des Berliner Ensembles Lautten Compagney, das mit zeitgenössischen Arien und Tanzsätzen unterhalten. Mit einer vielfältigen Musikauswahl, großer Musizierfreude und einer ganz eigene Interpretation verwandeln sie die Lesung in ein temperamentvolles musikalisches Schauspiel. Die Doppelrolle als Sängerin und Pepys Ehefrau übernimmt die fantastische Sopranistin Susanne Ellen Kirchesch. Die junge Künstlerin überzeugt sowohl durch ihre eindrucksvolle Stimme und ihre gefühlvolle musikalische Interpretation, als auch durch ihre schauspielerischen Qualitäten und Bühnenpräsenz.

Eindrucksvoll war auch der Auftritt von Gustav Peter Wöhler, der mit seiner markanten Stimme, seiner wandelbaren Mimik und ganz beschwingt singend und mit seiner Partnerin tanzend, dem mitteilsamen Lebemann und Frauenhelden Pepys Stimme und Körper leiht. Wunderbar die Szene, in der sich Pepy mit seiner Ehefrau zankt, weil er sie verdächtigt, eine Affäre mit dem Tanzlehrer zu haben. Die richtige Mischung aus Sex, Eifersucht, Geldgier und die Bettgeschichten des englischen Königs machen das Tagebuch zu einer unterhaltsamen barocken Daily-Soap. Während des Krieges mit Holland lässt Pepys sein Gold im Garten vergaben, und ausführlich schildert er den Verlauf des großen Stadtbrandes, der halb London in Schutt und Asche legte. "Bei dem Anblick kommen mir die Tränen", vertraut er seinem Tagebuch an. Falsch lag er jedoch mit der Einschätzung des Theaters seiner Zeit. "Selten ist es so mies, wie wenn sie diesen furchtbaren Shakespeare spielen", schreibt er. "Romeo und Julia ist wohl das schlechteste Stück, das ich je gesehen habe."

Für ihren ausgezeichneten Auftritt gab es für Darsteller und Musiker minutenlangen Applaus.

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