"Den Singspaß vermitteln"

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  • Sie steht seit 35 Jahren auf der Bühne und bezeichnete sich selbst schon als "Dinosaurier" unter den Schlagersängern. Dabei sorgt sie immer noch für frischen Schwung und ist für Neues offen. Sabine Ackermann sprach mit Ingrid Peters über Perfektionismus, Gleichklang und den Spaß am Singen. 1/3
    Sie steht seit 35 Jahren auf der Bühne und bezeichnete sich selbst schon als "Dinosaurier" unter den Schlagersängern. Dabei sorgt sie immer noch für frischen Schwung und ist für Neues offen. Sabine Ackermann sprach mit Ingrid Peters über Perfektionismus, Gleichklang und den Spaß am Singen.
  • Ingrid Peters: "Ich kann den Kopf unterm Arm haben, in dem Moment, wo die Musik los geht - macht es zoom bei mir." Fotos: Giacinto Carlucci 2/3
    Ingrid Peters: "Ich kann den Kopf unterm Arm haben, in dem Moment, wo die Musik los geht - macht es zoom bei mir." Fotos: Giacinto Carlucci
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Frau Peters, Sie erwähnten einmal, Sie brauchen immer Musiker um sich herum? Wie hat es Ihnen denn mit den Lumberjackern gefallen?

INGRID PETERS: Sehr gut. In den letzten Jahrzehnten habe ich ja mit allen bekannten Bigbands gearbeitet. Von Peter Herbolzheimer, Erwin Lehn, Max Greger, Dieter Raith, Rias Tanzorchester. Meine Lieblingsband ist Hugo Strasser, das ist so ein schönes Arbeiten mit ihm. Aber auch hier war das Publikum total easy, gut drauf, locker, entspannt und die Band super fokussiert. Es gibt also überhaupt nix zu meckern. Und ich bin immer ein Meckerer, finde immer Kritikpunkte. Jetzt nicht unbedingt bei den anderen, sondern eher bei mir. Grundsätzlich ist der Künstler ja erst zufrieden, wenn er sie alle hat und insofern ist ein schwereres Publikum sogar reizvoller. Für mich ist es nicht relevant, wo ich war, sondern dass ich war und wie es war.

Ergo - eine absolute Perfektionistin?

PETERS: Ich kann mir keine Fehler verzeihen, das ist ganz schwer für mich. Doch ich finde das gut, sonst wäre ich nicht da, wo ich bin und hätte dementsprechend viel zu früh aufgehört, an mir zu arbeiten. Stillstand ist Rückschritt, so einfach sehe ich das. Mich gibts ja nicht erst seit gestern. Auch auf die Gefahr hin, dass es jetzt überheblich klingt, soll es aber nicht sein. (Lacht) Ich bin ein sehr kritischer Mensch und schaue oft von außen auf mich drauf. Ich kann aus mir raus, gucke meine Videos an und zerlege sie, als würde da eine völlig fremde Person singen: Das stimmt nicht, das ist nicht gut, das ist klasse, das geht gar nicht. Die Qualität, die ich jetzt habe, die habe ich mir erarbeitet und ist schon mindestens zwanzig Jahre alt. Doch das interessiert keinen Mensch.

Warum so pessimistisch?

PETERS: Ingrid Peters, und so gehts vielen anderen Künstlern auch, wird reduziert auf das, was man im Fernsehen sieht. Doch dann passiert folgendes. Ich bin bei einer Sendung namens Cover my Song auf Vox zu sehen und da zappt zufällig eine ZDF-Redakteurin rein. Darauf suchte sie im Netz, findet ein Video von mir auf YouTube, wo ich mit dem WDR-Sinfonieorchester live arbeite. Ich habe ja gar nicht gewusst, dass sie live so gut sind, sagt sie. Bumm! Daraufhin wurde ich eingeladen, in einer Live-Sendung auch live zu singen. Und genau das mach ich doch schon so lange, weil mich Playback oder Halbplayback krank macht und ich live besser als auf Platte oder CD singe. Auch mit Technik kann man nicht alles machen.

Mit Fernseh-Bigbands sind Sie eingespielt, doch wie klappt es mit fremden Musikern oder Duett-Partnern?

PETERS: Normalerweise kommst du am Tag des Konzerts, legst deine Noten hin, sagst eins, zwei, drei vier und dann geht"s los. Die Titel werden durchgespielt und fertig ist die Laube. Ich muss nicht proben, ich kann ja meine Lieder. Wird doch wie hier geprobt, ist es im Prinzip für die Band, damit sie mit dem neuen Material klar kommt. Johnny Logan, diese Granate und ich, hatten unser Duett nur zweimal durchgesungen und waren dennoch gut 90-prozentig synchron. Und das nicht aufgrund des Profiseins, es ist dieser Gleichklang unserer Seelen. Und das ist ganz, ganz wichtig. Ich könnte nie mit jemandem zusammen singen, den ich nicht leiden kann, nur weil er eine tolle Stimme hat. Johnny ist genau wie ich. Der ist hinter der Bühne unter Umständen auch total fertig. Nicht geschlafen, nur gereist, kaputt, traurig, weil etwas Schlimmes passiert ist. Wir haben ja auch Todesfälle und Krankheiten in der Familie, Stress mit einem Manager oder sind wütend über eine schlechte Organisation. Und dann kommt er raus und wusch! Und so bin ich auch. Ich kann den Kopf unterm Arm haben, in dem Moment, wo die Musik los geht - macht es zoom bei mir.

Nicht von ungefähr feierten Sie 2011 Ihr 35-jähriges Bühnenjubiläum

PETERS: Echt? Ach, du lieber Himmel

Sie nannten sich mal selbst den Dinosaurier unter den Schlagersängern

PETERS: Ja, ja(Lacht). Das ist mir irgendwann mal so rausgerutscht. Das ist ein guter Gag, die Leute haben dann was zu lachen. Wir müssen Spaß haben, ich seh das alles nicht so tierisch ernst, ich bin keine von den Verbissenen. Ich möchte einfach, dass wir alle glücklich sind. Ich mach ja etwas, was ich gerne tue, ich singe Lieder. So. Und ich sage ganz bewusst Lieder und nicht Schlager, da ja meine Titel aus vielen verschiedenen Bereichen kommen. Und diesen Spaß, den ich dabei empfinde, den würde ich gerne vermitteln. Geht das über so einen saloppen Spruch, gehört das einfach auch dazu. Wenn man sich so ernst nimmt, diesen Ich-bin-ein-Star-Kult auslebt, da bin ich die falsche Person.

Sie sind also noch dieselbe Ingrid Peters wie zu Beginn Ihrer Karriere?

PETERS: Nein! Was ändert sich in 35 Jahren? Das Bewusstsein auf der Bühne hat sich geändert. Am Anfang hatte ich so ein Logo auf der Stirn, das hieß Pop-Girl. Die Bezeichnung hat sich die Plattenfirma wohl ausgedacht. Ich fand das auch ganz clever, also nicht damals, sondern eher in der Rückschau. Sollte wohl signalisieren, sie ist anders als die üblichen Schlagersängerinnen. Burschikoser einfach. Also nicht im Kleidchen und nettes liebes braves Mädchen, welches voller Kummer oder Glückseligkeit von der Liebe singt. Sondern eine junge Frau aus dem hier und jetzt, mit beiden Füßen auf dem Boden. Ich habe Sport studiert, fahre Motorrad, bin halt nicht nur Mamas Liebling und verkörpere nicht unbedingt das Weibliche an sich.

Aber nicht optisch

PETERS: (Lacht) Nein. Aber ich kann zupacken, anfassen. Wo soll das Klavier hin. . . wenn Not am Mann ist, dann funktioniert die einfach, dann tickt die. Zwar hatte ich als junges Mädchen schon die gleiche Klappe wie heute, aber, eben nicht im Hintergrund. Ich war eine sehr unsichere Zwanzigjährige, wie viele damals. In der Schule zum Beispiel, war ich immer unsichtbar. Und dieses Selbstbewusstsein, welches man mir damals angedichtet hatte und das ich nach außen hin auch gezeigt habe, dass besitze ich mittlerweile. Doch wie bereits gesagt, das habe ich mir schwer erarbeitet, das kam nicht vom Himmel geflogen.

Somit alles richtig gemacht oder sehen Sie das heute anders?

PETERS: Ich würde nicht so oft ja, sondern öfter mal nein sagen. Manche sehr bockigen Phasen habe ich in meiner Karriere bereits durchlebt. Einen hochdotierten Schallplattenvertrag mit Ralph Siegel kündigte ich 1986 einfach so. Ich hatte keine Kontrolle mehr über mein Leben und stieg deshalb aus. Mein Ziel war, sich nur noch aufs Wesentliche zu konzentrieren. Singen ja, aber keine Aufnahmen, kein Fernsehen, keine ständige Medienpräsenz. Das würde ich heute wieder so machen, denn das war ganz wichtig für mich. Für meine Entwicklung, für mein Bewusstsein. Was bin ich in diesem Beruf überhaupt, was bin ich in dieser Szene, was will ich sein? Will ich eine Nummer eins sein, die überall rumgereicht wird, oder will ich wirklich das Recht oder die Möglichkeit haben zu entscheiden - das mach ich und das nicht. Insofern war diese Entscheidung richtig. Im Nachhinein gesehen, hätte ich zu Anfang schon manches früher ablehnen sollen, doch da kommt wieder das mangelnde Selbstvertrauen ins Spiel.

Würden Sie heute nochmal beim Grand-Prix antreten?

PETERS: Das ist ganz titelabhängig. Doch ich glaube, ich bin nicht die Art Sängerin, die in dieses neue Konzept hineinpasst. Es hat sich viel geändert. Es wird noch mehr Wert auf Klamauk gelegt, nicht im Sinne von lustig, sondern eher im optischen Bereich. Wie ich schon sagte, ich bin ein Dinosaurier - jetzt sind die Jungen dran.

Ihre Berufsziele waren einst Schlagersängerin oder Lehrerin. Doch Ihren Studienabschluss haben Sie in Arbeitslehre und Sport. Wie kam es dazu?

PETERS: Nach dem Abi wusste ich gar nicht, was ich machen wollte. Ein Musikstudium sollte es definitiv nicht sein, denn ich wollte Musik praktizieren, aber nicht vermitteln. Das war mir zu begrenzt. Ich mochte mich nicht mit der Unmusikalität von Kindern rumquälen. Ich sage das ganz direkt. Ich wollte lieber selber Musik machen, diesen Vermittlungsdrang hatte ich nicht. Heute ist das was anderes. Heute fühle ich mich berufen, jungen Mädchen Bühnentipps zu geben. Damals sagte meine Mutter, lern etwas Sicheres, geh doch ins Lehramt. Mein Vater, ein begnadeter Musiker, war ja schon verstorben. Insofern war das Thema Berufsmusiker ausdiskutiert. Schließlich wählte ich Sport und Arbeitslehre - da brauchst du keine Klassenarbeiten zu schreiben, dachte ich mir ganz praktisch orientiert. (Lacht.) Zudem war ich sehr sportlich und Arbeitslehre betraf ja Handarbeit und Kochen. Man glaubt das gar nicht, aber ich handarbeite für mein Leben gern.

Bleiben wir bei der Kreativität. Viele wissen auch gar nicht, dass Sie eine tolle Malerin sind.

PETERS: Müssen auch nicht alle wissen, ich häng das nicht so an die große Glocke.

Viele Weggefährten wie Roy Black, Rex Gildo oder Bernd Clüver sind relativ jung gestorben. Macht das nachdenklich?

PETERS: Ist vielleicht eine undiplomatische Antwort, aber ich brauche nicht den Tod dieser Kollegen, um nachdenklich zu sein. In meinem engsten Umkreis sehe ich das Leben kommen und gehen. Und daher denke ich viel über den Tod nach, über die Endlichkeit des Lebens, über die Frage, habe ich schon gelebt oder nur gearbeitet? Und ich habe viel gearbeitet, habe dadurch die ganze Kinderzeit meines Sohnes verpasst. Das tut auch im Nachhinein immer noch weh. Gäbe es nicht so viele Videos, wüsste ich gar nicht mehr, wie mein Sohn sich entwickelt hat. Weil ich in einer Mühle drin war, aus der ich kaum ausbrechen konnte. Ich war damals mit meinem Manager verheiratet und hatte im Jahr bis zu 280 Auftritte. Das ist krank. Deshalb zog ich 1986 die Notbremse, machte keine Platten mehr und insofern ebbte die Nachfrage langsam ab. Ich wollte ja nicht ganz aufhören, sondern entschleunigen, nicht mehr in der ersten Reihe stehen. Doch ich war immer da.

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