"Eigenem Gewissen folgen"

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Wie darf ich Sie anreden?

GRAF STAUFFENBERG: Graf Stauffenberg.

Warum sind Sie zu Ihrem Vortrag am 28. Mai 2014 gerade nach Donzdorf gekommen?

GRAF STAUFFENBERG: Ich war schon einmal hier im Kreis Göppingen: im Jahr 2004 an der Geschwister-Scholl-Realschule in Süßen. Und der Kontakt zu Gero Hummel, der immer wieder hartnäckig war, hat dazu geführt, dass ich jetzt zum 70. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler wieder in den Kreis Göppingen gekommen bin.

Wo wohnen Sie heute und haben Sie Familie?

GRAF STAUFFENBERG: Wir wohnen in Oppenweiler und ich habe eine Frau und drei Söhne im Alter zwischen 50 und 55 Jahren, die aber nicht in der Nähe wohnen.

Warum sind Sie Generalmajor geworden - und nicht etwa Künstler, Wissenschaftler oder

Pazifist? Hat Sie Disziplin gereizt?

GRAF STAUFFENBERG: Mein Berufswunsch war Offizier. Ich habe gedacht, dass es mir Spaß macht, mit Menschen umzugehen. Und ich habe die Wahl nicht einen Tag bereut. Disziplin und Kameradschaft sind eine notwendige Folge dieses Berufes. Na, und Pazifist ist ja kein Beruf. Im Unterschied zu meinem Vater, der musisch und literarisch begabt und interessiert war, bin ich eher technisch interessiert. Ich wurde immer an meinem Vater gemessen, den ja viele Ältere noch kannten. Und ich musste auch mit dem 20. Juli leben. Mit: "Sind Sie der Sohn vom Vater?" 1994 bin ich als Generalmajor in den Ruhestand getreten, nachdem ich etwa 20 Umzüge im In- und Ausland mitgemacht habe. Seit 2000 gibt es niemand mehr in der Bundeswehr, der als Kind diese Zeit erlebt hat.

Wo sind Sie zur Schule gegangen?

GRAF STAUFFENBERG: Nach der Befreiung konnten wir ins Haus meiner Mutter zurück, das durch Beschuss beschädigt und ausgeplündert war. Aber den Schreibtisch meines Vaters gibt es heute noch. Und man musste ja auch wieder an sein Vermögen kommen. Wir Kinder bekamen dann einen Hauslehrer, der uns half, die verlorene Zeit nachzuholen. Von 1947 bis zum Abitur 1953 war ich dann im Internat in Salem. Ich habe zuerst Jura studiert, das dann aber ohne Trauer abgebrochen. Soldat bin ich 1956 geworden.

Wann haben Sie zum ersten Mal bewusst erfahren, was die Nazis mit Ihrem Vater gemacht haben?

GRAF STAUFFENBERG: Am Tag danach aus dem Radio. Da war ich zehn Jahre alt.

Was passierte mit Ihnen, nachdem Ihr Vater hingerichtet worden war?

GRAF STAUFFENBERG: Die Erwachsenen wurden alle verhaftet und wir vier Kinder wurden ins Kinderheim gebracht. Meine Mutter, die mit meiner jüngsten Schwester schwanger war, kam ins KZ Ravensbrück. Sie ist 2006 gestorben.

Wie haben Sie die Zeit im Kinderheim erlebt?

GRAF STAUFFENBERG: Wir bekamen andere Namen. Es wurde uns gesagt, wir hießen jetzt "Meister". Warum wir da waren, darüber wurde im Heim nicht gesprochen. Die Behandlung war freundlich und die Verpflegung mit Steckrüben und Kartoffeln und Kartoffeln und Steckrüben einfach. Ich bin heute der Heimleiterin noch dankbar. Anderen Leuten ging es auch nicht besser. Es gab keine Schule und keine Kirche und ich frage mich noch heute, was wir dort den ganzen Tag gemacht haben.

Wie haben Sie als Kind Ihren Vater erlebt?

GRAF STAUFFENBERG: Fast gar nicht. Nur auf Urlaubsbesuchen. 1943 war mein Vater wegen einer schweren Verwundung länger da, danach habe ich ihn nur noch dreimal kurz gesehen.

Welche Rolle hat Ihre Mutter für Sie gespielt? Gab es einen Vaterersatz?

Graf Stauffenberg: Na ja, sie hat uns allein aufgezogen. Einen direkten Vaterersatz gab es nicht. Unser Schulleiter war väterlich und ein Vorbild für uns.

Wie sehen Sie die damalige Zeit heute?

GRAF STAUFFENBERG: Ich habe eigentlich keine schlechte Erinnerung. Bombenangriffe und Vertreibung blieben uns erspart und wir waren unter uns. Wir wären um Haaresbreite ins KZ gekommen, haben aber Glück gehabt. Wir haben zwar unter der Isolation gelitten, waren aber nicht ständig mit dem Ausgestoßensein konfrontiert. Es ging uns auch nicht schlechter als den anderen. Wir, also auch meine Brüder, haben jedenfalls kein Trauma davongetragen.

Sind Sie in einer Partei?

GRAF STAUFFENBERG: Ich bin in der CDU, aber erst seit meiner Pensionierung. Vorher ging das vom Beruf her nicht.

Was bedeutet für Sie Demokratie heute?

GRAF STAUFFENBERG: Es ist von den schlechten die beste Staatsform.

Wenn Sie in die internationale Politik schauen, wo müsste man heute aktiven Widerstand leisten?

GRAF STAUFFENBERG: Darüber könnte man eine halben Abend reden. Dort, wo es nicht freiheitlich und demokratisch zugeht.

Wenn Ihr Vater heute noch leben würde, was glauben Sie, wofür würde er sich

einsetzen?

GRAF STAUFFENBERG: Ich glaube nicht, dass er sich die heutige Zeit vorstellen könnte. Man denke beispielsweise an die Mobilität. Wie viele Leute hatten damals ein Auto? Oder an die schnelle Kommunikation von heute. Er hatte eine Vorstellung von Sitte und Anstand. Seine Moralvorstellungen waren von der Religion geprägt.

Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?

GRAF STAUFFENBERG: Weiß ich gar nicht so genau. Meine Frau und meine Religion.

Wenn Sie der jüngeren Generation etwas mitgeben könnten, was wäre das?

GRAF STAUFFENBERG: Nie dem scheinbaren Vorteil folgen, sondern dem eigenen Gewissen. Und ohne religiöse Bindung ist das nicht vorstellbar.

Mögen Sie Tiere?

GRAF STAUFFENBERG: Ja. Wir haben wieder einen Hund, nachdem der vorige gestorben ist. Dixa, eine acht Monate alte Kurzhaar-Zwergdackel-Hündin.

Was mochten Sie als Kind gerne essen und was gar nicht?

GRAF STAUFFENBERG: Fisch mochte ich gar nicht. Aber Spaghetti mit Tomatensauce sehr.

Rauchen Sie?

GRAF STAUFFENBERG: Ja, Zigarre und Pfeife. Bei der Pfeife braucht man nicht so viele Aschenbecher.

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