Messies brauchen Hilfe

Göppingen.  Rund 100 Haushaltsauflösungen macht die Göppinger Firma Fritsch jährlich. Der Anteil der zugemüllten Wohnungen steigt. Ein Erfahrungsbericht von Hansi Fritsch, der sich als Messiecoach versteht.

Im Beruf wahrt der Stuttgarter Ingenieur Michael S. als Teamleiter die Fassade. Doch zu Hause angekommen, reicht die Energie des 54-Jährigen für gar nichts mehr. Notdürftig hält sich der Single schmale Trampelpfade durch seine Vier-Zimmer-Wohnung frei, vorbei an meterhoch aufgetürmten Zeitungsstapeln, Kartons, Getränkekisten und niemals ausgeräumten Einkaufstaschen.

"Messies leiden an massiver Antriebshemmung, häufig kombiniert mit fehlender sozialer Kontrolle durch einen Partner", sagt Hansi Fritsch. Kommen Arbeitslosigkeit oder Verlust eines geliebten Angehörigen dazu, neigen viele Betroffene zu Trunksucht und Verwahrlosung, weiß der 50-Jährige, der sich als Messiecoach versteht. Kürzlich betreute der gelernte Mechaniker, der vor 30 Jahren als Flohmarkthändler und Hobby-Restaurator in die Szene hineinwuchs, eine Apothekerin. Drei Monate lang besuchte er sie täglich zwei Stunden.

Dabei ist das Prozedere immer dasselbe: Zunächst schafft Fritsch mit dem Klienten eine aufgeräumte Insel, die meist aus zwei Stühlen in einer Zimmerecke besteht. Von hier aus arbeitet sich das Duo dann voran, stets begleitet von drei Kisten: In die erste kommt, was der Bewohner unbedingt behalten will; in die zweite, wovon er bereit ist, sich zu trennen; und in die dritte, wobei er unentschlossen ist. Die dritte Kiste wird nach einigen Tagen erneut gesichtet. Dabei redet Fritsch dem auf Hilfe angewiesenen Kunden immer wieder gut zu. "Das brauchen Sie bestimmt nicht mehr!", "Das können Sie gar nicht mehr verwenden, weil es kaputt ist" oder "Davon haben Sie noch drei andere", sind Standardfloskeln dieser Unterhaltung.

Oft hört sich der Aufräumer, der auf dem Krettenhof einen Trödel betreibt, auch Geschichten an, die der Klient mit einem bestimmten Gegenstand verbindet. Sind diese dann erzählt, kann der Betroffene leichter loslassen. "Die meisten wissen ja, dass sie ein echtes Problem haben", sagt Fritsch. Aber sie bräuchten in ihrer Scham emotionale Begleitung und moralische Unterstützung, ihren Haushalt wieder in den Griff zu bekommen. Mit seinem Einfühlungsvermögen macht der Göppinger den Messies Hoffnung. "Sie werden sehen, in drei Wochen trinken wir an ihrem Küchentisch gemütlich Kaffee", lautet ein typisches Ziel.

Die Sammelwut, so Dr. Jürgen Kässer, ist eine Zwangsstörung, gelegentlich auch Teil einer Depression. Mit dem Haben und Besitzen, so der Stuttgarter Psychotherapeut, kompensiere der Betroffene einen Mangel an Zuwendung und Liebe. Der Besitz verschaffe dem Messie Sicherheit. Weil er aber zugleich in der Fülle der Güter die Angst verspüre, den Überblick zu verlieren, schaue er weg und verdränge damit seine Störung.

"Wir sind alle ein bisschen messie, weil wir viel mehr aufheben, sammeln und besitzen als wir tatsächlich brauchen", ringt Fritsch bei den Angehörigen um Verständnis, denen es oft peinlich ist, den Coach zu engagieren. Für ihn sind der Wohlstand und schwindende soziale Netzwerke Ursachen der Vermüllung. Gegeben habe es dieses Phänomen schon immer, nur sei man früher anders damit umgegangen. Während heute die Betroffenen beteiligt werden, habe ihnen früher ein Räumkommando die Bude leer geräumt und der Messie habe von vorn beginnen können.

Zwar dauert seine Methode der Kooperation zehnmal länger, doch werde sie dem Betroffenen besser gerecht. Und kostenneutral sei sie allemal. Denn erst durch Fritschs Hilfe tauchen auch Bargeld und Wertsachen wie Schmuck oder Uhren wieder aus dem Müll-Chaos auf. Und viele Gegenstände wie Töpfe oder Kleider brauche sein Klient nicht immer neu kaufen, weil sie wieder gefunden werden - oft noch original verpackt.

Psychotherapeut Kässer begrüßt Fritschs Dienstleistung, weil er dem Betroffenen mit seiner praktischen Begleitung Zuwendung schenke und ihn emotional öffne. Eine Alternative sei die Psychoanalyse, um mit dem Messie an die Ursachen seiner Zwangsstörung zu kommen. Erschwerend komme hinzu, dass Scham die Betroffenen lähmt. Und: Während ein Ex-Alkoholiker auf Alkohol ganz verzichten könne, brauche ein Ex-Messie weiterhin Gegenstände des täglichen Bedarfs, wodurch er ständig mit seiner Sammelwut konfrontiert bleibt.


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