"Agnes ist tot"

Bei den Göppinger Kinder- und Jugendtheatertagen haben Folkert Dücker und Caroline Betz in dem Stück "Agnes" sowohl Lehrer als auch Schüler im Stadthallen-Publikum begeistert..

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Hoffnungsvolles Szenarium? Weit gefehlt! Die WLB-Schauspieler ließen das Publikum in der Göppiner Stadthalle an einer desillusionierenden Beziehung teilhaben. Foto: Sabine Ackermann

"Agnes ist tot! Eine Geschichte hat sie getötet!" Zwei Sätze nur, die unheilschwanger in der Luft liegen. Ausgesprochen hat sie ein namenloser Mann, der mit Agnes eigentlich das Wunder der Liebe erleben sollte. Eigentlich. Doch das vorwiegend aus Schülern, Lehrern verschiedener Gymnasien, Besuchern des Literaturkreises und des Jugendgemeinderats bestehende Publikum der Göppinger Kinder- und Jugendtheatertage, war weit entfernt vom Zauber einer frisch entflammten Liebe. Dafür konnte es hautnah eine nüchterne, neun Monate dauernde Liebelei, eine Liaison, durchzogen von Langeweile, Tristesse, Vorsicht, Misstrauen und leidenschaftslosem Sex verfolgen.

Zwar wird über Liebe gesprochen, aber tiefgreifend ist sie keineswegs. Weder in Peter Stamms Debütroman "Agnes" (1998), noch bei Katrin Enders Bühnenfassung beziehungsweise was die Verhaltensweise der beiden Schauspieler von der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB) anbelangt. Im Gegenteil: Dank der überragenden Darsteller Folkert Dücker und Caroline Betz und der subtilen Inszenierung, erlebten die Zuschauer fast körperlich spürbar das "schlimmste Szenario in Sachen Liebe".

Zwei junge Menschen haben sich zufällig in einer Bibliothek getroffen. Sie ist Doktorandin der Physik, er ist Sachbuchautor. Dem ersten Blick folgen erste Worte, die erste Verabredung, der erster Kuss, die erste Zellverschmelzung. Letztere freilich nur angedeutet und dennoch gab es ein "Like", nimmt man Gekicher, Raunen und Pfiffe der knapp 600 überwiegend jungen Zuschauer als Maßstab. War ja auch "Abitur-Sternchenthema", insofern verfolgten sie das Stück sehr aufmerksam, spendeten am Schluss zu Recht lang anhaltenden Beifall.

Agnes zieht alsbald zu dem namenlosen Mann, oft sind jetzt Tod und Verschwinden ihre zentralen Gesprächsthemen - bis sich Agnes eine Liebesgeschichte über sich selbst von ihm wünscht. Damit sie weiß, wie er sie sieht, was er von ihr hält - schließlich ist er ja Autor. Er zögert, lässt sich dann aber doch dazu verführen über ihre Beziehung zu schreiben. Jetzt wird deutlich, dass beider Erinnerungen wie eine Schere auseinanderklaffen. In dem Moment, in dem das Schreiben die Realität überholt, wird der Autor zum Regisseur der weiteren Entwicklung.

Die neu gewonnene Freiheit beflügelt seine Fantasie. Er stellt sich vor, dass sie zusammenziehen, sie tun es. Dann wird Agnes schwanger, ungeplant. Die Realität hat sie eingeholt. Trennung. Verlust des Kindes. Später Versöhnung. Er schreibt die Geschichte weiter, doch das Happy End erweist sich als schwierig, da Glück keine guten Geschichten macht. Ein anderer Schluss muss her. Agnes verschwindet. Doch ist sie wirklich tot?

Der Mann, selten nett und charmant, Agnes, bieder und aufgekratzt, ihre Beziehung ein vom Familientherapeuten empfohlener Runterzieher in einem spielerisch klugen Bühnenbild. Schüler wie Lehrer zeigen sich unisono begeistert. Letztendlich lebt die interessante Variante der Pygmalion-Geschichte vom grandiosen Spiel der Mimen und von der ungewöhnlichen, bisweilen verstörenden Erzählweise von Annette Dorothea Weber (Inszenierung). So entsteht vor den Augen der Zuschauer das desillusionierendes Bild einer Partnerschaft.

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