In der Jury für die Kanzlerin

Göppingen.  Mit den Rohstoffen Bildung, Forschung und Innovation treibt Dr. Eberhard Veit den Festo-Konzern zu Milliarden-Umsätzen. Der Göppinger ist ein Macher so richtig nach dem Geschmack der Kanzlerin.

Der großgewachsene schlanke Mann mit dem freundlichen Lächeln macht wenig Aufhebens um seine Person. Very british dieser Schwabe. Dabei hätte Eberhard Veit 2,1 Milliarden handfeste Gründe aufzutrumpfen. So hoch war der Jahresumsatz des Automatisierungsspezialisten Festo 2011 in Euro, 300 Millionen mehr als im Vorjahr. Weltweit zählt der Konzern, der auch in der industriellen Aus- und Weiterbildung tätig ist, 15 500 Beschäftigte. Auch das scheint für den 49-jährigen Manager, der in Bartenbach aufgewachsen ist und am Mörike-Gymnasium sein Abi gemacht hat, kein Grund, sich in den Vordergrund zu rücken.

Vielleicht war es dieser Hang zum Understatement und sein elegantes Auftreten, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und Forschungsministerin Annette Schavan imponiert haben, als sie ihn vor viereinhalb Jahren in die zehnköpfige Jury für den deutschen Spitzencluster-Wettbewerb berufen haben - nach Meinung der Bundesregierung das Flaggschiff der Hightech-Strategie für Deutschland. Ausschlaggebend war etwas anderes: "Mit Dr. Veit haben wir einen der besten Innovatoren und Kenner der Bildungslandschaft in Deutschland gefunden."

Wie wichtig es ist, als junger begabter Mensch gefördert zu werden, hat Veit am eigenen Leib erfahren. Ein Stipendium der Max-und-Martha-Scheerer-Stiftung ermöglichte ihm ein Studium der Feinwerktechnik an der Uni Stuttgart. Gleich zu Beginn seiner Karriere stieg er als Entwicklungschef bei Märklin ein, wo er mit seinem Team die damals revolutionäre Digitaltechnik zur Serienreife brachte. Danach wechselte der Göppinger als weltweit zuständiger Chefentwickler zu Kärcher. Im Alter von 27 Jahren wurde er so Chef über 280 Mitarbeiter. Die Entwicklung eines Roboter-Rasenmähers und -Staubsaugers geht auf sein Konto, für seine Dissertation erhielt er den Innovationspreis 2000. In den Festo-Vorstand kam der Aufsteiger 1997. Seit sieben Jahren ist er dessen Chef. Im Gegensatz zu seinem Auftreten sind seine Ziele wenig bescheiden. Mit Festo will der Sportler in den Kreis der 20 für die Mitarbeiter attraktivsten deutschen Unternehmen kommen. "Auf Augenhöhe mit BMW." Festo steht auf Platz 30. Der Jogger weiß, dass es bei großen Strecken auf einen langen Atem ankommt.

Seit dem Start des Spitzencluster-Wettbewerbs im August 2007 gehört der Göppinger zu den wenigen Wirtschaftsbossen, die auch mal Dieter Zetsche zum Vorstellungsgespräch bitten dürfen. "Das ist schon ein seltsames Gefühl, wenn der Chef von Daimler eine Stunde lang als Bewerber vor dem Jury-Tisch steht", erzählt Veit. Zetsche hat in Berlin den Cluster "Elektromobilität Süd-West" vorgestellt.

In einem Cluster - englisch für "Bündel" - arbeiten führende Unternehmen, Forschungseinrichtungen und weitere Akteure an einem gemeinsamen Ziel. Im konkreten Fall geht es darum, in der Region Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart und Ulm neue Technologien für vernetzte nachhaltige Mobilität zu schaffen. Zetsche muss einen guten Job gemacht haben. Der Cluster "Elektromobilität" gehört zu den fünf Gewinnern der jüngsten Wettbewerbsrunde. Die fünf Sieger erhalten über fünf Jahre jeweils bis zu 40 Millionen Euro, um ihre Strategie umsetzen zu können. Zusammen 600 Millionen Euro hat die Jury in den vergangenen Jahren an 15 Spitzencluster vergeben. Die gleiche Summe schießen die beteiligten Unternehmen zu. So fließen 1,2 Milliarden Euro zusätzlich in den High-Tech-Standort Deutschland. "Durch die Cluster wird aus regionalen Innovationen dauerhaft Wertschöpfung", begründet Forschungsministerin Schavan die Initiative

Darauf, dass ein großer Teil des Geldes - etwa 160 Millionen Euro - ins Schwabenland geht, ist der Festo-Chef besonders stolz. Drei der Gewinner hat die Jury unter seinem Vorsitz ausgewählt. Sie dürfen sich über 80 Millionen Euro freuen. "Eine Investition, die sich rechnet", findet Veit, dessen Unternehmen 1,5 Prozent des Konzernumsatzes in die Weiterbildung der Mitarbeiter steckt. "Auch Firmen des Netzwerks Mechatronik in Göppingen sind dabei", freut sich der Frisch-Auf-Fan, der in dem Maschinenbaustandort eine ideale Plattform für neue Produktionstechniken sieht. Ohne Forschung und Bildung sei es allerdings schwierig, diesen Standort halten zu können. "Wenn wir das alles umsetzen würden, was da an Ideen in der Hochschule in Göppingen entwickelt wird, bräuchten wir uns um die Zukunft keine Sorgen mehr zu machen ", meint er

Dass die Auswahl der Jury ohne Rücksicht auf politische Befindlichkeiten erfolgte, hat dem Manager schon den privaten Anruf eines hessischen Regierungschefs beschert. "Der wollte wissen, wieso keiner der Gewinner der damaligen Runde aus Hessen kommt." Veit gilt in Berlin als "Cleverle" im Range eines Lothar Späth. Der ehemalige Ministerpräsident und Jenoptik-Chef sitzt nicht in der Jury. Ansonsten ist darin gemeinhin alles vertreten, was in Wirtschaft, Politik und Hochschulwelt Rang und Namen hat: der Sprecher von Boehringer Ingelheim, Andreas Barner, der Direktor des Malik-Managementzentrums in St. Gallen, Fredmund Malik, und der Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, Arend Oetker, um nur ein paar zu nennen. Auch Kurt Biedenkopf saß schon in der Jury. Eine gute Gesellschaft für einen, der Bildung als wichtigsten deutschen Rohstoff erkannt hat und durch die Weltgeschichte reist, um ihn zu fördern.

"Jede Person muss ihren Teil dazu beitragen", davon ist Veit überzeugt. Deswegen hat er sich durch 37 Clusteranträge mit jeweils 100 Seiten geackert. Beim jüngsten Weihnachtsurlaub auf der Aida musst er seiner Frau erklären, warum er einen Koffer voller Papiere für den Spitzencluster-Wettbewerb mitschleppte. "Das kostet viel Zeit", sagt Veit. "So lerne ich die allerneuesten technischen Trends und absolute Spitzentechnologie kennen." Privat hält es der Vater eines 17-jährigen Sohnes lieber mit der Technik von gestern. Veit ist Oldtimer-Fan.


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Autor: JOA SCHMID | 10.02.2012

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