Märklin: Affäre zieht Kreise

Göppingen/Nürnberg.  Die Betriebsrats-Affäre überschattet die Nachricht vom Rekordgewinn, den Märklin mit zwölf Millionen Euro vor Steuern 2009 erzielt hat. Jetzt rechtfertigt Geschäftsführer Kurt Seitzinger sein Vorgehen.

Eigentlich könnten die Nachrichten bei Märklin besser nicht sein: Der Göppinger Modelleisenbahnbauer hat im Jahr seiner Insolvenz einen Rekordgewinn erwirtschaftet. Das Unternehmen habe 2009 einen Gewinn vor Steuern und Zinsen von 12,4 Millionen Euro erzielt, kam Insolvenzverwalter Michael Pluta gestern auf der Spielwarenmesse in Nürnberg ins Schwärmen. Auch die Liquiditätslage sei stabil geblieben. Erstmals sei es gelungen, die Finanzierung des Unternehmens auch während der umsatzschwachen Sommermonate sicherzustellen, verkündete der Ulmer Anwalt stolz.

Doch die Freude über den Erfolg des Sanierungseinsatzes im vergangenen Jahr wird überschattet von dem Streit um die geplante fristlose Kündigung des Betriebsratsvorsitzenden Dieter Weißhaar. Der sieht sich seit gestern mit dem Vorwurf der "illegalen Vorteilsnahme" konfrontiert, weil er auf eine Funktionszulage in Höhe von 511 Euro nicht verzichtet hat. Rechtsanwalt Pluta will Weißhaar deswegen fristlos kündigen. Zwar hat der elfköpfige Betriebsrat seine Zustimmung geschlossen verweigert, doch jetzt droht ein Arbeitsgerichtsverfahren.

Gestern nun hat sich auch Geschäftsführer Kurt Seitzinger, der sich zur Zeit bei der Spielwarenmesse befindet, per Aushang am schwarzen Brett zu Wort gemeldet. Darin bittet er die 500 Mitarbeiter am Stammsitz in der Stuttgarter Straße um Verständnis für seine Vorgehensweise und macht deutlich, dass ihm gar nichts anderes übrig geblieben sei.

Als Grund führt Seitzinger eine Verhandlung am 26. Januar vor dem Arbeitsgericht an. Dabei war bekannt geworden, dass sich ein Vorgänger Weißhaars sein Ausscheiden wenige Monate vor der Insolvenz im Februar 2009 hatte versüßen lassen. Die Rede ist von einer großzügigen Abfindung und einer üppigen Altersteilzeitregelung.

Im Verlaufe des Gerichtstermins sei der Richter auch auf das Thema "Funktionszulage für Märklin-Betriebsräte" zu sprechen gekommen, so der Märklin-Chef. Laut Seitzinger sagte der Richter, er fühle sich in fataler Weise an die "Korruptionsaffäre Betriebsräte bei VW" erinnert. Verbunden mit dem Hinweis, "dass die Situation bei Märklin wohl ein Fall für den Staatsanwalt" sei.

Bisher ist ein solches Verfahren bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Stuttgart nach Auskunft von Pressesprecherin Claudia Krauth aber nicht anhängig.

Jedenfalls geriet auf die Art auch Weißhaar wegen seiner Funktionszulage unter Verdacht. "Dieser Zulage standen und stehen keinerlei Gegenleistungen gegenüber", betonte Seitzinger in dem Aushang. Während Weißhaar berichtet, Seitzinger habe ihm nahegelegt, die Sache geräuschlos aus der Welt zu schaffen, schildert das der Geschäftsführer genau umgekehrt: "Herr Weißhaar wollte von mir wissen, wie man die Sache geräuschlos aus der Welt schaffen könne."

Seitzinger lehnte das nach eigenen Angaben ab. Bei einer Unterredung am 27. Januar habe Weißhaar dann unaufgefordert mitgeteilt, in der nächsten Betriebsratssitzung am 28. Januar sein Mandat niederzulegen und nicht wieder zu kandidieren. Am nächsten Tag, so Seitzinger, habe er einen Anfruf von Renate Gmoser von der IG Metall erhalten, die ihn darüber informiert habe, dass Weißhaar von seinem Rücktritt zurück getreten sei. Unter diesen Umständen sah Seitzinger keine andere Möglichkeit, "als umgehend die fristlose Kündigung von Herr Weißhaar in die Wege zu leiten".

Renate Gmoser von der Göppinger IG Metall will Weißhaar in seinem Kampf gegen die drohende Kündigung unterstützen. Märklin bezahle die Zulage seit drei Jahrzehnten und habe sie auch unter der Verwaltung des Insolvenzverwalters Michael Pluta nie in Frage gestellt, so Gmoser. Im übrigen sei die Zulage im Rahmen des Betriebsverfassungsgesetzes durchaus möglich, sagt die Gewerkschafterin. "Da kommt eine fristlose Kündigung überhaupt nicht in Frage." Sie vermutet, dass es darum geht, einen Betriebsrat mundtot zu machen.

Auch der Lagerarbeiter Weißhaar - seit 1981 bei Märklin beschäftigt, seit 2002 als Betriebsrat freigestellt und seit 2008 Vorsitzender des Gremiums - sieht in dem Vorgang den Versuch, einen unbequemen Arbeitnehmervertreter los zu werden.


Kommentare (1)

04.03.2010 09:27 Uhr |   Armin

Handwerkliche Schwächen

Räumt der Arbeitsrichter am 26.01.2010 ein, sich an korrupte Betriebsräte der Volkswagen AG zu erinnern, stellt er damit öffentlich nichts anderes fest, als dass er allein Kenntnisse über frei erfundene Erzählungen besitzt und auch nach dem ergangenen Urteil des Bundesgerichtshofs bislang keinen Einblick in die wahren Ereignisse gewinnen konnte. Nicht zu hintergehender sozialer Tatbestand bleibt demgegenüber der namens der TU Braunschweig vom Insitut für Sozialwissenschaften an den einstigen Vorsitzenden des dortigen Betriebsrats verliehene Doktorgrad honoris causa und damit dessen ausdrückliche Unterwerfung unter alle freien Wissenschaften. Aufgabe der Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht in Braunschweig wäre also gewesen, ein wissenschaftliches Fehlverhalten nachzuweisen. Weil indes solcher Nachweis nie erbracht wurde, redet keiner mit Fug und Recht von einer "Korruptionsaffäre"; auch nicht bei Märklin.

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Autor: JOA SCHMID | 06.02.2010

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