Zeugnisse jüdischer Geschichte gezeigt
Göppingen. Jahrzehntelang lebten Christen und Juden in Göppingen gleichberechtigt nebeneinander. Anlässlich des "Europäischen Tages der Jüdischen Kultur" begab sich Stadtarchivar Dr. Karl-Heinz Rueß auf Spurensuche.
In über 30 Ländern wird jedes Jahr am "Europäischen Tag der Jüdischen Kultur" an das jüdische Kulturerbe erinnert. In Göppingen hatte Archivar Dr. Karl-Heinz Ruess gestern zu einem Rundgang zu Orten jüdischer Geschichte eingeladen, ließ dabei längst vergangene Begebenheiten lebendig werden, nahm die rund 50 Besucher auf ganz unterschiedliche Lebenswege mit. Einmal mehr wurde dabei deutlich, wie umfassend das Zerstörungswerk der Nationalsozialisten war. Denn auf den ersten Blick verraten die Örtlichkeiten nichts mehr über ihre ursprüngliche Bestimmung. Bauten werden heute völlig anders genutzt, wie ein Ärztehaus in der Kellereistraße deutlich macht. Hier lagen die Anfänge der Schuhfabrik von Max Levi, der späteren Firma "Salamander". Das Wohn- und Fabrikgebäude von Abraham Gutmann an der Bahnhofstraße mit dem 1903 eingebauten Aufzug wird heute als Bürogebäude genutzt. Auch ein Betsaal in der Pfarrstraße ist nicht mehr erkennbar. Andere Gebäude sind ganz verschwunden.
An die Synagoge erinnert nur noch der gleichnamige Platz. Sie war 1881 eingeweiht worden und belegt, wie nahe sich die Religionen gekommen waren: zur Weihe waren die beiden Stadtpfarrer gekommen. Überhaupt hat die Synagoge sich zu einem kulturellen Zentrum entwickelt, wofür nicht zuletzt Rabbiner Dr. Aaron Tänzer verantwortlich war. Er lebte in einer Epoche, die keine Unterschiede zwischen den Religionen machte. Denn ab 1864 waren die Juden völlig gleichberechtigt, unterlagen keinen Beschränkungen. Schnell integrierten sie sich, gaben ihre Kultur zum Teil völlig auf. Begriffe wie "Israelitische Kirchenpflege" sind ein Beleg für die Assimilation. Gleichwohl waren sie keine homogene Gruppe. Es gab Kommunisten wie August Thalheimer und Zionisten wie die Rohrbachers. In der Reichspogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge, wurden Geschäfte zerstört, die Männer nach Dachau deportiert. Es sollte ihnen deutlich gemacht werden: Ihr habt keine Zukunft mehr in Deutschland.
Auch Georg Lendt war mit seinem Kaufhaus in der Marktstraße betroffen. Und wurde zu der Sühneleistung herangezogen, mit der die Juden den angerichteten Schaden, den sie zunächst von den Versicherungen ersetzt bekamen, dem Reich bezahlen mussten. Lendt hatte das Land nicht verlassen. "Wer will mir etwas tun", hatte er gefragt und sich getäuscht. Er wurde nach Mauthausen deportiert und dort angeblich "auf der Flucht erschossen". Deportiert wurde noch im Februar 1945, als Auschwitz bereits befreit war. Die beiden Juden, die in Mischehen lebten, überlebten. Nicht so Berta Tänzer. An die Ehefrau des Rabbiners erinnert einer der gut 40 Stolpersteine der Stadt, der auf die Menschen und ihr Schicksale aufmerksam macht - wie auch das Mahnmal im Schlosswäldle oder eine Tafel an der Schiller-Realschule. Dort mussten sich alle Juden einfinden, wurden ihnen ihre Wertgegenstände abgenommen, bevor sie in die Lager des Osten deportiert wurden.
Info Weitere Infos in der stadt-geschichtlichen Veröffentlichung "Göppingen unterm Hakenkreuz".
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Autor: MARGIT HAAS | 06.09.2010
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Stadtarchivar Dr. Karl-Heinz Rueß erinnerte bei dem Rundgang an die Zeugnisse jüdischer Geschichte. Foto: Haas
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