Närrisches Volk kennt kein Pardon mit den Rathauschefs
Kein Pardon mit den Verwaltungschefs: Mit Pauken und Trompeten stürmten die Narren am Donnerstag die Rathäuser in Wäschenbeuren, Wangen, Reichenbach, Adelberg, Heiningen und Rechberghausen.
Autor: SWP |Mit dem lautstarken Ruf "Schuldes lass des Schaffa sei - jetzt isch Zeit für Narredei" lockten Wäschweiber, Krettabachkatza und Flecka-Hexa des Brauchtumsvereins Wäschenbeuren Bürgermeister Karl Vesenmaier aus dem Rathaus, dem der Brauchtumsverein dann sofort auch begierig den "Schlüssel der Macht" entriss. Mit den Worten "die Gemeindeverwaltung war einmal" verkündete Zunftpräsident Marco Schmid die Narrenregeln, die bis Aschermittwoch in der Gemeinde gelten. "Parken Tag und Nacht - Narren an die Macht", hieß es da zum Beispiel. Ganz in diesem Sinne wurde der entmachtete Schultes unter riesigem Gelächter der Kids mit einem Solar-Kostüm und einem Malereimer ausgestattet, mit dem er die "rostigen Schachtdeckel" streichen und gleichzeitig "mobilen Solarstrom" produzieren kann - wobei ihm zuvor natürlich die Krawatte abgeschnitten worden war. In einer fröhlichen Polonaise tanzten die großen und kleinen Narren ins Rathaus, wo sie eine Stärkung erwartete.
Mit einem Paukenschlag pünktlich um drei Uhr am Nachmittag war der Rathaussturm in Reichenbach an der Fils eröffnet. Zur Guggenmusik begrüßte Klaus Kuhnle von der Fasnetsgilde "Feuerteufel" die zahlreichen Zuschauer am Rathausplatz und schon war die Jagd auf Bürgermeister Bernhard Richter eröffnet. Das Rathaus wurde gestürmt und bald war man auch fündig. Auf dem Balkon des Rathauses erhielt der "Gefangene" und überrumpelte Bürgermeister, der einem sportlichen Adonis mit blauem Haar glich, sein Narrengericht. Dies fiel außerordentlich positiv aus, die Narren vermuteten, dass Bürgermeister Richter einen Spion in die Gilde eingeschleust habe, denn alles, was man bemängeln wollte, wurde kurz darauf gerichtet oder ist in Bearbeitung. Der sportliche und in Gefangenschaft genommene Bürgermeister absolvierte mit Bravour und unter dem Applaus zahlreicher Zuschauer ein "Schubkarren-Walking", ein "Klobürstenzielwurf" und Eierlaufen.
Nahezu wortwörtlich nahmen heuer die Kirschkernspucker in Heiningen ihren fünften Rathaussturm. Kurz nach 17 Uhr setzte ein recht ungemütlicher Schneesturm ein und anstatt eines bunten Konfettiregens rieselten dicke Schneeflocken. Doch davon ließen sich die Narren nicht abhalten. "An Tagen wie diesen" sorgten die "Nenninger Schneckafiedler" für gute Laune bei den vielen Anwesenden. Warm eingepackt erlebte der fünf Monate alte Linus als erster "Narrensamen" und jüngstes Mitglied der Narrenzunft, dass es auch ein Bürgermeister nicht immer leicht hat. "Hackebeil, Säge, Flex", fordernden die Staren lautstark Einlass. Dabei wurde Norbert Aufrecht geraten, er solle seinen "Hirn-Anmachschalter" benutzen und obwohl dieser gut prima konterte, ließ er sich doch noch wie alle Jahre auf der Leiter abführen. "Hebt die au, i han fei zwoi Kilo zugnomma", fragte er zur Sicherheit nochmals nach? Im Gegensatz zur nicht sturmerprobten Technik hielt die Leiter. Dann begaben sich die Narren ins trockene Partyzelt, um weiter zu feiern.
Carmen Marquardt, Adelbergs Amtsspitze, wurde gestern gleich zweimal überfallen: Am Morgen stürmten die Kinder des Adelberger Kindergartens "Pusteblume" in bunten Kostümen das Rathaus. Die Bürgermeisterin revanchierte sich mit Mohrenköpfen, Kinderpunsch und einer Wundertüte mit Spielzeug. "Jetzt wollen sie einen eigenen Bürgermeister für ihren Kindergarten wählen", erzählt Marlies Matuschewski von den Hundsholzhexen Adelberg. Am Abend ging es für Maquardt weiter: Die Hundsholzhexen holten die Bürgermeisterin zur Kneipentour in Adelberg ab. "Gegen zehn oder elf sind wir mit unserer Bürgermeisterin fertig, sie muss ja morgen wieder ihren Dienst antreten", sagte Kerstin Röhrle, Schriftführerin des Vereins. Das bedeutete aber nicht das Ende für die Adelberger Hundsholzhexen: Sie wollten sich danach noch auf einer der vielen Partys im Kreis vergnügen.
Trotz heftigen Schneetreibens kamen etliche Schaulustige zum Rathaussturm nach Wangen. Die Forstberg-Hexen waren bestens vorbereitet, auch wenn sie es vorzogen, den Gemeinderat zu verschonen und nur mit dem Bürgermeister Daniel Frey ins Gericht zu gehen. Heftig konnte sich Frey nicht gewehrt haben, denn kurz nachdem die Narren ins Rathaus gezogen und die Narrenfahne gehisst hatten, kamen die Forstberg-Hexen mit dem als Pinguin verkleideten Schultes. "Wir Hexen haben einen uralten Brauch, und dem unterziehen wir dich heute auch. Was neu ist, wird bei den Hexen getauft, wo man was Leckeres isst und was Flüssiges sauft." Tapfer ergab sich Daniel Frey in sein Schicksal, aß und trank und unterschrieb zudem eine Erklärung, die ihn verpflichtet, in der kommenden Fasnetsaison zu einem Narrenspruch, samt Umzug mitzugehen. Sichtlich erleichtert, alles überstanden zu haben, unterschrieb er dies gern, bevor zu fetziger Musik vor dem Rathaus getanzt wurde.
Die Furchenrutscher in Rechberghausen waren ganz in ihrem Element, sie tanzten bereits vor dem Sturm auf das Rathaus zur Guggenmusik. Bürgermeister Reiner Ruf und sein Gemeinderat warteten auf ihr jüngstes Gericht. "Schlossgeist Ihim", der im Gewölbekeller in einer Gruft wohnt, verschonte niemanden und tadelte: "Rechberghausen entwickelt sich zu Discountcity, Reiner hör endlich auf zu bauen." "Ihim" gab hilfreiche Tipps, mit so vielen Einkaufsmöglichkeiten umzugehen und empfahl geführte Einkaufstouren oder einen Volkshochschulkurs "Schnäppchenjagd in Rechberghausen". Dem Bürgermeister legte es ans Herz, noch einen Klinikneubau und ein Rehazentrum zu errichten, um die stressgeplagten Einkäufer zu behandeln. Freiwillig übergab der Reiner Ruf den Rathausschlüssel an das Grafenpaar, das nun bis Aschermittwoch das Sagen in der Gemeinde hat.









