INTERVIEW · MARTIN KALUS: Bereitschaft ist gering

Transplantationskoordinator Martin Kalus klärt auf Initiative des Kreislandfrauenverbands Göppingen am 18. März im Uditorium umfassend über Hirntoddiagnostik, Organspende und Transplantation auf.

Herr Kalus, welches Land hat die meisten Organspender?

MARTIN KALUS: Laut Statistik liegt Deutschland im Schnitt bei 13, Österreich bei 23 und Rekordhalter Spanien bei 34 Spendern pro einer Million Einwohner. Das sind schon deutliche Unterschiede, bei uns stagniert die Spendenbereitschaft leider seit vielen Jahren.

Kann man bereits zu Lebzeiten Organe spenden?

KALUS: Vorausgesetzt, die Ethikkommission stimmt zu, kann man einem Familienangehörigen oder einer nahestehenden Person eine seiner Nieren spenden. Eine andere, deutlich seltenere Variante ist die Leberlebendsegmentspende.

Bekommt man einen Organspendeausweis nur beim Arzt?

KALUS: Sollte man meinen. Da liegen in den Wartezimmern viele schicke Zeitschriften herum, dass oftmals kein Platz für Organspendeausweise ist. Grundsätzlich gibt es die Ausweise unter der kostenlosen Telefonnummer 0800-9040400. Das ist ein gemeinsames Infotelefon der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Viel wichtiger ist allerdings, wenn jemand nach seinem festgestellten Hirntod Organe spenden möchte, er zu Lebzeiten seine Absicht der Familie kund getan hat. Nur wenn innerhalb der Familie klar ist, was im Falle eines Falles passieren soll, dann sind wir einen entscheidenden Schritt weiter.

Wo liegt die Altersgrenze bei Spendern?

KALUS: Mittlerweile gibt es die nicht mehr. Es kommt im Eurotransplant-Verbund sogar vor, dass Spender bereits über 90 Jahre alt sind. Natürlich kommt in diesem Alter nicht das Herz in Frage, aber die Leber oder die Nieren.

Kann man die Spendenbereitschaft auf bestimmte Organe oder Gewebe beschränken?

KALUS: Jeder Mensch kann festlegen, was er nach seinem Hirntod spenden möchte. Der Jurist würde sagen, man gibt eine Willenserklärung ab, und die ist nach dem Tode zu respektieren. Natürlich sollte das wiederum auch die Familie wissen.

Darf man den Verstorbenen nach der Organentnahme nochmals sehen?

KALUS: Ja. Das werde ich sehr oft gefragt. Gerade in ländlichen Gebieten ist es durchaus üblich, dass man sich am offenen Sarg verabschiedet. Nach einer erfolgten Organentnahme wird der Körper wie nach einer Operation ordentlich verschlossen und ein Verband über die Naht gelegt. Bei Entnahme der Augenhornhaut werden hinterher sogar Glasaugen eingesetzt.

Wie stehen die Kirchen zur Organspende?

KALUS: Alle großen Glaubensgemeinschaften haben sich dafür ausgesprochen und mit einer Art Nächstenliebe begründet.

Info

Martin Kalus spricht in einer Veranstaltung des Kreislandfrauenverbands Göppingen morgen, Donnerstag, ab 19.30 Uhr im Uditorium in Uhingen zum Thema Organspende.


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Autor: SABINE ACKERMANN | 17.03.2010

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