"Es geht um Lebenskraft"

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Herr Heizmann, wie viel wiegen Sie?

PATRIC HEIZMANN: Ich wiege ausreichend.

Sie wollen es nicht verraten?

HEIZMANN: Da gibt es kein Geheimnis, ich bin aber nach dem BMI, diesem Body-Mass-Index übergewichtig. Tatsächlich. Obwohl ich einen Körperfettanteil von 10 Prozent habe. Ein Kilo ist ein Kilo, egal ob Muskulatur oder Fett. Aber die Muskeldichte ist höher und dass ist das, was letztendlich den BMI disqualifiziert.

Wiegen Sie sich jede Woche?

HEIZMANN: Nein, ich guck mich im Spiegel an. Sehe ich dann meine Bauchmuskeln nicht mehr, drücke ich ein klein wenig auf die Bremse. Im Prinzip haben ja alle Männer einen Waschbrettbauch, es liegt nur genügend Wäsche drauf. Mit 16 Jahren brachte ich stolze 94 Kilogramm bei 1,79 Meter Körperlänge auf die Waage. Würde ich nicht so ernährungsbewusst wie heute leben, wäre ich sicher ziemlich moppelig. Gleichwohl gönne ich mir auch mal gerne eine Tafel Schokolade oder eine Pizza. Wichtig dabei ist, regelmäßig zu essen, um Hungerattacken zu vermeiden. Und solange man nicht unter Naschdemenz leidet, ist alles ok. Dieses ständige Zwischenreinfuttern ohne es wirklich wahrzunehmen - und abends denken, ich habe gar nichts Richtiges gegessen - und haut sich noch den Magen voll. Ganz schlecht. Auch bewusst wenig zu essen, bringt nichts und macht auf lange Sicht eher dick als schlank. Der Körper passt sich schnell an und verbraucht weniger Energie. Isst man dann wieder mehr, wird diese sofort gespeichert und flugs erlebt man den berüchtigten Jojo-Effekt.

Bücher wie Show laufen ja unter dem Titel: Ich bin dann mal schlank?

HEIZMANN: Ja. Es gibt praktisch so eine Art Ratgeber, ein Grundkonzept, um die Methode zu verstehen. Dazu gibt es das passende Kochbuch sowie ein acht Wochen dauerndes Erfolgsprogramm, mit dem man Stück für Stück kleine Veränderungen durchmacht. Und für danach gibt es die "Länger-durchhalten"- Info. Alles zusammen macht Sinn.

Da stand doch bestimmt Hape Kerkelings Buch Ich bin dann mal weg" Pate?

HEIZMANN: Stimmt. Meine Frau hat das Buch sogar dreimal gelesen, ich nur einmal (lacht). Ich fand ihn toll. Er verfolgt darin ein ganz klares Ziel - und zwar den Weg dorthin. Er wusste aber nicht, was unterwegs alles passieren wird und hat es am Anfang wohl auch unterschätzt. Das ist genau das, was ich versuche zu vermitteln. Am Anfang kleine Schritte zu machen, sich darüber zu freuen und dabei das ganz große Ziel schon mal vor dem geistigen Auge zu haben.

So ist der Vorsatz, 30 Kilo abzunehmen, der falsche Weg?

HEIZMANN: Ich würde das gar nicht an der Kilogrammzahl fest machen. Doch die meisten denken so, weil es so gelehrt wurde. Es geht eher darum, dass man sich eine Vision macht - was möchte man mit der schlanken Figur in Bezug auf andere Menschen erleben? Welche Reaktionen erwartet man? Möchte man wegen des Übergewichts nicht mehr gemoppt oder vom Partner mehr geliebt werden? Und da muss man sich natürlich die Frage stellen, schafft man das tatsächlich durch die Gewichtsreduktion? Ich bin kein Verfechter von Man muss zwangsläufig schlank sein. Es geht darum, dass man sich einfach besser fühlt, mit dem was man tut. Es geht um Lebenskraft.

Warum braucht die Menschheit noch ein neues Ernährungskonzept? Diätbücher gibt es doch wie Sand am Meer.

HEIZMANN: Ich denke mal, die Menschen wollen gar nicht belehrt, die wollen unterhalten werden. Und ich sehe mich quasi als Ernährungs-Entertainer oder als Gesundheits-Motivator mit Nährwert.

Die Leute scheinen Ihnen zuzuhören, denn Ihre Veranstaltungen sind stets voll.

HEIZMANN: Da hören sie nicht nur zu, da hören sie sogar hin (lacht). Und das ist viel besser. Die klassische Ernährungsberatung in Seminaren oder im Einzelgespräch ist meist ermüdend, trocken und langweilig. Ich habe selbst lange so gearbeitet und dabei festgestellt, bei der ZDF - sprich Zahlen-Daten-Fakten-Methode - bleibt nur wenig hängen. Letztendlich bin ich aber seit gut zwanzig Jahren in diesem Thema Autodidakt und versuche, Unterhaltung mit fundiertem Wissen in meiner Show zu verbinden. Wichtig ist für mich der Humor als Transportmittel und eine Bildersprache, die zündet, weil man sie versteht. Alles was ich erzähle - dazu gehört auch die Bekämpfung des inneres Schweinehundes - das lebe ich auch, und zwar mit jeder Faser meines Körpers. Das bekommen die Menschen auch aus meinen Büchern oder auf der Bühne an Spirit mit. Das heißt, sie können mir vertrauen.

Warum sollten sie das tun?

HEIZMANN: Ich bin zutiefst überzeugt von dem, was ich sage. Genau so tief bin ich davon überzeugt, wenn die Menschen nur ein bis zwei ihnen entgegenkommende Tipps aus dem Buch oder der Show mitnehmen und diese dann auch umsetzen, um dann selber zu spüren irgendwie gehts mir besser - dann machen sie ganz automatisch weiter. Es geht erst einmal um diesen Funken, den ich gerne entzünden möchte. Mehr kann ich nicht machen. Ich kann eine Tür zeigen, aber durchgehen müssen die Menschen selber.

Trotzdem wird die Bevölkerung immer dicker und bei Formaten wie Biggest Looser oder Schwer verliebt böse vorgeführt?

HEIZMANN: Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich habe da mal kurz reingezappt und bin gleich wieder raus. Damit ist, denke ich, alles gesagt.

Andererseits gibt es auch solche, die ständig betonen, wie attraktiv oder gesund sie sich auch mit 30, 40 Kilo mehr auf den Rippen wohlfühlen. Schwer zu glauben.

HEIZMANN: Nein, das möchte ich so nicht sagen. Erst einmal kommt es auf das Übergewicht an. Dann kann es auch sein, dass diese Person gar nicht weiß, wie sich schlank anfühlt, weil sie schon 10, 20 Jahre oder noch länger einfach so dick ist. Diese Leute sollten mal für ein paar Stunden einen Zementsack auf dem Rücken mit rumschleppen, dann würden sie schnell die ganze Wucht an Masse merken. Sie müssen es fühlen und verstehen. Sind aber keine körperlichen Schmerzen vorhanden und sie haben trotzdem ihren Freundeskreis, ihr soziales Umfeld, das sie genau so akzeptiert, wie sie sind, dann sehen diese Menschen keinen Grund, warum sie zwangsläufig etwas verändern müssen. Sicher gibt es einige, die sich was in die Tasche rein lügen, um eben keine Veränderungen hervorrufen zu müssen. Letztendlich, was jeder Mensch im tiefsten Kern möchte, ist Liebe. Und es geht immer um Aufmerksamkeit oder Anerkennung.

Gibt es eigentlich die viel beneideten guten Futterverwerter?

HEIZMANN: Meinen Sie so eine laufende Müllverbrennungsanlage? Und dann gibt es Menschen, die in der Sauna zweimal diesen Himbeer-Joghurt-Aufguss einatmen und zack, schon haben sie ein Kilo drauf. Ganz klar, Gene spielen eine Rolle, werden allerdings auch ganz häufig überschätzt. Meistens sind es fiese Verhaltensgene. Bei Männern ist es das Zuviel-Biertrink-gehn, bei Frauen das Zu-oft- Kühlschrank-gehn, das sind eben diese typischen Gene (lacht).

Obwohl wir genau wissen, was dick macht, ernähren wir uns noch immer falsch. Warum?

HEIZMANN: Stimmt. Wir haben kein Wissensproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Erstens, wissen die Menschen gar nicht, was sie dadurch erreichen können. Wenn man einmal emotional erlebt hat, wie man sich in einem schlanken, gesunden, kräftigen Körper fühlt und wird dann aufgrund von Problemen zum Frustesser und dick und dicker. Dann weiß man zumindest tief innen drin, wie es sich anfühlen würde, wenn man schlank ist. Doch viele Menschen haben das nie kennengelernt. Gerade bei unserer heutigen Jugend ist das ein Riesenproblem. Meine Generation hat draußen rumgetobt, Fußball gespielt, ist auf Bäume geklettert oder war im Sportverein. Heute machen sie nur Konsolen- und Daumen-Sport und verpassen insofern, ihren Muskelapparat aufzubauen. Eine vergebene Chance, die man nie mehr aufholen kann. Ich selbst trainiere nie mehr als drei Stunden in der Woche oder eine halbe Stunde am Tag. In meinem Buch beschreibe ich auch Übungen für zuhause oder im Büro.

Und das zweite Übel?

HEIZMANN: Wir leben in einem unglaublichen Überfluss. Die ständige Verfügbarkeit von Fast-Food, für mich übrigens Füllstoffe und keine Lebensmittel. Uns werden Joghurts als Darmsanierer und Säfte als gesunde Vitamin-Lieferanten verkauft, dabei sind beide Zuckerbomben ohne Ende. Die Werbung spricht unseren Bauch an und lässt den Verstand außen vor. Ich nenne das Lebensmittel-Pornografie. Über tolle Bilder, Gerüche und Suggestion wird uns Lust und Emotion verkauft und dagegen kann sich der Kopf nur ab und zu wehren. 90 Prozent der Nervenstränge führen Richtung Kopf und der Rest in Richtung Bauch. Das heißt, wir können ein Mal Salat denken, während der Bauch neun Mal Pommes sendet (lacht). Anderes Beispiel: In Kindergruppen, wo meine Frau mit unserer knapp zweijährigen Tochter vertreten ist, gibt es jetzt schon gewisse Rituale. So muss nach dem Sport als Belohnung immer was Süßes her. Also, werden heutzutage Kinder zwischen ein und zwei Jahren schon für Bewegung belohnt. Das hinterlässt definitiv Spuren. Und sich gegen diese uralten Verhaltensmuster vergangener Generationen zu wehren, bedeutet zwar einen Riesenkampf, ist aber enorm wichtig.

Sie raten zum perfekten Tag. Wie sieht der aus?

HEIZMANN: Grundsätzlich gehören Dinge wie frühstücken, viel trinken und sich bewegen dazu. Aber bei mir geht es nicht um eine bestimmte Methode, die ich vermitteln will. Ich gebe nur Navigationshilfen im Ernährungs-Dschungel. Man sollte aber auf jeden Fall entspannt mit dem Thema umgehen und sich dann selbst ganz individuell seinen perfekten Tag basteln.

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