"Für Kinder nur das Beste"

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  • Fast zweihundertmal hat Cornelius Hauptmann (60) den Sarastro in Mozarts "Zauberflöte" gesungen. Jetzt unterrichtet er selbst Sänger und beschäftigt sich mit Wiegen-, Volks- und Kinderliedern. Mit dem Bassisten sprach Hanns-Horst Bauer über Singen als Muttersprache, Kids-DSDS und späten Stimmbruch. 1/3
    Fast zweihundertmal hat Cornelius Hauptmann (60) den Sarastro in Mozarts "Zauberflöte" gesungen. Jetzt unterrichtet er selbst Sänger und beschäftigt sich mit Wiegen-, Volks- und Kinderliedern. Mit dem Bassisten sprach Hanns-Horst Bauer über Singen als Muttersprache, Kids-DSDS und späten Stimmbruch.
  • Cornelius Hauptmann: "Oper wird heute leider teilweise präsentiert wie Deutschland sucht den Superstar." Fotos: Hanns-Horst Bauer 2/3
    Cornelius Hauptmann: "Oper wird heute leider teilweise präsentiert wie Deutschland sucht den Superstar." Fotos: Hanns-Horst Bauer
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Herr Hauptmann, was reizt ausgerechnet einen Bassisten, der sich doch auf der Opernbühne häufig im Bösewichter-Milieu befindet, an Wiegen- und anderen volkstümlichen Liedern?

CORNELIUS HAUPTMANN: Als ich von einem befreundeten Musiklehrer erfahren habe, dass die meisten Zwölfjährigen heute das Lied Der Mond ist aufgegangen nicht mehr kennen, hat mich das so aufgeregt, dass ich mir überlegt habe, was man dagegen unternehmen kann. Da kam mir die Idee mit dem Wiegenlieder-Projekt, für das ich dann nicht nur den Stuttgarter Carus-Verlag, sondern auch viele prominente Sänger begeistern konnte. Die Bundeskanzlerin hat sogar die Schirmherrschaft übernommen.

Wie haben die Promis reagiert, als sie auf das Projekt angesprochen wurden?

HAUPTMANN: Ob Jonas Kaufmann oder Angelika Kirchschlager, Kurt Moll, Helene Schneiderman oder Christoph Prégardien, alle waren begeistert. Selbst Peter Schreier, mittlerweile 76, hat nach einigem persönlichen Zureden mitgemacht, als er gehört hat, dass er Weißt du, wie viel Sternlein stehen singen darf.

Worauf kam es Ihnen bei dem ehrgeizigen Benefiz-Projekt ohne Gage vor allem an?

HAUPTMANN: Auf die Qualität. Bei den Liedern und bei den Interpreten. Je einfacher das Lied ist, desto besser muss der Sänger sein. Für Kinder nur das Beste!

Aber macht es Kindern und Erwachsenen überhaupt Spaß, mit so großen und ausgebildeten Sängern zusammen zu singen?

HAUPTMANN: Eher weniger. Die CDs sollen vor allem als Anreiz, als Anregung zum gemeinsamen Singen dienen. Zum ganz konkreten Mitsingen gibts ein Buch mit eingelegter CD, wo die Liedsätze, für Kinder eigens höher transponiert, von Geige mit Klavierbegleitung gespielt werden. Für Kinder ist Singen eine Art emotionaler Zuwendung, äußerst wichtig für die soziale und für die Intelligenz-Entwicklung. Singen ist ja, so der Geiger Yehudi Menuhin, die eigentliche Muttersprache des Menschen.

Können Sie sich noch daran erinnern, mit welchen Liedern Sie am besten eingeschlafen sind?

HAUPTMANN: Der Mond ist aufgegangen war für mich als Kind sicher eines der wichtigsten Lieder. Ich singe heute immer wieder in Alten- und Pflegeheimen und mische dabei Schubert, Schumann und Loewe mit Volks- und Wiegenliedern. Dabei habe ich festgestellt, dass über 90-Jährige noch alle sieben Strophen dieses populären Wiegenlieds mitsingen können und mich dabei stolz anstrahlen. Mit solchen einfachen Liedern kann man ältere, vor allem auch demente Menschen aus ihrer Lethargie holen.

Wiegenlieder also auch für Erwachsene?

HAUPTMANN: Ja, unbedingt. In den Strophen von Matthias Claudius Gedicht steckt doch richtige Philosophie drin, wenn es in der dritten Strophe heißt: Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn. Aber hallo, das stimmt heute noch!

Sie haben mit Ihren Kindern sicher auch gesungen. Wie haben die reagiert?

HAUPTMANN: Natürlich haben meine Frau und ich von Anfang an mit unseren beiden Kindern gesungen. Als ich mit dem Wiegenlieder-Projekt begonnen habe, habe ich meine Tochter angerufen und ihr, als Test gewissermaßen, Schlaf Kindlein, schlaf vorgesungen. Bei der Stelle die Mutter schüttelts Bäumelein hat sie tatsächlich ins Telefon gegähnt, wie sie es als Kind schon immer gemacht hat. Das Lied löst offensichtlich entspannende Gefühle aus.

Singen zur Entspannung, Singen aus Spaß an der Freud. Kann da auch Dieter Bohlen mit seiner neuen TV-Show DSDS Kids anknüpfen?

HAUPTMANN: Nein, ganz bestimmt nicht. Das ist einfach nur schrecklich. Wenn man Kinder so öffentlich ausstellt, dann sind wir auf dem untersten Niveau angelangt. Da singen sie nicht mehr aus Spaß und in der Gemeinschaft, sondern nur noch, um egoistisch einen Preis zu holen. Das ist eigentlich, um es ganz hart auszudrücken, Kindesmissbrauch.

Wie sind Sie persönlich zum Gesang, zum Sängerberuf gekommen?

HAUPTMANN: Da mein Vater Mitglied des berühmten Leipziger Thomanerchors war, haben wir zu Hause als fünfköpfige Familie natürlich fünfstimmig gesungen. Dabei sang ich immer die Oberstimme, denn ich war, man glaubt es kaum, ein hoher Sopran, und das auch noch bis zum Stimmbruch im Alter von knapp 17 Jahren. Das war mir furchtbar peinlich, denn ich hätte als Jugendlicher eher die Königin der Nacht als Sarastro singen können. Im Kinderchor des damaligen Süddeutschen Rundfunks konnte ich allerdings schon früh meine ersten professionellen Gesangserfahrungen sammeln.

In der Freizeit immer nur Lieder und Klassik, wurde das nicht langweilig?

HAUPTMANN: Nach dem Stimmbruch habe ich zum Ausgleich auch Rockmusik mit der damals sehr progressiven Band Eulenspygel gemacht.

Der Sarastro war im Verlauf Ihrer Karriere wohl Ihre Lieblingspartie?

HAUPTMANN: Der war sicher meine wichtigste und meine liebste Rolle. Den habe ich, damals war ich in Stuttgart noch eine kleine Nummer, im Staatstheater am Gärtnerplatz in München zum ersten Mal gesungen. Insgesamt komme ich auf fast 200 Aufführungen.

Welche Partien hätten Sie noch gerne auf der Bühne gesungen?

HAUPTMANN: Ich bin eigentlich ganz zufrieden. Den König Philipp aus Verdis Don Carlos hätte ich vielleicht auch gerne mal in französischer oder italienischer Sprache gesungen und nicht nur auf Deutsch. Macht aber nix. Meine künstlerische und stimmliche Gewichtung lag ja auch immer eher auf dem Gebiet der Oratorien und Liederabende als im Opernbereich. Für einen basse noble wären Partien von Wagner eher grenzwertig gewesen, und als Bürgermeister van Bett in Lortzings Zar und Zimmermann hätt ich mir die Stimme ruiniert.

Apropos Stimme ruinieren, wie wichtig sind eigentlich Meisterkurse bei berühmten Stars für die Karriere eines Sängers?

HAUPTMANN: Die sind sicher ein Aushängeschild und zugleich eine Verpflichtung. Wenn ich 24 Jahre lang von einer Gesangslegende wie Elisabeth Schwarzkopf auf dem Karriereweg begleitet werde, dann darf ich einfach nicht schlecht singen. Sonst blamiere ich nicht nur mich, sondern auch die große Sängerin. Vor allem dann, wenn sie plötzlich, wie in Winterthur geschehen, unerwartet in einem Liederabend von mir in der fünften Reihe sitzt.

Sind Sie genauso unerbittlich und gnadenlos streng bei Ihren Meisterkursen wie die einst bei Sängerinnen und Sängern gefürchtete Frau Schwarzkopf es war?

HAUPTMANN: Ja, aber ich bin pädagogisch anders gepolt, freundlicher in Wortwahl und Ton.

Was unterscheidet Opernstars von früher von denen, die augenblicklich auf Operntour gehen?

HAUPTMANN: Oper wird heute leider teilweise präsentiert wie Deutschland sucht den Superstar. Wenn Anna Netrebko in Stuttgart singt und die Karte 450 Euro kostet, dann finde ich das einfach gaga. Der Hype, der heute um Opernstars gemacht wird, ist überzogen und der Musik nicht dienlich, auch wenn sie noch so gut singen. Profitieren können höchstens die großen Plattenfirmen und Agenturen, die die Stars zum Teil buchstäblich verheizen.

Sie haben mit vielen großen Dirigenten zusammengearbeitet. Welche haben Sie in besonders guter Erinnerung?

HAUPTMANN: Bei den Dirigenten natürlich allen voran Leonard Bernstein, aber auch Zubin Mehta, John Eliot Gardiner, Nikolaus Harnoncourt oder Roger Norrington. Ein bisschen bedauerlich finde ich, dass ich nie mit Simon Rattle und Claudio Abbado singen konnte, aber man kann schließlich nicht alles haben.

Auf der Opernbühne sind die Tenöre meist die attraktiveren Charaktere. Wären Sie vielleicht statt Sarastro oder König Philipp doch lieber Tamino, Cavaradossi oder Werther gewesen?

HAUPTMANN: Natürlich nicht, denn die Bässe halten, was die Tenöre versprechen - ein alter Sängergag. Gilt jedoch nur auf nichtmusikalischem Gebiet. Ich glaube, die Erwartungen und stimmlichen Anforderungen an Tenöre - besonders auf der Opernbühne - sind noch höher als die an die anderen Stimmfächer. Sie stehen sehr im Fokus der Fans und der Presse, und wehe, ein Tenor hat mal ein hohes C in den Teich gesetzt. Ob Rolando Villazón wirklich wieder ganz okay ist? Ob Jonas Kaufmann das alles durchhält? Nee, danke, das brauch ich nicht. Zudem glaube ich, dass die Einsamkeit für Tenöre in solchen Positionen noch quälender sein kann als für Bassisten.

Ist eines Ihrer Kinder in Ihre Fußstapfen getreten?

CORNELIUS HAUPTMANN: Nein, keines. Mein Sohn hat sich schon als Kind mehr um den Computer gekümmert als ums Klavier. Erst als wir ihm angeboten haben, er dürfe dreimal so lang an den Computer, wie er zuvor am Klavier war, hat das mit dem Üben einigermaßen geklappt.

Aber musikalisch sind sie schon?

HAUPTMANN: Ja, sicher, aber wenn der Vater singt, dann trauen sich die Kinder nicht. Sehr gerne haben die Beiden als Kinder allerdings zu Hause Oper gespielt und sich dabei richtig ausgetobt. Sie sind auch überall mit hingereist, wo ich gesungen habe. Die kennen ihre Lieblingsoper Die Zauberflöte vorwärts und rückwärts. So konnten sie sich sehr früh ein Urteil über Sänger und Inszenierungen bilden. Der Papa war natürlich immer der Beste.

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