Neuer Zwist bei Märklin

Göppingen/Nürnberg.  Neue Runde im Dauerzwist zwischen Märklin-Geschäftsführer Kurt Seitzinger und dem Betriebsratschef Dieter Weißhaar. Der Betriebsrat musste gestern über die fristlose Kündigung seines Vorsitzenden beraten.

Während Marketingchef Lars Schilling gestern am Stand von Märklin bei der Nürnberger Spielwarenmesse 200 Neuheiten präsentierte, braute sich am Stammsitz in der Stuttgarter Straße neues Unheil zusammen. Nach Informationen der NWZ hat Geschäftsführer Kurt Seitzinger dem elfköpfigen Betriebsrat die fristlose Kündigung seines Vorsitzenden Dieter Weißhaar zur Zustimmung vorgelegt.

Hintergrund ist eine Funktionszulage für frei gestellte Betriebsratsmitglieder in Höhe von 500 Euro monatlich, die der Geschäftsführer als "Korruptionszulage" bezeichnet haben soll. Nachdem Weißhaar es abgelehnt hatte, sein Amt wie gewünscht "geräuschlos" niederzulegen, will ihm Seizinger, der gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, wie angedroht fristlos kündigen. Das Betriebsratsgremium hat die Zustimmung allerdings gestern geschlossen abgelehnt. Jetzt droht ein Arbeitsgerichts-Verfahren. "Ich bin nicht bestechlich", erklärte Weißhaar auf Anfrage. Der Lagerarbeiter - seit 1981 bei Märklin beschäftigt, seit 2002 als Betriebsrat freigestellt und seit 2008 Vorsitzender des Gremiums - sieht in dem Vorgang den Versuch seines Chefs, einen unbequemen Arbeitnehmervertreter los zu werden.

Das meint auch Renate Gmoser von der IG Metall in Göppingen. Die Zulage sei im Rahmen des Betriebsverfassungsgesetzes beispielsweise für entgangene Schichtzulagen möglich, sagte Gmoser, die Weißhaar in seinem Kampf unterstützen will. "Da kommt eine fristlose Kündigung überhaupt nicht in Frage", sagt die Gewerkschafterin. Märklin bezahle die Zulage seit drei Jahrzehnten und habe sie auch unter der Verwaltung des Insolvenzverwalters Michael Pluta nie in Frage gestellt, so Gmoser.

Das hat sich erst am 26. Januar diesen Jahres geändert. Damals bekam Weißhaar von der Personalabteilung die Mitteilung , die Funktionszulage werde nun nicht mehr bezahlt. Tags darauf habe Seitzinger mit Strafanzeige und Kündigung gedroht und ihm nahe gelegt, die Sache geräuschlos aus der Welt zu schaffen, indem er seine Ämter niederlege. Ein Rat, den Weißhaar nicht beherzigen wollte.

Auf die Zulage für frei gestellte Betriebsräte aufmerksam geworden war Seitzinger bei einem Gütetermin vor dem Göppinger Arbeitsgericht. Ein Vorgänger Weißhaars hatte gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber geklagt. Dabei war offenbar bekannt geworden, dass er sich sein Ausscheiden wenige Monate vor der Insolvenz im Februar 2009 hatte versüßen lassen. Die Rede ist von einer großzügigen Abfindung und einer Altersteilzeitregelung.

"Der Mann hätte von der IG Metall keinen Rechtsschutz bekommen", sagt dazu Renate Gmoser. "Das dulden wir nicht, dass sich Betriebsräte eigene Vorteile verschaffen." Im Falle von Dieter Weißhaar sei es jedoch darum gegangen, einen Betriebsrat mundtot zu machen, so die Vertreterin der IG Metall. Tatsächlich fliegen zwischen der Märklin-Chefetage und dem Betriebsrat schon lange die Fetzen.

Im Streit um unbezahlte Mehrarbeit, die Weißhaar neu verteilen wollte, hatte Seitzinger den Betriebsratsvorsitzenden schon einmal der "dreisten Heuchelei" bezichtigt. Den obersten Vertreter der Beschäftigten wähnte der Geschäftsführer samt seiner Gefolgsleute auf "gutem Weg, sich zum Totengräber dieses Unternehmens zu machen". "Das Verhältnis ist sehr gespannt", sagt Weißhaar. Mit dem heutigen Beginn der Spielwarenmesse in Nürnberg jährt sich der Insolvenzantrag des Göppinger Traditionsunternehmens, das unter der Regie des Finanzinvestors Kingsbridge zweistellige Millionenverluste eingefahren hatte. Mittlerweile befindet sich Märklin wieder auf Kurs. Im abgelaufenen Geschäftsjahr erzielte das Unternehmen nach eigenen Angaben einen Umsatz von 111 Millionen Euro - und damit ein deutlich positives Ergebnis. Ein Erfolg, dem auch Renate Gmoser und Dieter Weißhaar Respekt zollen. "Das muss man anerkennen."


Kommentare (3)

04.02.2010 18:48 Uhr |   Armin

Hereinspaziert?

Bereits Jahre zuvor verhielt sich der Betriebsrat bei Märklin auf stillschweigendes Anraten der Industriegewerkschaft Metall nicht nur in Göppingen nicht konform mit dem Betriebsverfassungsgesetz, weil er bis heute keinen Beschluss des ausschließlich dafür berufenen Arbeitsgerichts über den Arbeitgeber beantragte, ihm gegenüber zu erläutern, welche Mittel entsprechend dem Verlangen weltweiter buchhalterischen Standards dort frei sind. Der Geschäftsführung von Märklin bleibt daher nichts anderes, als den aktuellen Vorsitzenden des Betriebsrates außerordentlich zu kündigen, wenn sie es meiden will, nicht ihrerseits in den Straftatbestand der Betriebsratsbegünstigung einzutreten.
04.02.2010 09:38 Uhr |   RalfTe

Wer Schreibfehler findet darf sie behalten !

zwinkern
04.02.2010 09:27 Uhr |   RalfTe

Betriebsratsverseucht ?

Märklin-Geschäftsführer Kurt Seitzinger sollte vom Insolvenzverwalter umgehen (ohne Abfindung !) sofort aus dem Unternehmen entfernt werden ! Den wer so mit Persönlichkeiten wie Dieter Weißhaar umgeht, meint wohl auch das Märklin seit Jahren Betriebsratsverseucht (Unwort des Jahres 2010) ist. Ich wünsche Märklin und Dieter Weißhaar mit seinen Leuten ein gute Zukunft !

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Autor: JOA SCHMID | 04.02.2010

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