Paar plante den Raub gemeinsam
Der Prozess um den versuchten Mord an einer Taxifahrerin in Heiningen wurde gestern in Ulm fortgesetzt. Neue Erkenntnis: Das Paar plante den Raub zuvor gemeinsam. Auch die Mütter der beiden sagten aus.
Autor: CHRISTINE BÖHM |Bevor dem 20-jährigen Angeklagten die Handschellen für die Verhandlung abgenommen werden, schaut er zu seiner 17-jährigen Ex-Freundin, die schräg hinter ihm sitzt. Wenn sich die Blicke der beiden treffen, sieht es so aus, als wären sie Verbündete. Beide müssen sich seit Montag vor dem Ulmer Landgericht verantworten. Wegen 300 Euro Schulden soll der damals 19-Jährige im Dezember des vergangenen Jahres eine Taxifahrerin auf dem Edeka-Parkplatz in Heiningen niedergestochen und fast getötet haben. Die Anklage lautet auf versuchten Mord und schweren Raub.
Im vergangenen Jahr lernt die Angeklagte den jungen Mann kennen, bringt ihn mit nach Hause, aber die Mutter ist skeptisch: "Wir haben ständig mit ihm gestritten. Sie hat nur auf ihn gehört." Ihre Schwester beschreibt die 17-Jährige als sehr beeinflussbar. Sie bemerkt, dass beide von einander abhängig sind. Das bestätigt auch die Mutter des Angeklagten: "Ohne den Anderen ging nichts." Bei ihr wohnt das Paar eine Zeit lang, Zukunftspläne gibt es nicht. Die Schulden werden größer, unter anderem wird er von den Black Jackets erpresst, erzählt die Mutter. Sie fordern 1000 Euro, der 20-Jährige wird bei der Arbeit abgepasst und in einen Wagen gezerrt.
"Aus Spaß" sagt die 16-Jährige im Dezember, man könne doch eine Taxifahrerin überfallen. So steht es in einer Stellungnahme, die ihr Verteidiger verliest. Ihr Freund hat Geldsorgen und sie befürchtet, dass er auf der Straße landet. Beide besprechen, wie die Tat ablaufen soll. Das Messer, mit dem der Angeklagte die 62-Jährige Taxifahrerin in der Tatnacht schwer am Hals verletzt, soll lediglich als Drohmittel genutzt werden. Während der Fahrt wird das Mädchen jedoch nervös und fragt sich, ob der Plan überhaupt funktioniert. Sie fühlt sich verpflichtet, die Sache wegen seiner Geldsorgen durchzuziehen. "Den Vorschlag bereut sie zutiefst", sagt der Verteidiger. Seine Mandantin wollte nicht, dass jemand zu Schaden kommt.
Die Taxifahrerin überlebt die vier Zentimeter tiefe Stichwunde fast nicht. Ihr Glück: Es kommen sofort Leute zur Hilfe. Sie schlagen das Paar in die Flucht. Ein Gefäßchirurg betreut die Frau noch in der Nacht, Luftröhre und Schilddrüse sind stark beschädigt. Die Gefahr durch in die Lunge eindringendes Blut ist groß, sie schwebt in Lebensgefahr.
Als die Mutter der damals 16-Jährigen vor der 6. Großen Jugendkammer des Landgerichts Ulm Platz nimmt, fängt die Tochter an zu weinen. "Bis sie 13 war, hatte ich keine Probleme mit ihr", sagt die Frau, deren Aussage von einer Dolmetscherin übersetzt wird. Die Tochter hat sie dann jedoch oft angelogen, angefangen Drogen zu nehmen und sei davon trotz mehrerer Therapien nicht mehr losgekommen. Einige Male haut sie von zu Hause ab.
Dass er bei einer Aussage gelogen hat, gibt der Angeklagte zu. In einem Brief an die Ex-Freundin steht, er habe falsche Angaben gemacht bei einem Test über seine Person. So will er versuchen, als voll schuldfähig zu gelten. Wieso er das gemacht hat, erklärt der Angeklagte jedoch nicht. Da der Test nicht Grundlage für ein psychiatrisches Gutachten ist, muss er nicht wiederholt werden. Bekannt ist, dass der junge Mann versucht, seine Ex-Freundin aus der Sache herauszuhalten. Sie wirkt während der Verhandlung unkonzentriert, malt auf einem Blatt Papier und grinst.
In der Gerichtsverhandlung kommen weitere Anklagepunkte zur Sprache. Zeugen erzählen davon, wie sie gemeinsam mit dem jungen Mann Roller und Autos aufgebrochen und geklaut haben. In einem Streit um geliehenes Geld zettelt der Angeklagte eine Schlägerei an und wird angezeigt. Gemeinsam mit Freunden zerstört er zudem Autos auf dem Parkplatz eines Autoverwerters in Heiningen. Die Nachbarn wachen auf und hören, wie die Angeklagte den Namen ihres Freundes ruft. Sie sagt, er soll aufhören.
Die geschädigte Taxifahrerin, die Nebenklägerin ist und am Montag von ihrem Martyrium berichtet hatte, kam nicht zur Verhandlung. Sie leidet sehr unter der Tat. Der Prozess wird am Montag am Landgericht in Ulm fortgesetzt. Dann werden die Plädoyers erwartet.




