"Bin ein Liebesbeschwörer"

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Herr Ortheil, mit dem Roman Liebesnähe haben Sie gerade eine Trilogie von Liebesromanen abgeschlossen. Sind Sie ein Liebesbeschwörer?

HANNS-JOSEF ORTHEIL: Ja, das mag sein. Vielleicht habe ich eine besondere Antenne für Situationen, in denen sich Menschen ineinander verlieben. Manchmal wittere ich so etwas geradezu, sogar im normalen Alltag. Dann erkenne ich bestimmte Räume in meiner Umgebung als sehr genuine Liebesräume.

In Ihrem Roman "Das Verlangen nach Liebe" beschreiben Sie eine beinahe vollkommene Liebe. Ist das eine Illusion - oder haben Sie diese Liebe tatsächlich selbst gefunden?

ORTHEIL: In diesem Roman erzähle ich davon, wie zwei Menschen, die in den Jugendjahren ineinander verliebt waren, nach einer langjährigen Trennung ihre Liebe wieder finden. Obwohl sie sich sehr verändert haben und längst ein anderes Leben als in der Jugend führen, gelingt es ihnen, die früheren Empfindungen wieder zu beleben.

Das Projekt hätte aber doch auch scheitern können . . .

ORTHEIL: Ja, aber dann hätte ich einen Liebesroman erzählt, wie er gegenwärtig häufig erzählt wird. In diesen Romanen erscheint Liebe immer nur als ein Scheitern, und meist kommt die eigentliche Liebe in solchen Romanen überhaupt nicht mehr vor. Sie wird mit Spannungsgeschichten verbunden, die sie in den Hintergrund drängen. All die Drogen-, Sexual- und Psycho-Geschichten dieser Romane sind in meinen Augen Geschichten von Nebenschauplätzen, an denen wir uns unendlich satt gelesen und gesehen haben. Deshalb schreibe ich ganz anders von der Liebe. Ich nehme sie ernst, ich denke darüber nach, wie genau sie entsteht und was sie eigentlich ist.

Noch mal nachgehakt: Haben Sie Ihre vollkommene Liebe gefunden?

ORTHEIL: Eine so persönliche Frage kann ich hier nicht beantworten. Aber ich kann sagen, dass ich in meiner Kindheit entdeckt und erlebt habe, was Liebe eigentlich ist. Damals wuchs ich zusammen mit meiner damals stummen Mutter auf und war eine Zeitlang selbst ein stummes Kind. Das Verhältnis zu meiner Mutter war gewiss ein starkes, unbedingtes Liebeserlebnis, und vielleicht ist dieses Erlebnis ja sogar der Grund dafür, dass ich Liebesromane schreibe.

Auffällig an Ihren Büchern ist, dass die Liebe nie ins Klischeehafte, Banale oder Kitschige abgleitet. Wie schaffen Sie das?

ORTHEIL: Indem ich sehr geduldig erzähle, Schritt für Schritt, mit dem Augenmerk auf Kleinigkeiten und so, dass der Leser große Gefühle nicht als vorhanden vorgesetzt bekommt, sondern genau begreifen kann, wie und wodurch sie denn im Detail entstehen. Auf diese Weise zu erzählen bedeutet: mit einer sehr behutsamen, leisen, vorsichtigen Sprache operieren, die nie zu abstrakt und nie zu allgemein sein darf, sondern eng und konkret mit den Erscheinungen umgehen sollte.

Woher bekommen Sie Ihre Ideen? Sie schreiben ja sehr viele Bücher. Haben Sie Angst, dass Ihnen irgendwann nichts mehr einfällt?

ORTHEIL: Nein, diese Angst habe ich nicht. Ideen für Romane entstehen meist durch intensive Beobachtung meiner Umgebung. Bevor ich zum Beispiel Liebesnähe schrieb, war ich ein paar Tage in einem großen Hotel südlich von München, das in einer herrlichen Gebirgslandschaft lag. Viele Gäste kamen ohne Begleitung in dieses Hotel und bewegten sich in ihm dann auch meist allein. Es gab kaum oder nur wenig Kommunikation. Das empfand ich als angenehm und ungewohnt, und ich dachte mit der Zeit darüber nach, wie es wohl wäre, wenn sich in diesem Hotel eine Frau und ein Mann ineinander verlieben würden. Daraus entstand die Idee eines Liebesromans ohne direkte Worte, ein Roman, der nur aus kleinen Signalen, Botschaften und Zeichen besteht. Diese Idee hat mich geradezu elektrisiert, und es ist dann ein Roman entstanden, in denen die Liebenden wirklich kein einziges direktes Wort miteinander wechseln.

Haben Sie immer einen Notizblock griffbereit?

ORTHEIL: Ja, immer, ich bin extrem aufmerksam auf meine Umgebung, ich notiere jeden Tag, was mir auf- und einfällt. Das sind täglich viele Seiten und viel Erzählmaterial, von dem ich bei der Niederschrift noch nicht weiß, ob ich es je verwenden werde.

Kennen Sie Schreibblockaden?

ORTHEIL: Nein, Schreibblockaden im strengen Sinn kann es ja nicht geben, wenn ich täglich notiere. Notate sind Vorformen des eigentlichen Schreibens, und zu solchen Vorformen hat eigentlich jeder Mensch einen Zugang. Es kommt dann nur darauf an, aus diesen Vorformen fertige und gestaltete Texte zu entwickeln. Das ist das eigentliche Problem und die eigentliche Kunst. In dieser Hinsicht kann man blockiert sein, man sollte dann aber nicht ungeduldig werden, sondern sich Zeit nehmen. Die zündende Idee sollte sich von selbst einstellen, nach langem Gären.

Und wenn sie sich nicht einstellt?

ORTHEIL: Man sollte warten, warten, warten und viele Erzählvarianten eines Stoffes immer wieder durchdenken. Andererseits sollte man aber nicht allzu viele Menschen in diese Denkprozesse einbeziehen. Dann sagt der eine dies, der andere das, und am Ende ist man völlig verwirrt. Das Großartige an der Schriftstellerei ist ja gerade, dass man selbst für alles verantwortlich ist. Niemand steht neben einem, niemand hält einen, es gibt keine Fußnoten und Textvorlagen, nichts. Das ist die absolute Freiheit, mit allem Schrecken und allem Genuss.

Heute erzählen und sprechen Sie souverän, ja sogar elegant. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Sie erst im Alter von sieben Jahren gesprochen haben, da Ihre Mutter nach dem Tod von vier Kindern verstummte.

ORTHEIL: Ja, das ist letztlich ein Wunder: wie aus einem eine Zeitlang stummen und dann sehr stillen Kind ein richtiger Erzähler wurde. Dabei wollte ich nie Schriftsteller werden. Ich habe seit dem vierten Lebensjahr Klavier gespielt, das war mein Fach, ich wollte später einmal ein großer Pianist werden. Bis zum 20. Lebensjahr habe ich manisch und auch recht gut Klavier gespielt. Dann entstanden Sehnenscheidenentzündungen, und ich musste dieses so wunderbare Projekt aufgeben. Das war eine der großen Enttäuschungen meines Lebens. Zum Glück habe ich dann aber von der Musik zur Sprache gefunden. Noch heute glaube ich, dass ich mit der Sprache musiziere, ja, ich schreibe im Grunde musikalisch.

Kann man ein solches Schreiben lernen? Oder ist viel Talent notwendig?

ORTHEIL: Natürlich ist Talent notwendig, aber was genau ist Talent? Es gibt sehr viele Formen von Talent, die einen zum Schreiben führen. Ich zum Beispiel habe ein musikalisches Talent, und dieses Talent hat mir geholfen, Worte, Satzwendungen und Sätze vielleicht etwas genauer und stärker zu hören als andere Menschen. Diese Fähigkeit ist die Grundlage meines Schreibens: Ich erzähle von musikalisch erlebten Figuren, Räumen und Zeiten - so sonderbar sich das auch anhört.

Haben Sie Angst vor dem Verfall der Sprache in Zeiten von SMS, Facebook und Co.?

ORTHEIL: Nein, denn zunächst bin ich immer wieder verblüfft, wie viele Menschen plötzlich schreiben. Das mediale Schreiben ist ja gerade eine große Schreibbewegung geworden. Auch und gerade junge Menschen sitzen überall herum und schreiben und schreiben. Und selbst wenn die Qualität dieser Mitteilungen nicht hoch sein mag, so bemühen sie sich doch, etwas festzuhalten und auszudrücken. Dabei sollte man ihnen helfen, ganz gezielt. Das ist eine große Aufgabe für die Schulen.

Woran arbeiten Sie denn gerade?

ORTHEIL: Ich arbeite an einer Geschichte, die von einem Kind erzählt, das nicht fragen konnte. Dieses Kind sehnt sich geradezu danach, die anderen Kinder oder die Erwachsenen etwas zu fragen, aber es fragt nicht. Warum nicht? Was ist da los? Und warum fragen die Erwachsenen das Kind ebenfalls nicht?

Also geht es diesmal nicht um die Liebe? Aber sie wird immer wieder Thema sein, oder hat sie sich irgendwann erschöpft?

ORTHEIL: Nein, dieses Thema erschöpft sich nie. Diesmal geht es zwar nicht direkt um die Liebe, aber es geht auch hier um Bindungen, also darum, wie Menschen sich Teile der Welt aneignen, indem sie intime Verhältnisse zu Dingen und Räumen eingehen. Das Fragen ist ja eine Voraussetzung, um solche Bindungen zu entwickeln.

Gibt es in Ihrem Leben solche Bindungen an Gegenstände?

ORTHEIL: Ja, seltsam. Ich habe, und das ist jetzt ein einfaches Beispiel, ich habe ein besonderes Verhältnis zu Fahrrädern. Ich bewundere Fahrräder, sie gefallen mir, aber ich bewundere sie meist nur aus der Ferne und habe nie ein neues gekauft. Ich fahre auf einem uralten Fahrrad aus meiner Jugendzeit, ich kann es nicht weggeben oder gegen ein neues eintauschen.

Und wie steht es mit dem Klavier? Oder spielen Sie auf einem Flügel?

ORTHEIL: Ja, richtig, das Klavier ist auch so ein Bindungsobjekt. Ich spiele und übe noch immer auf meinem alten Kinderklavier, es ist ein Klavier der Marke Sailer. Alle drei Monate wird es gestimmt, und dann habe ich das Gefühl, als spielte ich auf einem völlig neuen Instrument.

Sie sind Schriftsteller, Pianist und Fußballfan. Wie passt denn das alles zusammen?

ORTHEIL: (Lacht) Fußballfan bin ich seit den frühesten Kinderjahren, da war ich Fan des 1. FC Köln. Später habe ich auch selbst viel Fußball gespielt. Und jetzt gehe ich dann und wann zu den Spielen des VfB Stuttgart ins Stadion, oder ich gehe auf einen kleinen Dorffußballplatz in meiner Nachbarschaft und beobachte ein Spiel der Kreisliga aus wenigen Metern Entfernung.

Und was ist daran so interessant?

ORTHEIL: Alles, jeder Spielzug. Die Bewegungen jedes einzelnen Spielers. Das Stehenbleiben, Grübeln, Schwitzen. So etwas zu beobachten, ist ein großes Vergnügen. Und sehr entspannend, ja, absolut entspannend.

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