"Mit Märklin zurück in die Kinderzimmer"
Märklin ist raus aus der Insolvenz und dampft mit großere Zuversicht in die Zukunft. Der neue Firmenchef Stefan Löbich und der Vertriebs- und Marketingleiter Lars Schilling sehen die Krise bei dem Modellbahnhersteller überwunden.
Herr Löbich, haben Sie privat eine Modelleisenbahn von Märklin?
STEFAN LÖBICH: Die steht im Keller. Als junger Kerl habe ich natürlich auch spielen dürfen, zumindest vordergründig. Der Vater hat sie an Weihnachten aufgebaut, am zweiten Weihnachtsfeiertag durfte ich dann auch damit spielen. Später hatte ich die gleichen Verhaltensmuster wie mein Vater, wenn die Kinder spielen wollten . . .
. . .durften Sie nicht?
LÖBICH: . . .da hieß es dann, die Anlage steuere ich und hier hast Du drei Knöpfe, da darfst du drauf drücken. Ich besitze eine Sammlung mit 15 Loks und einigen Güterwaggons und die Kollegen sind dran, dass ich das neu auffrischen und möglichst viel Umsatz bei Märklin machen soll.
Apropos Umsatz: Wie steht Märklin heute da? Ist das Göppinger Traditionsunternehmen wirklich gerettet?
LÖBICH: Märklin ist gerettet. Da muss man dem früheren Insolvenzverwalter Michael Pluta und meinem Vorgänger Dr. Kurt Seitzinger schon danken. Das, was die beiden bewerkstelligt haben, ist fast einzigartig in Deutschland. Nachdem der Insolvenzplan genehmigt wurde, sind wir in der glücklichen Situation, dass wir über das Vermögen wieder selber verfügen, was nicht heißen soll, dass jetzt wieder der Wohlstand ausbricht. Im Gegenteil der Inhalt des Insolvenzplanes ist wie ein Gesetz, an dessen Inhalt wir die nächsten Jahre gebunden sind. Letztlich hantieren wir mit fremdem Vermögen und müssen alles mögliche unternehmen damit die Forderungen der Gläubiger zu 100 Prozent bedient werden können. Bereits 2010 haben wir uns aus dem operativen Geschäft finanziert und auch im laufenden Jahr sehen die Finanzpläne so aus, dass wir uns aus dem originären Geschäft finanzieren können.
Wird der von Pluta so bezeichnete "Unternehmer mit Herzblut" immer noch gesucht?
LÖBICH: Sicher wäre ein Unternehmer mit Herzblut, der als Investor auftritt, optimal. Es besteht aber keine Notwendigkeit, Märklin zu verkaufen. Wir haben die Gläubigerbanken hinter uns und wir haben jetzt eine saubere Managementebene mit einem Beirat, in dem Kurt Seitzinger als Vorsitzender und Michael Pluta als Treuhänder des Insolvenzplans sitzen. Das Kontrollorgan ist mir wichtig. Wenn man einen Beirat hat, der das Unternehmen aus der Insolvenz heraus geführt hat und auch die Stärken und Schwächen kennt, ist das von großem Vorteil.
Wem gehört denn jetzt eigentlich Märklin? Den Banken?
LÖBICH: Richtig, Märklin gehört den Gläubigern und die Banken sind Darlehensgeber. Wir können zwar über das eigene Vermögen verfügen, aber es ist fremdes Geld. Das muss man jeden Tag im Hinterkopf haben, so dass man hier vorsichtig und nachhaltig agiert. Das ist für uns im Management eine große Verantwortung.
Über der Märklin GmbH thront aber immer noch die Märklin-Holding, die nach wie vor insolvent ist und in der Michael Pluta als Insolvenzverwalter auftritt.
LÖBICH: Natürlich muss die Holding irgendwann auch aus der Insolvenz geführt werden, aber entscheidend ist jetzt das operative Geschäft.
Wie laufen denn die Geschäfte?
LÖBICH: Das Weihnachtsgeschäft, das recht ordentlich lief, hat uns nach vorne gebracht und einen schönen Auftragsbestand beschert, der sogar über dem des Vorjahres liegt. Da können wir sehr zufrieden sein.
Wurden die Umsatzziele erreicht?
LÖBICH: Die Ziele sind nicht ganz erreicht worden. Entscheidend ist, ob das Betriebsergebnis erreicht wird, der Jahresüberschuss. Da sind wir gut auf Kurs. Das ursprünglich anvisierte Betriebsergebnis von 6,5 Millionen Euro werden wir auf alle Fälle erreichen, eventuell wird es sogar ein bisschen mehr werden.
Wie kam Märklin bei der Nürnberger Spielwarenmesse an?
LÖBICH: Das war ja meine erste Messe in Nürnberg und ich war sehr beeindruckt. Herr Schilling und ich haben viele Gespräche mit Händlern und Spielwarenverbänden geführt. Das Echo war nur positiv. Unsere Gesprächspartner sagten, wir drücken euch die Daumen, dass es endlich weiter geht. Insgesamt war das alles sehr erfreulich.
Haben Sie den "Makel der Insolvenz" damit endgültig abgelegt?
LÖBICH: Insolvenz ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist sie natürlich ein Makel, andererseits hat sie dem Unternehmen auch ein Stück weit geholfen. Unsere Kundschaft, die Märklin sehr verbunen ist, hat uns mit ihren Umsätzen und Zuwendungen sehr unterstützt.
Da war ja fast eine Solidaritätsbewegung im Gange . . .
LÖBICH: Das war schon beeindruckend. Jetzt ist dieser doppelte Boden aber weg, jetzt müssen wir uns am Markt ganz regulär beweisen. Ich glaube, mit unserer neuen Sortimentsstruktur, die aus dem Marketing heraus entwickelt wurde - Beispiel "My World", also zurück in die Kinderzimmer - hatten wir auf der Messe einen guten Stand.
Versteht sich Märklin jetzt nicht mehr nur als Modellbahnbauer, sondern als Spielwarenhersteller?
LÖBICH: Spielwarenhersteller würde ich nicht sagen. Wir bleiben unserem Kerngeschäft schon treu. Spielwaren haben immer auch ein bisschen mit Plastik zu tun. Das möchten wir nicht. Wir werden kein Plastikhersteller. Wir wollen weiterhin an unserer Kernkompetenz festhalten, qualitativ hochwertige Modelleisenbahnen zu bauen, dürfen uns aber keinesfalls neuen Märkten verschließen, so dass wir sicherlich auch weiterhin in Richtung Kinderzimmer schielen.
Reicht das?
LÖBICH: Wir wollen zurück in die Kinderzimmer und da brauchen Sie auch Spielwaren. Einem Kind eine hochdetaillierte H0-Lok als Spielzeug zu geben, macht keinen Sinn. Das Spielzeug muss einfacher sein, man muss das Dach öffnen können, um die Spielfiguren reinpacken zu können. Wir wollen das Spiel nutzen, um die Kinder an die Eisenbahn heran zu führen. In Nürnberg haben die Kinder die Nasen an die Plexiglasscheiben unserer Schaukästen gepresst. Es ist falsch zu sagen, die Kinder seien heute nur Internet oder I-Phone gesteuert. Ich glaube sogar, dass Kinder zum Thema Entschleunigung so eine Eisenbahn gut nutzen können.
Ab einem gewissen Alter geht es aber doch los mit den Computerspielen.
LÖBICH: Natürlich ist die Konkurrenz im Kinderzimmer größer geworden. Letztendlich liegt es an uns, entsprechende Produkte auf den Markt zu bringen. Wir haben zur Spielwarenmesse ein Sortiment vorgestellt, da liegen alle Produkte unter 200 Euro, die Zubehörprodukte und die technische Infrastruktur drum herum wurden zudem komplett auf plug and play umstrukturiert. Wir haben also ein Sortiment, dass bei 49.95 Euro beginnt und das eigenständig und nicht nur im Spielwarenfachhandel funktioniert.
Wie sehen die Vertriebswege aus?
LARS SCHILLING: Wir verkaufen Märklin-Produkte überall dort, wo Spielwaren angeboten werden. Wir glauben nicht, dass es am Produkt als solchem liegt, dass sich Kinder von der Marke zurückgezogen haben. Das Problem war, dass die Marke als solches nicht mehr in den Läden präsent war. Da muss man den Kunden abholen, um ihn in verschiedenen Modellbahn-Evolutionsstufen vom Spieler zum Sammler zu machen.
Auf der einen Seite die Kinder, die einfach spielen wollen und auf der anderen Seite der anspruchsvolle Sammler, der Wert legt auf größtmöglich Detailgenauigkeit?
SCHILLING: Warum nicht? Wenn wir unseren batteriebetriebenen ICL für 49.95 Euro anschauen, der hat überhaupt nichts von Detailtreue. Das soll das Angebot von Märklin ergänzen und Neukunden heranführen. Das stört die Sammler oder Modelleisenbahner überhaupt nicht - so lange wir an unserer Kernkompetenz, dem Bau von Modellbahnen, festhalten. Wenn wir diese Kompetenz aber verlieren und in Richtung Spielwarenhersteller abdriften, dann gibts ein Problem. Ich habe noch keinerlei Reklamationen von Modellbahnfreaks bekommen. Das ist ein komplett anderes Segment. Die Kinder sind aber eine Zielgruppe, die wir genau so brauchen wir die Modellbahner und die Sammler.
Welches Echo haben Sie auf My World bisher?
LÖBICH: Ein sehr gutes Echo. Wir haben einen siebenstelligen Auftragseingang zu verzeichnen, den wir sicher bis zum Jahresende noch einmal verdoppeln können. Das ist schon zufriedenstellend. Wir werden auf jeden Fall unsere Vertriebsaktivitäten in diesem Segment verstärken und haben da jetzt auch organisatorisch umgebaut.
Sie haben jetzt auch eine App fürs I-Phone.
SCHILLING: Es gibt zwei Apps von Märklin. Einmal eine App, die den kompletten Katalog beinhaltet, da kann man sich durch einzelne Produkte durchklicken und zum anderen die bei der Messe vorgestellt Mobile-Station. Damit können Sie ihre Modelleisenbahn komplett schnurlos steuern. Vergleichsprodukte im Markt kosten bis zu 200 Euro, eher mehr. Das ist extrem bedienerfreundlich. Das wird in den nächsten Monaten ergänzt durch eine Application fürs I-Pad und für Android-Handys. Für uns ist es wichtig, auch in diesem Markt mit innovativen Produkten präsent zu sein. Es geht auch ein bisschen darum, die Verbindung zwischen dem Großvater und seinem Enkel zu schaffen. Die neuen Technologien schüchtern uns nicht ein. Wir wollen den Menschen zeigen, dass wir ein sehr innovatives Unternehmen sind, das absolut im Trend der Zeit unterwegs ist. Die langfristige Vorstellung, die wir haben, ist, dass Märklin seine Fans den ganzen Tag über begleitet, in virtueller oder in reeller Form. Da arbeiten wir mit Hochdruck daran.
Könnten Sie sich auch eine Entwicklung zum Computerspiel vorstellen?
LÖBICH: Unser Kerngeschäft bleibt der Lokomotivenbau und wir müssen aufpassen, dass das nicht in eine virtuelle Welt abdriftet. Man muss zwar mit den Trends mitgehen, das ist keine Frage. Die Wertschöpfung kommt jedoch aus der klassischen Märklin-Produktion. Uns geht es in erster Linie darum, mit großer Detailgenauigkeit und hohem Qualitätsanspruch ein genaues Abbild historischer und aktueller Loks und Güterzüge zu schaffen.
Man könnte mit der Detailgenauigkeit auch eine Space-Shuttle nachbauen.
LÖBICH: Ich glaube der Erfolg ist immer entscheidend davon abhängig, wie man seinem Kerngeschäft treu bleibt. Die Fehler, die wir in der Vergangenheit gemacht haben, müssen wir nicht zweimal machen. Wir haben gemerkt, dass der Bau von Eisenbahnen am besten zu uns passt. Deshalb bleiben wir auch ganz, ganz eng in diesem Segment.
Sie wollen doch aber auch neue Märkte erschließen, beispielsweise in Amerika.
LÖBICH: Die Absicht besteht immer noch. Wir stehen kurz davor, speziell für Amerika etwas Neues mit hohem Spielwert zu kreieren. Das ist aber noch nicht kommunikationsfähig. Wir gehen aber davon aus, dass wir schon im Sommer den Sprung nach USA wagen. Ein weiterer Zukunftsmarkt ist für uns die Schweiz und auch Skandinavien. In erster Linie wollen wir aber unser Inlandsgeschäft stabilisieren.
Welche Rolle spielt in all ihren Überlegungen der Standort Göppingen?
LÖBICH: Der Standort Göppingen ist die Entwicklungs- und Produktionsschmiede von Märklin. Der Standort ist für uns sehr wichtig, für die Marke und für das Unternehmen. Es wäre auch aus sozialen Gründen fatal, davon abzurücken. Die Sanierung des Unternehmens in der Insolvenz wäre ohne die Unterstützung der Mitarbeiter nicht machbar gewesen. Das Herzstück von Märklin ist nun mal in Göppingen.
Gibts die Pläne noch, den Standort Göppingen mit einer Märklin-Erlebnis- oder Spielewelt zu stärken?
LÖBICH: Die Konzepte liegen fast schon fertig in der Schublade. Jetzt geht es aber erst einmal darum, so viel Geld zu verdienen, dass wir uns das auch leisten können. Die Realisierung der Pläne ist davon abhängig, wie in den nächsten zwei, drei Jahren das Geschäft läuft. Es ist nicht mehr die Frage, ob oder ob nicht, sondern es geht eigentlich nur darum, wann eine Erlebnis-Welt gebaut wird.
Wäre Märklin nicht auch eine Bereicherung für den Tourismus in der Region. Stuttgart ist ja nicht weit weg.
LÖBICH: Wenn die Stadt irgendwelche Pläne hat, uns als Märklin mit in den Tourismus einzubinden, sind wir für alles offen. Wenn es da ein Konzept geben sollte, sind wir auch bereit, das zu fördern.
Wie sehen Sie Ihre persönliche Perspektive in Göppingen? Ist das ein längerfristiges Engagement.
LÖBICH: Ich hoffe es. Meine eigene berufliche Lebensplanung war immer die: Ich wechsle nur einmal in meinem Leben. Das muss passen. Ich fühle mich hier heimisch, ich fühle mich hier angekommen. Ich bin von Dr. Seitzinger und Herrn Pluta mit sehr viel Wohlwollen empfangen worden, auch im gesamten Unternehmen kommen mir sehr viele positive Signale entgegen. Ich fühle mich hier wohl.
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Autor: JOA SCHMID | 23.04.2011
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Märklin-Chef Stefan Löbich: "Wir wollen zurück in die Kinderzimmer und da brauchen Sie auch Spielwaren. Einem Kind eine hochdetaillierte H0-Lok als Spielzeug zu geben, macht keinen Sinn. Das Spielzeug muss einfacher sein." Foto: Giacinto Carlucci
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Kommentare (1)
Qualitaet
Wann wird Maerklin sich wieder mehr ueber die Qualitaet bemuehen ? Die ist noch immer im Insolvenz Stand.Draehte sind locker, Loetungen ueberbruecken Loetstellen and C-Schaltgleisen, Neue Lok Dekoder funktionieren nicht, Neue Weichnantriebe funktionieren nicht,