Göppinger Händler setzen auf gemeinsamen Online-Marktplatz

Mit einem gemeinsamen Internet-Angebot wollen 63 Göppinger Einzelhändler dem übermächtigen Online-Handel Paroli bieten. Das vor vier Wochen gestartete Projekt bietet auch einen Sofort-Lieferservice. Mit Kommentar

ARND WOLETZ |
Als vor einem Jahr das Projekt „Online-City Wuppertal“ startete, war das Medienecho gewaltig: Renommierte Wirtschaftszeitschriften und die Tagespresse, sogar das ARD Mittagsmagazin warfen einen Blick auf das Pilotprojekt: In der 350.000-Einwohner-Stadt sollte mit viel Fördergeld erprobt werden, wie sich der Niedergang des lokalen Einzelhandels aufhalten lässt. Die Göppinger Händler fackelten nicht lange.

Unter Federführung des Marketingvereins Göppinger City waren sie jetzt die Zweiten, die das Angebot „Online-City“ in Zusammenarbeit mit der Berchtesgadener Firma Atalanda auf die Beine stellten. Die Stadt Göppingen hat das Projekt mit einem Sonderzuschuss von 15.000 Euro an den Marketingverein unterstützt. Am 27. Oktober ging es los. Inzwischen kamen auch die Städte Wolfenbüttel und Attendorn hinzu.

Auch in Göppingen war die Erkenntnis gereift, dass sich etwa tun muss. Die Zahl der aufgegebenen Geschäfte hat auch unterm Hohenstaufen bedenkliche Dimensionen erreicht. Der Druck der Riesen-Einkaufsmärkte auf der Grünen Wiese und vor allem der Onlinehändler ist schier übermächtig.

Jetzt wollen auch die hiesigen Einzelhändler ein Stück vom Online-Kuchen abhaben. Auf der Internetseite www.onlinecity.gp haben sie sich zusammengetan – und wollen den Spieß umdrehen: Künftig soll der Göppinger bequem zuhause das örtliche Angebot sondieren, um dann jedoch in seiner Heimatstadt zu kaufen, ohne lange Lieferwege. So das angestrebte Prinzip. Dabei setzt der Marketingverein auch auf eine moralische Komponente: Der Werbeslogan auf der Internetseite: „Mit ihrer Bestellung investieren Sie in eine lebens- und liebenswerte City.“ Und Gisela Flaig, Geschäftsführerin des City-Marketingvereins, sagt: „So kann jeder etwas für den lokalen Handel tun, für die Umwelt und für sich selber.“

In Wuppertal hätten die teilnehmenden Händler von 10 bis 20 Prozent Umsatzsteigerung berichtet. Wichtig sei jedoch auch der Kontakt zwischen Kunden und örtlichen Einzelhändlern, so die Geschäftsführerin. Als Logo haben sich die Macher den stilisierten Stadtgrundriss rund um den Göppinger Marktplatz gewählt. „Es soll ja ein lokaler Online-Marktplatz sein“, sagt Gisela Flaig.

Die Idee lebt davon, dass viele mitmachen. Derzeit sind es in Göppingen 63 Händler und Dienstleister. „Das ganze wird stetig ausgebaut“, verspricht Gisela Flaig. Vier Wochen nach dem Start ist in vielen Fällen vor allem die Zahl der Produkte noch ausbaufähig. Für familiengeführte Geschäfte ohne geeignetes Warenwirtschaftssystem sei das Ganze schon mit einem gewissen Aufwand verbunden, erklärt Gisela Flaig.

Mit dem gemeinsamen Portal wollen die Händler auch einen Mehrwert gegenüber Amazon und Co. bieten. Zum Angebot gehört es, dass Waren, die werktags bis 17 Uhr und samstags bis 14 Uhr bestellt werden, in Göppingen samt seiner Stadtbezirke, in Rechberghausen, Uhingen und Eislingen noch am gleichen Tag geliefert werden – „und zwar ohne den ganzen Verpackungsmüll drum rum“, wie Flaig betont.

Die Waren stecken in einer gewöhnlichen Einkaufstasche. Der Logistik-Aufwand hält sich noch in Grenzen. Die Göppinger Händler arbeiten mit einem Apotheken-Lieferdienst zusammen, der abends ohnehin in der Stadt unterwegs ist. Pauschalbetrag für jede Lieferung ist 5,95 Euro. Wer will kann die Waren natürlich aber auch in den Läden abholen.

Das Weihnachtsgeschäft soll die Initialzündung sein, um das Projekt bekannt zu machen, erklärt Flaig. Dazu kommt die Idee, immer die schönsten Geschenktipps zu Weihnachten vorzuschlagen, die die Göppinger Geschäfte zu bieten haben.

Ein Kommentar von Arnd Woletz: Der Feind wird zum Freund

Die neue gemeinsame Einkaufs-Plattform wird die Sorgen des Göppinger Einzelhandels bestimmt nicht auf einen Schlag lösen - zu stark ist der Sog der riesigen Einkaufszentren, zu bequem das Bestellen bei den großen Online-Händlern.

Nichtstun ist für die hiesigen Geschäftsinhaber aber keine Option. Das Angebot von "onlinecity.gp" ist ein richtiger Versuch, den schleichenden Niedergang aufzuhalten oder den Spieß umzudrehen. Die Online-Plattform kann Erfolg haben. Wenn sich der virtuelle Göppinger Marktplatz erst einmal ordentlich mit Waren füllt, lassen sich die Vorteile des bisher ungeliebten Internet-Handels und des realen Einkaufsbummels kombinieren: Der Kunde hat das örtliche Angebot auf einen Blick am Bildschirm. Die ganze Stadt wird zum Kaufhaus. Wem der Weg in den Laden zu beschwerlich ist, kann ohne lange Lieferwege bestellen - und hat dennoch das gute Gewissen, den lokalen Handel zu unterstützen. Noch besser: Wer möchte, kann das gefundene Stück direkt im Geschäft anfassen, anprobieren und vergleichen. Dazu bekommt er bei Bedarf Beratung und kann anschließend noch einen Kaffee trinken gehen. Genau darauf müssen die örtlichen Händler setzen.

Sie sollten deshalb möglichst geschlossen mitmachen und bei dieser Idee nicht den anderen den Vortritt lassen - oder den Filialisten, die nur auf ihre eigenen Online-Kataloge umleiten. Jammern hilft nicht - probieren vielleicht schon.

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