Inklusion beginnt im Kopf
Kreis Göppingen. Der Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung will die Bevölkerung zum Umdenken bewegen. Im Bürgerhaus sprachen nun etwa 30 Betroffene über ihre Wünsche und Erfahrungen.
Einfach einmal abends mit dem Bus aus Salach in die Hohenstaufenstadt fahren und ins Kino gehen - für die meisten Bürger eine normale Vorstellung, die sie auch ohne Probleme jederzeit realisieren können. Für Menschen mit Behinderung ist das derzeit oftmals noch ein Traum: "Ich kann nicht abends spontan mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Göppingen fahren. Es fahren nur selten Busse, in die ich mit meinem Rollstuhl hinein komme", erzählt eine Frau, die ins Göppinger Bürgerhaus gekommen war, um von ihren Problemen aus dem Alltag zu berichten.
Im Rahmen des Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung hatte das Göppinger Netzwerk "Alle Dabei" zu einem Gespräch eingeladen. Für die Salacherin, die Multiple Sklerose hat und in einem elektrischen Rollstuhl sitzt, ist das nicht die einzige Belastung, mit der sie im Alltag zu kämpfen hat. Schon oft wurde sie angepöbelt und musste sich deswegen ein dickes Fell zulegen. Dieses Problem kennen mehrere der Anwesenden: "Ich habe schon oft auf der Straße Schimpfwörter gehört. Einer hat mich als Missgeburt bezeichnet", berichtet ein junger Mann. Er merkt immer wieder, dass man als Mensch mit Behinderung diskriminiert wird. Was man dagegen tun kann, erarbeiten die Betroffenen oft in ihrem Umfeld.
Göppingens Oberbürgermeister Guido Till war ebenso im Bürgerhaus vor Ort, um mit den Betroffenen zu sprechen und beantwortet ihre Fragen. Er bedauere es, dass man öffentliche Plätze, wie beispielsweise den Busbahnhof, nicht mit einer Videokamera überwachen könne. "An sozialen Brennpunkten kommt es schneller zu Streitigkeiten", sagte Till. Er riet den Betroffenen, sich andere Haltestellen auszusuchen, sofern es ihre Mobilität zulasse. Der Busbahnhof sei mit seinen erhöhten Inseln für die Fahrgäste zudem problematisch für Rollstuhlfahrer, wie die Salacherin beschrieb.
"Ich suche seit zwei Jahren Arbeit und finde keine. Für eine Werkstatt bin ich überqualifiziert, aber für den normalen Arbeitsmarkt zu labil", erklärt eine 32-Jährige im Bürgerhaus. Sie will Arbeit, aber das ist für Menschen mit Behinderung gar nicht so einfach. Oftmals werden sie in Werkstätten, wie sie die Lebenshilfe beispielsweise anbietet, beschäftigt. "Auf dem freien Arbeitsmarkt haben viele Unternehmen Angst davor, so jemanden einzustellen. Sie wissen nicht, was auf sie zukommt und wie viel Assistenz die Person braucht", sagte Jutta Schiller vom Netzwerk "Alle Dabei". Nur wenn die Barrieren im Kopf verschwinden, kann echte Inklusion entstehen - an diesem Punkt waren sich die Anwesenden einig. In Gruppen trugen sie ihre Wünsche vor und diskutierten darüber.
Bernadette Voss vom Verein "Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen" sprach davon, dass es wichtig wäre, dass Kinder von klein an die Unterschiede kennenlernten: "Die Erfahrung zeigt, dass es an der Einstellung der Menschen liegt, ob Inklusion gelingt", sagte die vierfache Mutter, deren achtjähriger Sohn unter dem Down-Syndrom leidet. Sie setzt sich dafür ein, dass "der Kampf, der die ganze Familie beschäftigt", ein Ende nimmt. "Der Mount Everest wird auch nicht in einem Zug erklommen", formulierte sie optimistisch. Die Betroffenen sprachen ebenso über die Themen Arbeit, Diskriminierung und Hilfsbereitschaft. Besuche in der Diskothek stehen ebenso auf der Wunschliste, werden aber aus Angst nicht verwirklicht. "Wir würden uns eine verständnisvolle Grundhaltung und Akzeptanz wünschen", betonte einer der Betroffenen.
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Autor: CHRISTINE BÖHM | 12.05.2011
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Was ein paar Zentimeter, die dem Normalbürger meist gar nicht auffallen, doch ausmachen können: Menschen mit Behinderung stehen im Alltag oft vor Problemen. Ein Protesttag möchte auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen. Foto: Archiv
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