"Ein Verlust der Spargelder ist gänzlich ausgeschlossen"

In einer Serie beleuchten wir die Zeit vor und nach dem Kriegsausbruch in Geislingen, der für die Bevölkerung unerwartet eintrat. Nur die SPD protestierte in den letzten Friedenstagen gegen den Krieg.

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Erst wenige Tage vor Kriegsausbruch mischten sich vereinzelt ernste Andeutungen in die ansonsten unpolitischen lokalen Meldungen der GEISLINGER ZEITUNG. Im Vorfeld des Kinderfestes, das am 27. Juli stattfand, war zu lesen: "Das rote Kreuz mag nur einen kurzen Augenblick daran erinnern, dass auch andere, ernste, ja schwere Zeiten kommen können. Aus der Freude darüber, dass wir unser Kinderfest im Frieden inmitten all unser Lieben halten dürfen, mag die Gebelaune herauswachsen für die Zwecke des Roten Kreuzes."

Über das Kinderfest schrieb die GZ am 28. Juli: "Der Festzug bewegte sich durch die festlich geschmückten Straßen zum schönen Festplatz. Mit dem gemeinschaftlichen Gesang Geh aus mein Herz und suche Freud wurde die Feier eröffnet. Fröhlich und mit heiterem Sinn brachten die Kleinen ihre Vorführungen zur Abwicklung. Wirklich herzerquickend war es, die Kleinen bei ihren Spielen, entrückt von allem Ernst des Lebens und der unruhigen Zeit, zu sehen." Weiterhin wird von hervorragenden turnerischen Vorführungen berichtet und Attraktionen für Kinder wie Autokarussell, Kasperltheater, Luftballons usw.

Wie ein Donnerschlag muss nun die weitere Entwicklung der Ereignisse auf die Bevölkerung gewirkt haben. In der gleichen Ausgabe schrieb die GZ: "Serbiens Antwort ungenügend!" und am 29. Juli wird die offizielle Kriegserklärung Österreichs an Serbien im Wortlaut abgedruckt.

Nun wird auch erstmals im Lokalteil auf die weltpolitischen Ereignisse Bezug genommen. Wohl um panikartige Rückzahlungswünsche der Sparer zu vermeiden, wie sie in der gleichen Ausgabe von Stuttgart beschrieben wurden, erging der beruhigende Hinweis an die Leser, dass ein Verlust der Spargelder auch im Kriegsfall gänzlich ausgeschlossen sei. Bekanntlich wurde aber als Folge des Krieges mit der Inflation alles Geldvermögen vernichtet.

Am 30. Juli wurde zum ersten Mal eine Veranstaltung "wegen eingetretener Umstände" abgesagt und zwar das Schau-Schwimmen des Schwimmvereins im Freibad in Kuchen. Aus Stuttgart wird von einer Protestaktion der SPD gegen den Krieg berichtet. Dem Artikel ist zu entnehmen, dass dabei sozialistische Lieder gesungen wurden, eine größere Demonstration aber von der Polizei verhindert wurde.

Am 31. Juli wurde noch über die Hoffnung Berlins berichtet, dass sich Österreich und Russland noch in letzter Minute einigen werden. In Geislingen wird nun ein Versammlungsverbot erlassen, nachdem in der Fabrikkolonie Kuchen ein Pockenfall festgestellt wurde. Das für den 2. August geplante Parteifest der SPD wurde damit verboten. Vermutlich wurde der Pockenfall als willkommener Anlass benutzt, um mögliche Proteste gegen den Krieg schon im Ansatz zu stoppen.

Am 1. August erscheint schließlich fettgedruckt als große Schlagzeile: "Erklärung des Kriegszustandes auf Grund Art. 68 der Reichsverfassung. Zur raschen Durchführung der Mobilmachung geht die vollziehende Gewalt an die Militärbefehlshaber über."

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