Kuschelstunde mit Max
Kreis Göppingen. Sie unterhalten sich öfter, greifen wieder zur Zeitung und sind selbstständiger: Bei Demenzkranken sehen Pflegeassistenten enorme Fortschritte. Eine Reform von 2007 macht die Extra-Betreuung möglich.
Max ist ihr neuer Liebling. "Mein Schätzele", nennt ihn die 86-Jährige. Die Frau will die Puppe mit der Struwwelfrisur, der Stupsnase und den lustigen Augen gar nicht mehr loslassen. "Hoppe, hoppe Reiter" singt die Seniorin, die an Demenz erkrankt ist. Sie knuddelt und streichelt Max, hält ihn wie ein Baby, genießt die Nähe. "Manchmal kommen da Dinge hoch, die aufgearbeitet werden müssen", erklärt Birgit Göser vom Sozialen Dienst des Uhinger Blumhardthauses.
Gefühle der Vergangenheit herauszukitzeln, ist auch eines der Ziele dieser Arbeit, die die neuen Betreuungsassistenten in mittlerweile vielen Pflegeheimen leisten. Die Pflegereform von 2007 - in Kraft trat das Gesetz im Juli 2008 - machts möglich: Die Pflegekassen zahlen seitdem einen Zuschuss, wenn der Bewohner bestimmte Kriterien eines Katalogs erfüllt. Zielgruppe dieser zusätzlichen Betreuung seien vor allem demenzkranke, verwirrte oder psychisch kranke Menschen, erklärt Birgit Göser. Im Blumhardthaus kommen rund zwei Drittel der 120 Bewohner in den Genuss dieses Mehr-Erlebens.
So wie die drei Damen am Tisch der Wohngruppe im zweiten Stock. Betreuerin Daniela Schedlbauer animiert die Seniorinnen "zum Schaffa". Die Fachkraft breitet Stofftaschentücher aus - und die Frauen müssen sie zusammenlegen. "Muss man die noch bügeln?", fragt eine in der Runde. Nein, das Falten reicht, sagt Daniela Schedlbauer und macht den Anfang. Verlernte Fähigkeiten wachzurufen, das Gefühl, gebraucht zu werden, und die Kommunikation stehen bei dieser Aktivität im Vordergrund. Die Taschentücher, zum Teil bunt umhäkelt, wecken Erinnerungen: "Ich habe das früher auch gemacht", sagt eine Frau. "Heute benutzt man sowas ja nicht mehr, da hat man ja Tempos", meint die 91-Jährige und fügt stirnrunzelnd hinzu: "Früher hat man die Sachen nicht so schnell weggeschmissen." Die Hände wollen nicht mehr so wie sie - aber um Schnelligkeit geht es an diesem Nachmittag überhaupt nicht. Die drei Bewohnerinnen haben ihren Spaß und kommen ins Plaudern. "Das ist so schön. Ich sitze am Anfang mit am Tisch, und irgendwann kommt ein Gespräch in Gang", berichtet Daniela Schedlbauer. Die Betreuerin, die eine 160-stündige Zusatzausbildung absolviert hat, beobachtet enorme Fortschritte bei den Bewohnern: "Sie unterhalten sich wieder mehr, eine Frau liest wieder regelmäßig Zeitung", nennt sie zwei Beispiele.
Dies kann auch Brigitte Martin, Leiterin des Wohn- und Pflegestifts in Ebersbach, bestätigen: "Demenz braucht eine besondere Förderung. Den Bewohnern tut die zusätzliche Betreuung sehr gut." Die Assistenten sorgten für eine spürbare Entlastung des Pflegepersonals - "die würden das nicht schaffen" - und der Ehrenamtlichen, die zwar wichtig seien, aber eben auch angeleitet werden müssten. "Die Betreuungskräfte machen mit den Bewohnern Spaziergänge, spielen Memory, gehen mit dem Hund Gassi, basteln, spielen, machen Sturzprophylaxe oder Esstraining", zählt Brigitte Martin einige Programmpunkte auf. 30 Demenzkranke sind in dem 74-Bewohner-Haus derzeit berechtigt, das neue Angebot in Anspruch zu nehmen. Der Zuschuss der Pflegekassen berechnet sich so, dass auf 25 Patienten ein vollbeschäftigter Betreuungsassistent kommt.
Der Unterschied zur Aktivierung, wie das Personal die Aktivitäten im Alltag nennt, ist die Größe der Gruppe, erklärt Birgit Göser. Die Betreuungsassistenten kümmern sich in kleinen Gruppen oder einzeln um die Bewohner und können dadurch stärker auf die jeweiligen Bedürfnisse, die Biographie oder die individuelle Alltagsgestaltung des demenzkranken Menschen eingehen. Wer früher gerne an die frische Luft gegangen ist, bei dem könne das Spüren von Wind und Sonne kleine Wunder bewirken, erklärt die Sozialpädagogin.
Doch auch drinnen, am Tisch der Wohngruppe Birkenhain im Blumhardthaus, herrscht eine fröhliche Atmosphäre. Die Taschentücher-Stapel wachsen kontinuierlich, und Puppe Max liegt noch immer in den Armen der 86-jährigen Frau. "Guck, guck", sagt sie und lacht. Und auch Daniela Schedlbauer ist glücklich: "Ich bekomme jeden Tag etwas zurück." Wenn die demenzkranken Menschen beim Kartoffelschälen oder Wolleaufwickeln plötzlich von früher erzählen und aufblühen, weiß sie, dass sie alles richtig gemacht hat.
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Autor: SUSANN SCHÖNFELDER | 19.03.2010
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Therapiepuppe Max bringt demenzkranke Menschen zum Lachen und kitzelt Gefühle der Vergangenheit heraus. Betreuungsassistentin Daniela Schedlbauer sieht bereits nach kurzer Zeit große Fortschritte. Fotos: Giacinto Carlucci
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