Grandiose Jazzsuite

Göppingen.  Liebhaber der skandinavischen Jazz-Spielart kamen im Alten E-Werk voll auf ihre Kosten: Ketil Björnstad, Autor, Komponist und Pianist, begann mit seinem Konzert in Göppingen seine Deutschland-Tournee.

Bereits mit dem Eingangstitel "Improvisation" aus seiner Suite "Remembrance" wusste der sehr bescheiden wirkende und äußerst sympathisch auftretende Solist das gespannte Publikum in seinen Bann zu ziehen und es auf eine turbulente Reise durch die musikalischen Stilepochen der letzten 150 Jahre mitzunehmen.

Anklänge an Chopin wechselten mit Passagen, die von Schumann hätten komponiert sein können; unvermittelt fühlte man sich mit Rachmaninoff und Shostakovich konfrontiert, dann wiederum sah man sich an Mendelssohns "Lieder ohne Worte" erinnert. Und all das verband der Künstler mit Anklängen an Gershwin und Copeland. Denn Ketil Björnstad beherrscht die 88 Tasten seines Instrumentes absolut souverän.

In "Floating", einem anderen Satz der Suite, werden die Gemütszustände eines genesenden Kranken musikalisch umgesetzt: Mit der linken Hand breitet der Pianist einen dichten Klangteppich aus Sechzehnteln aus, auf dem er mit der rechten vorsichtig eine eingängige, fast volksliedhafte Melodie im Moll platziert und diese variiert, während die linke ihr Ostinato bis zum Fortissimo steigert und dabei dem klangstarken Flügel alles abverlangt. Dann plötzlich ein Wechsel nach Dur, ein Hoffnungsschimmer, wie ein Sonnenstrahl! Doch der währt nur kurz, die Melodie fällt in Moll zurück. Nun aber ist der Rhythmus der Linken verändert vom Vierviertel- zum beschwingten-coolen Fünfachteltakt des Bossa nova. Blue Notes, Synkopen - Erinnerungen an Art Tatum, Bill Evans stellen sich ein. Doch schon folgt die Rückkehr in die Melancholie des nordischen Winters. Und so entwickelt sich die Suite Satz für Satz: Einfache Melodien, meist in Moll, warm unterlegt von anschwellenden Klang-Clustern, werden kurz in Dur parallelisiert, in Dynamik, Rhythmus und Tempo verändert und wieder zurückgeführt, wobei dem Zuhörer vom Solisten das sichere Gefühl vermittelt wird, dass er bei aller Improvisation jederzeit Herr seiner Musik ist und absolut weiß, wohin er strebt.

"Now Im going to play, and we see what actually happens." Damit umreißt Björnstad die Grundlage seiner Kunst. Die Entwicklung neuer Variationen und Klangfarben aus dem Moment heraus vermittelt dem Zuhörer das spannende Gefühl, Zeuge eines musikalischen Schöpfungsprozesses zu sein.

Jazz? Ja, Jazz gab es auch, immer wieder zwischendurch anklingend und in der zweiten Zugabe pur und ausnahmsweise in Dur: ein swingender, groovender Boogie-Woogie.

Getragen war das Konzert aber von wunderbar wechselnden Klangfarben pianistischer Musik, die die Grenzen zwischen Klassik und Jazz verschwimmen ließ und ein verzücktes Publikum zu stehenden Ovationen hinriss.


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Autor: GERD SIEBRASSE | 15.03.2010

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