"Die können wirklich alles - und das perfekt"

Jazz mit Jodlern erlebten die Besucher bei einem Odeon-Konzert mit Christian Muthspiels "Yodel Group". Muthspiel näherte sich im Alten E-Werk der alpenländischen Volksmusik "mit Respekt und Ehrfurcht".

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Jodeln und Jazz, wie soll das zusammen gehen? So mag sich mancher vor Beginn des Konzertes der "Yodel Group" des österreichischen Komponisten, Posaunisten und Keyboarders Christian Muthspiel gefragt haben. Doch alle, die sich im Alten E-Werk neugierig auf diese vermeintlich schwierige Synthese zweier so gegensätzlicher Musikstile eingelassen haben, wurden reichlich für ihre Neugier belohnt. Muthspiel, nach eigener Aussage mit alpenländischer Volksmusik aufgewachsen, näherte sich, als Profi inzwischen mit allen Musikstilen vertraut, diesen tradierten Klängen erneut: "Mit Respekt und Ehrfurcht", wie er im Gespräch unterstrich, doch auch mit der Absicht, den Stil zu brechen, etwas Neues, bisher Ungehörtes, Unerhörtes auf diesem Fundament zu entwickeln.

Und das gelingt ihm und seinem Sextett aus hochkarätigen Profis höchst eindrucksvoll: Der Deutsche Fabian Rucker (Saxofone, Klarinetten), der Schweizer Mathieu Michel (Flügelhorn, Trompete), der Franzose Franck Tortiller (Vibrafon) sowie Jerome Harris (E-Bass) und Bobby Previte (Drums) aus den USA, allesamt Könner auf ihren Instrumenten, bewiesen unter Muthspiels resoluter Leitung, dass Jodler, Inbegriff des Wohlklangs und in vielen Musikantenstadls bis zur Kitschigkeit pervertiert, von hoch motivierten Vollblutjazzern zu einem anspruchsvollen Konzertprogramm entwickelt werden können.

Dabei sind die von der Yodel Group beschrittenen Wege gar nicht so neu: Ähnlich wie im amerikanischen Jazz die Vorlagen bis heute oft dem Blues und der Bluegrass-Musik entliehen sind und teils sehr frei bearbeitet werden, zitiert auch die Yodel Group mit ihren Instrumenten ausgewählte Jodler (es gibt deren reichlich; denn jeder größere Berg hat seinen eigenen, erklärte Muthspiel ironisch), wobei zunächst totale Harmonie die Zuhörer umhüllt und zum Mitsummen einlädt.

Doch ehe es zu heimelig wird, durchbricht einer der Musiker, oft ein Bläser, das Idyll jäh mit einem Misston, einer schräg geblasenen kleinen Sekunde etwa, die so gar nicht in den fülligen Wohlklang passen will. Andere Instrumente ziehen nach, der Wohlklang zerbricht. Der Drummer wechselt das Metrum, Rucker singt die Melodie des Jodlers ins Mundstück der Bassklarinette, während er sie mit dem Instrument paraphrasiert. Muthspiel loopt Tiefsttöne seiner Posaune, seines Keyboards oder Synthesizers, die er stimmlich verfremdet und so einen Klang erzeugt, der dem eines Didgeridoo-Quartetts ähnelt.

Das Vibrafon Tortillers variiert die Jodelmelodie und rhythmisiert sie zusammen mit Bass und Drums. Rucker hat mittlerweile seine Bassklarinette zur Seite gestellt und umspielt das Leitmotiv in rasenden Vierundsechzigsteln mit dem Saxofon, während Mathieu Michel mit seiner gestopften Trompete Erinnerungen an Miles Davis wachruft.

Und dann mündet die Phase freien Spiels, überleitend in den nächsten Jodler, plötzlich wieder in den ursprünglichen Wohlklang. "Die können wirklich alles - und das perfekt!", so lässt sich die Reaktion des Publikums zusammenfassen, das nunmehr davon überzeugt ist, dass Jodeln und Jazz durchaus zusammenpassen können.

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