Kreistag: SPD-Politiker Peter Feige geht nach 41 Jahren

Er war ein 68er und wollte in den Kreistag, um sich für seine damals noch so genannten "Sonderschüler" einzusetzen. Nach 41 Jahren Amtszeit geht er als Ehrenkreisrat. Ein Gespräch mit Peter Feige.

JÜRGEN SCHÄFER |

Herr Feige, Sie waren zusammen mit dem früheren Eislinger Bürgermeister Günther Frank am längsten im Kreistag. Was waren die Highlights in 41 Jahren?

PETER FEIGE: Sicher sehr viele Dinge. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir die halbfertige Klinik am Eichert besichtigt haben, die nun ja wieder durch einen Neubau ersetzt werden soll. Die ganzen beruflichen Schulen in Göppingen und Geislingen waren über die ganze Stadt verteilt, die Bündelung war für den Industriekreis Göppingen das A und O. Der Umbau des Landratsamts, das Müllheizkraftwerk, eine Zufluchtsstätte für misshandelte Frauen, die wir gegen den Widerstand von Vielen eingerichtet haben, oder die Mehrheit für eine Gleichstellungsbeauftragte nach 13 vergeblichen Versuchen. Die Einrichtung der Sozialstationen, der Kreisaltenplan, der Kreisbehindertenplan - das waren wichtige Meilensteine.

Gab es denn auch bittere Niederlagen?

FEIGE: Die gabs mit Sicherheit. Aber Sie werden's mir nicht glauben, ich verdränge das so schnell. Muss man wahrscheinlich auch. Jüngst, eine eher kleine Angelegenheit: die Kinderbetreuung für Mitarbeiter des Landratsamts im Kindergarten für Sprachbehinderte hat sich nicht realisieren lassen. Das war ärgerlich, weil die Mehrheit des Kreistags schon die Diskussion darüber aus formalen Gründen abgelehnt hatte.

War die Kreispolitik auch mal langweilig?

FEIGE: (denkt nach, lacht). Wir haben im Verwaltungsausschuss des Landkreises mal eine halbe Stunde diskutiert über die Fusion zweier Tierkörperbeseitigungsanstalten, die gar nicht hier im Kreis liegen. Ich dachte mir: Hast du an diesem schönen Nachmittag eigentlich nichts Besseres zu tun?

Zwei Krankenhaus-Neubauten in 40 Jahren: Ist das normal? Oder falsch gelaufen?

FEIGE: Für einen Häuslebauer wäre das mit Sicherheit nicht normal. Aber mit unseren Kliniken in Göppingen und vor allem Geislingen waren wir immer in der Situation, dass wir jährlich erschreckend hohe Summen zuschießen mussten. Wir haben das gutachterlich untersuchen lassen und die Frage gestellt, ob ein Neubau nicht sinnvoll wäre. Es war uns gar nicht klar, dass es so kommen könnte. Und dann kam das tatsächlich raus. Wir haben's durch einen zweiten Gutachter prüfen lassen, der hat es bestätigt. Eine Generalsanierung hätte bedeutet, die alte Göppinger Klinik am Eichert komplett zu entkernen. Das wäre teurer geworden als ein Krankenhaus-Neubau, und für eine neue Klinik gibt's auch höhere Zuschüsse.

Das Müllheizkraftwerk hat bereits eine bewegte Geschichte. Früher zankte man sich um die "Dreckschleuder", dann wurde es erweitert und privatisiert. Heute hört man: Bringt keine Gewerbesteuer mehr. Alles richtig gelaufen?

FEIGE: Das war immer ein schwieriges Thema. Eine Bürgerinitiative hat von Dioxinschleuder gesprochen, das war nicht so. Was wir als SPD mit der Erweiterung wollten, und da haben wir ausnahmsweise einen Riesen-Fehler gemacht: Wir haben uns kapriziert auf die Pyrolysetechnik, bei der schien alles gut zu sein. Aber dann stellte sich raus, dass die Technik gar nicht funktionieren konnte. Ich bin gottfroh, dass das Müllheizkraftwerk privatisiert ist und alle Auflagen einhält.

Mancher Bürgermeister hält den Kreis Göppingen für verschlafen. Stimmt das?

FEIGE: Es gibt sicherlich Bereiche, wo wir nicht an der Spitze der Bewegungen gestanden sind. Wir haben die wirtschaftliche Entwicklung lange nicht als kritisch wahrgenommen. Wir haben nicht früh genug gegengesteuert, soweit ein Kreistag das überhaupt kann, beim Einbruch der Textil- und Maschinenindustrie.

Die S-Bahn, die der Landkreis nicht wollte.

FEIGE: Das war auch verschlafen. Aber der Kreis stand damals vor der Entscheidung: ein neues Krankenhaus oder den S-Bahn-Anschluss. Wir haben uns für das Krankenhaus entschieden, und ein halbes Jahr später kam das Krankenhausfinanzierungsgesetz. Das hätte uns ermöglicht, beides zu tun. Nur war es zu spät.

All die Jahre blieb es dann dabei.

FEIGE: Wir, die SPD, haben's immer wieder gefordert. Landrat Weber fragte: Was ist der Mehrwert für den Kreis? Ich bin felsenfest überzeugt, der Kreis stünde anders da, wenn er 1975 die S-Bahn gekriegt hätte. Schauen Sie sich Backnang an oder Kirchheim.

Kommt die S-Bahn noch?

FEIGE: Mit der klassischen S-Bahn bin ich nicht mehr so optimistisch. Es geht jetzt um neue Modelle, aber das würde auch zum Ziel führen. Wichtig ist: Das Logo mit dem grünen S auf weißem Grund muss an den Bahnhöfen hängen.

Der Tourismus war auch ein Stiefkind. Dem Biosphärengebiet wollte der Kreis nicht beitreten.

FEIGE: Das Thema war früher: Wie können wir unsere Industriekreis stärken? Im Bereich Tourismus waren wir vielleicht zu verschlafen, vielleicht gab es auch zu viele kommunale Einzelinteressen. Landrat Wolff hat es zu seinem Schwerpunkt gemacht, man sieht: Da tut sich was.

Als Industriekreis scheint der Kreis Göppingen abgehängt zu sein.

FEIGE: Nein, wir sind besser als unser Ruf. Das sage ich auch als Verwaltungsrat der Kreissparkasse. Wir sind bei Industrie, Handel und Gewerbe nicht "überraschend gut" aufgestellt, es gibt neue Schwerpunkte mit industrienahen Dienstleistungen, digitale Technik.

Geld hatte der Kreis vermutlich nie.

FEIGE: Das möchte ich nicht sagen. Klar, wir hatten klamme Zeiten. Aber Schulden sind Vorwegleistungen für die, die nach uns kommen, da habe ich nie Probleme gehabt. Im Moment sieht es gut aus, mit 41 Millionen Schulden. Wir können den Klinikneubau, die Landratsamts-Anbau und die S-Bahn angehen.

Sie haben drei Landräte erlebt. Wie war Dr. Paul Goes?

FEIGE: Ein sehr feinsinniger Mensch, ein ausgesprochener Großbürger, der sich aber schwer getan hat mit Parteien. Er hatte die Verwaltung ausgesprochen gut im Griff, aber keine revolutionäre Ideen.

Landrat Franz Weber?

FEIGE: Wir, die SPD, hatten seinen Gegenkandidaten Martin Bauch unterstützt. In einem unterschieden wir uns grundsätzlich: Fortschritt ist nur dann zu erzielen, wenn wir uns auseinandersetzen. Ich halte nichts von Harmoniesoße drübergießen. Weber war dafür überhaupt nicht zu haben, er hat lieber vorher schon Kompromisse ausgelotet.

Wie sieht's denn mit der Streitkultur im Kreistag aus?

FEIGE: Sie ist schon vorhanden, aber es wird versucht, Streit nicht nach außen zu tragen. Das wird von der Bevölkerung nicht positiv gesehen, da heißt es: sie schlagen sich die Köpfe ein. Darunter leidet die Streitkultur in Deutschland. Wohlgemerkt aber: 90 Prozent der Entscheidungen im Kreistag werden einvernehmlich getroffen, da muss man gar nicht groß streiten. Siehe Beschluss zum Klinikneubau: Der war einstimmig.

Wie ist es mit Landrat Wolff?

FEIGE: Sehr sachlich und zielorientiert, wir können gut mit ihm zusammenarbeiten. Er ist uns manchmal zu schnell und zu sehr "Gschaftlhuber", weil er nach unserer Meinung zuviel gleichzeitig anfängt. Da ist es als Kreisrat nicht so einfach, den Überblick zu behalten.

Wie war es als Fraktionvorsitzender der SPD?

FEIGE: Das sind zwölf Leute, die voll im Leben stehen, da muss man manchmal widerstrebende Interessen unter einen Hut bringen. Wir haben immer so lange diskutiert, bis wir eine für alle akzeptable Haltung gefunden hatten. Gelegentlich wurden aber auch abweichende Meinungen aus der Fraktion vorgetragen. Es gab keinen Fraktionszwang.

Welchen Ehrenplatz hat der Tisch, den Sie vom Kreistag mit nach Hause bekommen haben?

FEIGE: Derzeit ist er noch in der Garage. Er kommt in das Atelier, das ich im Moment suche. Ich will die Malerei jetzt wieder viel öfter betreiben. Als Kreisrat fehlte die Zeit.

Sie begleiten die Erstellung eines Imagefilms des Landkreises. Können Sie loslassen?

FEIGE: Das fällt mir überhaupt nicht schwer. Auch weil ich vor fünf Jahren fest beschlossen habe, aufzuhören. Das trägt man nicht vor sich her, weil man dann eine "lame duck", eine lahme Ente, ist. Hinter dem Entschluss steht auch eine nicht ganz stabile Gesundheit. Was ich noch vorhabe: Ich möchte gerne in einem Arbeitskreis Asyl mitarbeiten.

Sie waren auch Schöffe, darunter in dem Prozess um den Vierfachmord von Eislingen. Wie war das?

FEIGE: Als vierfacher Vater, der schon weiß, was mit Kindern alles passieren kann, war das für mich nicht so einfach. Ich empfand eine nicht geringe Empathie für die beiden Angeklagten. Ich habe manche Nacht während des Prozesses nicht geschlafen.

Zur Person 

Peter Feige (71) war seit 1973 Kreisrat der SPD, davon 30 Jahre Fraktionsvorsitzender. Im Regionalparlament war er auch lange. In Dürnau, wo er 1966 als Lehrer anfing, war er von 1971 bis 1977 auch Gemeinderat, dazu stellvertretender Bürgermeister, weil er auf Anhieb Stimmenkönig war. Nach dem Umsatteln zum Sonderschullehrer war er Rektor an der Förderschule Bad Boll von 1974 bis zur Pensionierung 2007. Schöffe war er zehn Jahre bis 2013, zuerst am Amtsgericht Göppingen, dann am Landgericht Ulm, seiner alten Heimatstadt. Seit 35 Jahren ist Peter Feige Verwaltungsrat der Kreissparkasse.

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