Orgie in Rot dank der Laus
Göppingen. In Roland Spohn gehen Naturwissenschaft und Kunst eine kreative Symbiose ein, wie die Ausstellung "Pflanzenillustrationen und Malereien mit Naturfarben" belegt, die jetzt im Naturkundemuseum zu sehen ist.
Besucher der aktuellen Ausstellung im Naturkundlichen Museum in der Alten Badherberge in Jebenhausen sollten Zeit mitbringen. Denn die Bilder Roland Spohns erfordern den genauen Blick, sind reizvoll sowohl in ihrer Detailtreue bei den Pflanzenillustrationen als auch in ihrer Aussagekraft. In dem promovierten Biologen, der lange im Landkreis gelebt hat, vereinigen sich ein umfassendes naturwissenschaftliches und kulturhistorisches Wissen mit einem künstlerischen Talent - wie seine Ausstellung "Pflanzenillustrationen und Malereien mit Naturfarben" eindrucksvoll belegt. "Drei Themenkreise", so Dr. Anton Hegele vom Museum bei der Eröffnung der Schau, geben Einblick in die Arbeit "des Alchimisten der Farben". Denn Spohn experimentiert, probiert aus, zeichnet und malt mit natürlichen Farben - etwa das "Selbstportrait" des Schopf-Tintlings aus der Tinte des Pilzes. Oder er kombiniert ganz unterschiedliche Materialien und erhält so bei der "Lausigen Veredlung" eine Orgie in Rot. Da erfährt der Betrachter, dass Campari und Lippenstift, Ostereier oder Gummibärchen ihr leuchtendes Rot den Körpersäften einer amerikanischen Laus verdanken. Und wer sich über die vielen Nachttöpfe auf dem Bild wundert, den klärt der Künstler auf: "Menschlicher Urin war in präkolumbischer Zeit ein weit verbreitetes Fixiermittel für Farbpigmente." Auf diesem Bild offenbart sich auch der feine Humor Spohns, der vielen seiner fantastischen Realismen eigen ist. Sich selbst stellt er sowohl am Mikroskop als auch auf dem Nachttopf dar.
Der Eisenhut, eine der giftigsten europäischen Pflanzen, hat zahlreiche Namen im Volksmund, mal ist er die Teufels- oder Altweiberkappe, mal Odins Hut oder der Hut des Troll. Sie alle finden sich in dem farbenfrohen Bild friedlich vereint. Spohn wirft aber auch den kritischen Blick auf Vorgänge in der Welt, kombiniert, wo zunächst kein Zusammenhang ersichtlich scheint. In "Jeder entfaltet seine eigenen Fähigkeiten" wird dann schnell deutlich, dass sich fast schon beunruhigende Ähnlichkeiten ergeben zwischen einer Gehirnkoralle, einem Zitterpilz, dem sich entfaltenden Blatt des Rhabarbers - und unserem Gehirn. In "Strategien des Lebendigen" wird Schach gespielt an zwei Brettern. Auf einem spielen Tiere gegen Pflanzen, die Partie endet mit einem Remis - "keiner geht als Gewinner oder Verlierer aus dem Spiel der Natur". Auf dem zweiten Brett spielen dagegen Tiere und Pflanzen gemeinsam gegen den Menschen - und haben wohl keine Chance. So bringt "also der Mensch das seit Langem eingespielte Kräftegleichgewicht in der Natur völlig durcheinander". Eine Frage, die angesichts der aktuellen Ölkatastrophe und des nach wie vor dramatischen Sterbens der Wälder - beides hat Spohn ebenfalls thematisiert - wohl bejaht werden muss.
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Autor: MARGIT HAAS | 17.05.2010
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In Roland Spohns Bild "Strategien des Lebendigen" spielen Pflanzen und Tiere Schach gegen den Menschen. Fotos: Margit Haas
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