Kein Kostüm kommt von der Stange Michaela Kirn aus Dornstadt ist Chefin in der Schneiderei bei den Staufer-Festspielen
Göppingen. Sie schneidert Träume zurecht. Michaela Kirn aus Dornstadt im Alb-Donau-Kreis ist Chefin in der Schneiderei bei den Staufer-Festspielen. Für die "Fledermaus" müssen 200 Ballkleider und Kostüme entworfen, zugeschnitten und genäht werden.
Auf Zeitplänen steht, wann wer zur Anprobe kommt, daneben sind die Wände mit Skizzen von Ballkleidern und Schnittzeichnungen bepflastert. Ordnung und Chaos scheinen kein Problem miteinander zu haben. Ein Wandregal gleich im Vorraum ist mit Garnen bestückt. Wo noch Platz auf den Fluren ist, hängen Kleider, auf Stangen sortiert wie in der Damenoberbekleidung eines Kaufhauses. Von der Stange aber ist hier nichts. Alles ist maßgeschneidert - 200 oder mehr Kostüme, so schätzt Michaela Kirn, Kostümbildnerin und Gewandmeisterin sowie Chefin der Festspiel-Schneiderei im Stauferpark. Seit Februar ist sie mit 35 Damen, einem Herrenschneider und einem Praktikanten damit beschäftigt, Träume zurechtzuschneidern, die Akteure und Sänger der "Fledermaus" in ein stilgerechtes Outfit zu kleiden. Natürlich, sie müssten eigentlich aus Seide sein, die Ballkleider. Die bunten und luftig-leichten Stoffe aber sind synthetisch. "Weil Seide einfach zu teuer wäre", erklärt Michaela Kirn. Es ist festes Material, dem manchmal nur schwer mit der Nadel beizukommen sei und das die Scheren abstumpfe.
Eine Ausbildung zur Damenschneiderin hat die 51-Jährige, die in Dornstadt im Alb-Donau-Kreis zuhause ist, gemacht. Sie wollte immer schon ans Theater. Die Mutter sei schuld daran, weil sie ihre Tochter immer dorthin mitgenommen habe, meint Michaela Kirn, und wenn sies sagt, spürt man gleich, wie froh sie darum ist. An der Württembergischen Landesbühne in Esslingen und am Landestheater in Tübingen wurde sie engagiert. Und dann absolvierte Michaela Kirn an der Fachhochschule in Hamburg ein Gewandmeisterstudium. Von 1989 an war sie am Ulmer Theater Leiterin der Kostümabteilung.
Kostümbildner ist ein künstlerischer Beruf. Speziell für die Fledermaus-Aufführung der Staufer-Festspiele stöberte Michaela Kirn in historischen Vorlagen nach Mustern. Die Kleider, die auf die Bühne kommen, sollen authentisch sein und müssen doch noch ein Stück weit "in Form gebracht" werden. "Kostümbildner am Theater sind häufig auch Bühnenbildner", beschreibt Kirn ihre Arbeit. In Göppingen hat sie als Gewandmeisterin alle Hände voll zu tun: über 200-mal Maß nehmen und selber die Schnitte fertigen, zuschneiden und nähen im Team; dann die erste Anproben, über 200-mal ausbessern, korrigieren, abändern, Anprobe. "Dann muss einfach alles passen", sagt sie und schwärmt von den fleißigen Näherinnen, die sie um sich hat, und von der reibungslosen Harmonie zwischen Nähmaschine und Bügelbrett. 30 Arbeitsstunden braucht es für ein Kostüm im Schnitt. Manchmal auch dreimal so viel. "Eine Schneiderwerkstatt ist wie ein Lebewesen", philosophiert die Gewandmeisterin, "ein Lebewesen, das ungeahnte Eigendynamik entfalten kann." Dann, wenn es eng wird. Für die "Fledermaus" sind "nur" Damenkostüme zu nähen. Unterröcke sind im Fundus. Kostüme für die Männer werden geliehen. Sie zu fertigen wäre zu aufwendig. Ob sie denn stets den Überblick habe? Michaela Kirn lächelt: "Mindestens einmal in der Woche, manchmal täglich, geht der verloren."
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Autor: HANS STEINHERR | 02.09.2010
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Gut 200 Kostüme, so schätzt Michaela Kirn, die Chefin der Festspiel-Schneiderei im Stauferpark, laufen durch ihre Hände. Die Gewandmeisterin ist seit Februar mit 35 Damen, einem Herrenschneider und einem Praktikanten damit beschäftigt, Träume zurechtzuschneiden und die "Fledermaus"-Akteure in ein stilgerechtes Outfit zu kleiden. Foto: Hans Steinherr
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