"Der Lehre Jesu nachfolgen"

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Herr Naud, Sie sind nicht nur Leiter der Heilsarmee in Deutschland sondern auch in Litauen und Polen. Auch geografisch betrachtet eine große Aufgabe?

PATRICK NAUD: Diese geografische Aufteilung stammt natürlich nicht von mir. Das hat die Hauptstelle der Heilsarmee in London so bestimmt. Es ist sicher nicht immer einfach nach Litauen oder Polen zu reisen. Doch es gehört zu meinen Aufgaben die Korps, also die Gemeinden, in diesen Ländern zu besuchen.

Wäre es denn da nicht einfach deutschsprachige Länder zusammenzufassen?

NAUD (lacht): Das wäre sicher einfacher. Noch einfacher wäre es, wenn ich selbst Deutscher wäre. Aber es ist so in der Heilsarmee, dass man manchmal sehr schnell in andere Länder versetzt werden kann. Ich habe mich nicht beworben oder angefragt, aber ich habe mich gefügt.

Unterscheidet sich das Tun der Heilsarmee , die eine sozial geprägte christliche Freikirche ist, in den drei Ländern?

NAUD: Die Herzen der Menschen sind überall gleich. Wir kümmern uns um die menschlichen Probleme, die vorhanden sind. Die sind auch überall gleich. Aber natürlich in unterschiedlicher Ausprägung. In Litauen gibt es sehr viele Menschen, die Probleme mit dem Alkohol haben. Sehr viele haben auch keine Arbeit. Auch in Polen gibt es sehr arme Leute. Wir versuchen vor allem für Kinder und Jugendliche etwas zu tun. Wenn die Menschen keine Arbeit haben, dann gibt es häufig Schwierigkeiten in der Familie. In ärmeren Ländern ist das sicher häufiger der Fall. Aber grundsätzlich ist das in Deutschland, Polen und Litauen überall ein gleiches Problem.

Welche Aufgabe haben Sie als Leiter der Heilsarmee denn genau?

NAUD: Ein Leiter braucht ein gutes Konzept. Zunächst einmal hat er die Aufgabe die Mitglieder der Heilsarmee, die Offiziere, bei ihrer Arbeit und Fürsorge, die sie leisten, ständig zu ermutigen und zu motivieren. Er soll neue Ideen haben, kreativ und innovativ sein, wenn es darum geht Hilfsprojekte zu schaffen. Wir haben im letzten Jahr eine Strategie entwickelt, die sich Vision 2030 nennt. Da geht es darum, dass sich die Heilsarmee viel mehr als bisher nach außen öffnet. Es geht uns und mir darum, zu sehen und zu hören, was man über uns denkt und sagt. Für die Entwicklung der Heilsarmee in Deutschland ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Wir wollen Kritik akzeptieren. Ich sehe mich in meiner Funktion als Motor und Motivator.

Wie wird man Leiter der Heilsarmee in Deutschland? Wurden Sie gewählt oder berufen?

NAUD: Ich habe eines Tages aus London vom chief of the stuff, dem 2. Mann im internationalen Hauptquartier der Heilsarmee, einen Anruf erhalten und er hat mich gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen. Es gibt keine Wahl, man wird berufen für eine solche Aufgabe.

Hätten Sie Nein sagen können?

NAUD: Durchaus. Hätte ich gesagt, das ist zu viel für mich, ich kann das nicht, wäre das akzeptiert worden. Natürlich hätte ich meine Entscheidung begründen müssen.

Sie sind Oberst. Einfache Mitglieder der Heilsarmee werden Soldaten genannt und ihre deutsche Zentrale in Köln nennt sich Hauptquartier. Das klingt doch alles nach straffer militärischer Organisation und weniger nach Demokratie?

NAUD: Ich will es so sagen, die Heilsarmee, die Ende des 19. Jahrhunderts in England entstanden ist, ist nicht mehr die Heilsarmee von heute. Wir sind heute offener, demokratischer geworden. Die Leitung besteht nicht mehr nur aus Befehlsgebern, und die Mitglieder sind nicht einfach Befehlsempfänger. Wir greifen heute auch auf Fachleute zurück, die nicht Mitglied in der Heilsarmee sind, und wir lassen uns beraten. Heute anders als früher baut die Heilsarmee auf demokratischen Strukturen auf. Ein Leiter kommt nicht mehr ohne Demokratie aus. Er muss danach handeln und die Meinungen anderer respektieren. Es hat sich viel geändert. Die Heilsarmee ist offener geworden und es ist auch meine Aufgabe die Heilsarmee noch offener zu gestalten. Die militärischen Titel freilich sind geblieben und ich denke, das wird auch so bleiben. Aber ich kann meine Kollegen in London heute duzen und ich kann völlig frei und ungehindert meine Arbeit tun. Heute kommt es mehr auf ein gutes Verständnis untereinander an als auf einen militärischen Umgang. Das ist ganz wichtig. Die Heilsarmee hat sich strukturell total verändert.

In der Heilsarmee gibt es weder Taufe noch Abendmahl. Es bleibt den Mitgliedern aber freigestellt, diese Sakramente in anderen Glaubensgemeinschaften zu praktizieren. Können sie denn zugleich der katholischen oder evangelischen Kirche angehören?

NAUD: Zunächst will ich sagen, dass ich großen Respekt vor Taufe und Abendmahl habe. Die Heilsarmee verzichtet darauf. Wir haben andere Schwerpunkte. Zuerst ist es uns wichtig, der Lehre von Jesus Christus nachzufolgen und dem Heiligen Geist Platz im eigenen Leben einzuräumen. Das dritte Wichtige ist, Armen und Bedürftigen zu helfen. Andere Kirchen setzen andere Schwerpunkte. Wer dort Mitglied werden will, muss sich taufen lassen. Ganz zum Beginn, als die Heilsarmee noch Christian Mission hieß, gab es bei uns auch Taufe und Abendmahl. Unser Gründer William Booth aber glaubte, dass viele Christen die Bedeutung von Taufe und Abendmahl überhaupt nicht verstanden haben. Die Heilsarmee wollte diesen Menschen den wahren Glauben näher bringen und nicht nur Rituale vermitteln. Die Mitglieder in der Heilsarmee sind frei. Es gibt Menschen, die sich in der Heilsarmee wohl fühlen, aber der evangelischen oder katholischen Kirche angehören. Diejenigen, die eine Uniform der Heilsarmee tragen, sollen sich aber, so denke ich, zur Lehre der Heilsarmee bekennen. Mitglieder der Heilsarmee - Salutisten - unterschreiben ein strenges Gelübde und sie verpflichten sich, beispielsweise jeden Tag in der Bibel zu lesen und bestimmte Dinge nicht zu tun. Nicht zu rauchen, keinen Alkohol zu trinken.

Die großen christlichen Kirchen in Deutschland verlieren immer mehr Mitglieder. Wie ist die Situation in der Heilsarmee?

NAUD: Ich würde sagen in Deutschland wie überall in Europa tun wir uns schwer, neue Mitglieder zu finden. Es sind nicht viele, die an unsere Türe klopfen. Wohl wegen des ernsten und nicht ganz einfachen Gelübdes.

Wie finanziert sich ihre Kirche? Hat die Heilsarmee eigene Firmen?

NAUD: Auch wir haben ein paar wenige, eigene Firmen. Nicht viele. Manchmal ist es so, dass die Leiter und Inhaber von Firmen Mitglieder bei der Heilsarmee sind und uns dann unterstützen. Viele unserer Sozialeinrichtungen werden aber auch von staatlichen Einrichtungen unterstützt. Das ist in vielen Ländern der Fall. Die Heilsarmee selbst ist eine kleine Armee. Aber es gibt eine große Armee von Spendern. Es ist für mich ein beständiges Wunder, zu sehen, wie viele Menschen immer wieder die Heilsarmee unterstützen.

Missionsarbeit und Musik gehören zusammen und unmittelbar zum Erscheinungsbild der Heilsarmee. Warum spielt Musik eine so große Rolle?

NAUD: Als William Booth im roten Distrikt von London anfing, über das Evangelium zu sprechen, überlegte er, wie es ihm gelingen könnte, die Menschen in seinen Bann zu ziehen. Er stieg auf einen Stuhl und begann zu predigen. Unter den Leuten, die er ansprach, waren auch Musiker. Die haben Booth auf die Idee gebracht, mit Musik auf sich aufmerksam zu machen. Bei der nächsten Versammlung spielten Geiger. Die Musik ist bis heute geblieben und gehört zur Heilsarmee. Die Internationale Staff Band der Heilsarmee hat erst im vergangenen Jahr einen großen Preis gewonnen.

Die ausgeprägte Sozialarbeit der Heilsarmee ist unbestritten. Sie kümmert sich vermehrt auch um Behinderte.

NAUD: Die Heilsarmee sieht sich immer mehr mit Menschen konfrontiert, die auf der Straße leben. Zusehends kümmert sie sich auch um Behinderte und ältere Menschen. In Straßburg haben wir jetzt erst für mehr als 100 Personen ein neues Heim für Senioren gebaut. Wir denken auch daran, dort geistig Behinderte aufzunehmen.

Sie selbst sind ja gelernter Krankenpfleger.

NAUD: Ja. Ich habe drei Jahre in einem Pariser Krankenhaus in der Unfall-Notaufnahme gearbeitet. Das war eine gute Sache, aber psychisch sehr anstrengend. Ich war bereits in der Heilsarmee und wäre auch im Krankenhaus geblieben. Dann aber habe ich zwei Jahre lang die Offiziersschule besucht und dabei meine Frau kennengelernt. Sie ist Deutsche, war Krankenschwester und wie ich in der Pflege tätig. Ich wurde danach Offizier und nach England, in die Schweiz, nach Belgien, nach Deutschland und natürlich auch in Gemeinden nach Frankreich geschickt. Ich war Gemeindeleiter und auch Gefängnispastor. Was mir die größte Freude beschert hat, waren die fünf Jahre als Gemeindeleiter in Straßburg, wo wir immer etwas für die Armen getan haben. Jeden Morgen in der Zeit von Oktober bis April haben wir von 7 bis 10.30 Uhr an 80 bis 100 Personen Frühstück ausgegeben. Das war für diese Leute häufig die einzige warme Mahlzeit am Tag. Um auf die Frage nach dem Abendmahl zurückzukommen. Ich habe da das beste Abendmahl erlebt.

Was war der Anlass, dass sie in die Heilsarmee eingetreten sind?

NAUD: Meine Eltern waren beide Offiziere in der Heilsarmee. Beide leben sie noch in einem Altenheim in Frankreich. Sie waren mein Vorbild in der Überzeugung, etwas für andere zu tun. Mein Leben aber hat sich entscheidend nach einem traurigen Ereignis geändert. Als ich 11 Jahre alt war, nahm sich meine Lehrerin das Leben. Und auch das ihrer beiden Kinder. Das war das erste Mal, dass ich begriffen habe, wie wunderbar, aber auch wie schrecklich Menschen sein können. Sie war von ihrem Mann verlassen worden und verzweifelt.

Jetzt ist ihre Frau ja auch in der Heilsarmee tätig. Kann man denn da überhaupt noch Zuhause abschalten und Abstand nehmen? Gibt es für Sie noch ein Privatleben?

NAUD: Es ist nicht einfach. Absolut nicht. Manches Problem und menschliche Schicksal verfolgt einen bis in den Schlaf. Beim Radfahren, bei Nordic Walking versuche ich aufzutanken. Ich lese auch viel und spiele gern Schach und ich bin ein begeisterter Bergsteiger.

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