Wir Läufer haben furchtbare Marotten

Läufer, Erzähler, Botschafter, Künstler - Dieter Baumann hat sich im Lauf der Jahre immer wieder neu definiert. Marcus Zecha hat den Tübinger "Zahnpaschta-Män" am Rande seines Auftritts im Uditorium befragt.

Wie sehen Sie sich heute selbst? Noch immer als Läufer? Als Entertainer, Künstler oder Geschichtenerzähler?

DIETER BAUMANN: Ich sehe mich als unterhaltenden Läufer. Laufen ist immer noch ein zentraler Bestandteil meines Berufes. Und ich will unterhalten, auch mit Selbstironie gegenüber uns Läufern. Und wir haben furchtbare Marotten. Es ist an der Zeit, die mal offen zu legen.

Ihr Programm besuchen Lauf-Cracks und Bewegungsmuffel. Wie bringen Sie die alle unter einen Hut?

BAUMANN: Ich denke mal, mehr als die Hälfte sind Läufer. Und die aktivieren ihr Umfeld - vielleicht keine Läufer, aber immer noch Laufinteressierte. Das ist eben das Spannende: dass zu mir nicht das klassische Kabarettpublikum kommt.

Bekommen Sie ein Feedback auch von anderen Kabarettisten?

BAUMANN: In Stuttgart im Theaterhaus, wo ich ab und an spiele, hocken sie dann in der letzten Reihe und überprüfen mich sozusagen. Das ist ja auch wichtig für mich zu sehen: was sagen die Profis zu so einem Anfänger, der ich de facto bin. Der Rolf Miller zum Beispiel hat sich mein Programm schon zweimal angeschaut. Wenn man Miller kennt: der sitzt zwei Stunden auf seinem Stuhl, bewegt sich nicht und redet nur. Für den ist das, was ich mache, natürlich Overacting.

Es gibt Leute, die werfen Ihnen vor, nur Comedy zu machen, um weiter im Rampenlicht zu stehen. . .

BAUMANN: Theater ist Rampenlicht. Aber wenn du es nur wegen dem Rampenlicht machst, tust dus einmal, und die Kritiker fegen dich weg. Dass mein Programm funktioniert, sehe ich am Zuspruch.

Sie gehen recht locker mit Ihrer Doping-Affäre um. Sind jetzt nach zehn Jahren alle Wunden verheilt?

BAUMANN: Das ist für mich weitgehend gelaufen. Klar bleiben Wunden, aber das ist nicht so schlimm. Zur Biografie gehört die Zahnpasta dazu wie Barcelona. Meine Aufgabe ist es, damit umzugehen. Und das kann ich zum Beispiel mit diesem Stück sehr gut. Das ist im weitesten Sinne eine Verarbeitung.

Sport wird immer mehr als Mittel gesehen, um Botschaften zu transportieren. Jüngstes Beispiel: Footballstar Tom Tebow wirbt beim Superbowl zur besten Sendezeit gegen Abtreibung. Der Botschafter des Sports mit religiöser Botschaft: wird da nicht eine Grenze überschritten?

BAUMANN: Ich selber sehe mich nicht als Botschafter des Sports. Ich halte alle Überhöhungen für fatal. Ich bin kein Guru. Für mich ist Laufen ein tolles Instrument, Stress abzubauen, sich wohl zu fühlen. . . . Aber was Botschaften anbetrifft, ob Fairplay oder Werbung, ist der Sport eben ein Teil unserer Gesellschaft, und der ist teilweise genauso verlogen wie unsere Gesellschaft auch. Insofern entscheidet jeder Athlet für sich selber, für welches Produkt er steht. Und wenn dieser Football-Spieler gegen Abtreibung ist, dann muss er das zunächst einmal mit sich ausmachen und dann natürlich mit seiner Fan-Community. Und hier wird es ihm weh tun, wenn er Grenzen überschreitet. Da werden ihm sehr viele Menschen nicht mehr folgen.


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08.02.2010

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