Mietern den Strom geklaut?

Göppingen.  Eine ungewöhnlich hohe Stromrechnung fanden die Mieter eines Mehrfamilienhauses am Ende des Monats vor. Sie zeigten ihren Vermieter wegen Stromdiebstahls an.

Spannungsgeladene Stimmung herrschte im Göppinger Amtsgericht. Dazu passte die Anklage. Diese lautete nämlich auf Entzuges elektrischer Energie - "Stromdiebstahl" nannte es das Gericht. Ein Grundstücksverwalter aus einer Kreisgemeinde, Mitte 50, soll von April bis Dezember 2008 von seinen Mietern in seinem Zweifamilienhaus in 200 Fällen von einer gemeinsamen Steckdose Strom abgezweigt haben. Die Rechnung dafür, rund 80 Euro mehr pro Monat, sollen die Mieter zugestellt bekommen haben. So sah es jedenfalls die Staatsanwaltschaft. Diese forderte eine Geldstrafe von 1800 Euro. Damit wäre der Angeklagte, der zum ersten Mal vor Gericht stand, vorbestraft. Zwei Mieter hatten Anzeige erstattet. "Es ist lebensfremd, dass gleich zwei Mieter, die nacheinander in dem besagten Haus lebten und sich nicht kannten, die Vorwürfe erfunden haben. Ich bin überzeugt, dass der Angeklagte den Strom für sich verwendet hat", sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Insgesamt soll ihnen jeweils ein Schaden von rund 700 Euro entstanden sein. Ein Mieter fordert in einem laufenden Zivilprozess sogar 30 000 Euro Schadenersatz. Darin sind auch die Kosten für seinen Umzug enthalten.

Das Zweifamilienhaus, das sich im Besitz des Angeklagten befindet, befindet sich gleich neben dem Büro der Grundstücksverwaltung des vermeintlichen Stromdiebs. Eine 75-jährige Zeugin, die im Jahr 2008 zweimal die Woche ihre Tochter in dem betreffenden Haus besucht hatte, erinnerte sich: "Immer wieder sah ich ein Stromkabel auf dem Boden, das von der Außensteckdose zur Lagerhalle des Angeklagten führte."

Der Beschuldigte erschien im eleganten Hemd an der Seite seines Verteidigers. Mit ernster Miene zeigte er sich während der Verhandlung äußerst nervös. Immer wieder knetete er unruhig seine Hände und schaute hektisch auf seine goldene Armbanduhr. Er bestritt den Diebstahl: "Ich habe die elektrische Energie meiner Mieter niemals angerührt."

Sein Verteidiger erklärte die hohen Stromrechnungen mit der Strom betriebenen Heizung im Keller des Wohnhauses. "Die Mieter wurden darauf aber bei ihrem Einzug hingewiesen", sagte der Rechtsanwalt. Während eine Zeugin Stromkabel mitsamt Kabeltrommel gesehen haben will, bestritten dies dagegen mehrere aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter des Grundstücksverwalters.

Diese zeigten sich dabei auffallend aggressiv. Auf die ruhige und sachliche Nachfrage von Richter Spindler verfielen die Zeugen allesamt in lautes Geschrei. "Auf gar keinen Fall hat es ein Stromanzapfen gegeben", behauptete so zum Beispiel ein 73-jähriger ehemaliger Mitarbeiter mit lautstarker Stimme. Seine Ehefrau gab dem Prozess dann fast eine entscheidende Wende: "Über den Hof haben wir niemals ein Stromkabel gelegt", teilte sie dem Richter ungefragt mit. Dieser hatte allerdings der Frau, die auf dem Gerichtsflur gewartet hatte, noch gar keine Frage gestellt, weder irgendein Kabel erwähnt. "Sehr seltsam", fand das dann auch Richter Spindler.

Einer der beiden betroffenen Mieter, ein 61-jähriger Kaufmann, der inzwischen auch umgezogen ist, fiel immer wieder durch laute Zurufe auf. Von den Zuschauerbänken aus beschimpfte er den Angeklagten immer wieder als "Verbrecher" und die Zeugen als "Lügner". "Ich habe heimlich Tonbandaufnahmen gemacht, auf denen die Frau des Angeklagten den Stromdiebstahl zugibt", behauptete der Mann nach der Verhandlung. Diese sollen in dem Zivilprozess als Beweismittel dienen. Richter Spindler hatte die Tonbänder zuvor als Beweismittel abgelehnt. Er sprach den Uhinger Verwalter schließlich frei. "Es gibt Verdachtsmomente, die Beweise reichen aber nicht für eine Verurteilung aus. Im Zweifel für den Angeklagten", sagte der Richter.


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Autor: ALEXANDER KAPPEN | 06.09.2010

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