Gernot Hassknecht ist privat eher der Heinz-Erhardt-Typ

Man kennt ihn als den Choleriker Gernot Haßknecht aus der "heute-show"des ZDF. Dabei ist der Schauspieler Hans-Joachim Heist privat ein eher heiterer und ruhiger Zeitgenosse. Im Interview mit Sabine Ackermann verrät er, wie er seine Figur auf die Bühne gebracht hat, und warum es einen Busfahrer gibt, den Fans gelegentlich als "Herr Haßknecht" ansprechen.

SABINE ACKERMANN |

Ein Blick auf Ihre Vita offenbart, dass Sie auf den Theaterbühnen ebenso zu Hause sind, wie im Film und Fernsehen. Was waren das für Rollen?

HANS-JOACHIM HEIST: Ganz unterschiedlich, meistens spielte ich in Krimis mit. Vom Sachbearbeiter, Kellermeister, Polizist und ein einziges Mal war ich auch eine Leiche. Da wurde ich in einem Kornfeld erschossen, genauer gesagt, durchsiebt. (Lacht.) Es dürften mittlerweile über 70 Film- und Fernsehproduktionen gewesen sein, unter anderem spielte ich im Tatort, Polizeiruf, "Ein Fall für Zwei", in Kückückskind oder "Alles Atze". In der Soko Köln war ich sogar drei Jahre im Hauptcast, derzeit drehe ich für die Soko Stuttgart eine schöne Episode, die wird im April ausgestrahlt.

Ursprünglich wollten Sie ja Installateur und danach Bauingenieur werden. Warum dieser Sinneswandel?

HEIST: Wie viele Kollegen, hatte auch ich meine erste Bühnenerfahrung in der Theater-AG meiner Schule. Der Drang, auf die Bühne zu gehen war schon während meines Studiums stärker als das Handwerk. Irgendwann wurde mir klar, dass Zeichnungen und Zahlen nicht so mein Ding waren und ich das keinesfalls bis zur Rente machen möchte. Deshalb schlug ich die künstlerische Richtung ein.

War das finanziell nicht schwierig?

HEIST: Meine Eltern haben mir damals gesagt: Wenn du mit deinem Ingenieurstudium aufhörst, musst du selber sehen, wie du jetzt zurechtkommst. Insofern finanzierte ich mir mein Schauspielstudium als Taxifahrer. Der Vorteil an diesem Job, ich konnte meine Texte in den Wartezeiten lernen und Leute beobachten. Beides sehr hilfreich als angehender Schauspieler. (Lacht.) Zudem wurde ich mit 21 zum ersten Mal Vater aus meiner ersten Ehe. Das war schon eine schwierige, aber auch sehr schöne Zeit, weil ich einen starken Willen hatte, das umzusetzen. Nichtsdestotrotz bin ich handwerklich nicht ungeschickt, hatte damals sogar noch eine Schreinerlehre begonnen. Jetzt werkle ich eben gerne zu Hause, habe da eine sehr gut ausgerüstete Werkstatt. Und wenn man mich morgens um 9 Uhr in einem großen Baumarkt ablädt und abends gegen 20 Uhr wieder abholt, hatte ich einen schönen Tag.

Mal ehrlich, richtig bekannt wurden Sie doch erst durch die "heute-show"?

HEIST: Absolut. Ja, das ist so, vor allem bundesweit.

Wie kamen Sie in diese Sendung?

HEIST: Durch ein ganz normales Casting. Damals wurden in Köln speziell für diese Rolle mehrere Personen gecastet und da muss ich wohl überzeugt haben. Denn Gernot Hassknecht ist ja nichts anderes als eine Rolle. Man kann sagen, Hassknecht ist der Knecht seines Hasses. Diese Figur ist ja eine Erfindung von Oliver Welke, er hat sie kreiert und von ihm und "heute show"- Chefautor Morten Kühnen stammen die Texte. Das Interessante daran ist, dass er ganz moderat anfängt, sich langsam steigert und schließlich als brüllender Choleriker ausrastet. Das kommt bei den Zuschauern sehr gut an.

Wie bereiten Sie sich darauf vor, übt man vor dem Spiegel?

HEIST: Nein. Solche Ausbrüche lernt man bereits auf der Schauspielschule. Ich habe da sechs Semester studiert, war obendrein lange am Theater, insofern sollte man als Schauspieler die unterschiedlichen Temperamente im Repertoire haben. Was allerdings den Hassknecht betrifft ist es schon eine echte Aufgabe, binnen weniger Sekunden von 0 auf 100 zu kommen, um dann richtiggehend zu explodieren. Ganz anders, weil lieb und sympathisch, gestaltet sich meine Rolle als Heinz Ehrhardt. Nicht als Parodie wie früher bei Grzimek sondern als zweites abendfüllendes Bühnenprogramm wie beim Hassknecht-Prinzip. Zwei vollkommen gegensätzliche Typen, das finde ich großartig. Immer große Herausforderungen sind für mich Charakterrollen in Ein-Personen-Stücken wie unter anderem in "der Kontrabass" von Süskind, "die Sternstunde des Josef Bieder" oder als Kultbutler James zusammen mit Miss Sophie alias meiner Frau Karin aus Dinner for One. Aber wie gesagt, wegen der "heute-show" komme ich seit fünf Jahren zu nichts anderem mehr.

War das von Anfang an geplant als Hassknecht auf die Bühne zu gehen?

HEIST: Die Idee kam von mir. Nachdem es in der "heute-show" so gut lief, haben wir 2012 den Entschluss gefasst, Hassknecht auch auf die Bühne zu bringen. Allerdings musste ich da ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, denn eine Figur, die zwei, drei Minuten im Fernsehen funktioniert, muss ja nicht zwangsläufig zwei Stunden auf der Bühne funktionieren. Das haben wir aber ganz gut hingekriegt. Mit zwei Autoren von der "heute-show" haben wir ein Konzept ausgearbeitet, als eine Art Parodie auf diese Tschaka-Typen. Die springen auf die Bühne und wollen uns sagen, wie werde ich reich, wie werde ich glücklich oder bleibe ich gesund. Die Buchläden sind voll von solchen Ratgebern. Wir machen eine Persiflage zu: Lebe deinen Traum und träume nicht dein Leben. Von Gernot Hassknecht kommt die Anleitung, wie man seinen berechtigten Frust raus lassen kann.

Wie äußert sich das auf der Bühne?

HEIST: Das Hassknecht-Prinzip - in zwölf Schritten zum Choleriker - ist aufgebaut wie ein Coaching-Programm. Es beinhaltet nicht nur Politik, es geht auch um Ernährung, Sport, Mobilität, Finanzamt und ganz wichtig, um die Familie. Wo kann man sich besser aufregen als im Schoße der Familie. Jetzt fragen sich viele Leute, ja brüllt der da zwei Stunden rum? Gerät ständig in Wallung? Nein, das halten weder die Zuschauer noch ich aus. (Lacht.) Es ist sehr dosiert. Natürlich kommen zwischendurch Ausraster, die erwartet das Publikum auch. Ganz gut ins Programm eingewebt sind die zum Thema passenden Kommentare, die wir auf der großen Leinwand zeigen.

Wie weit können Sie Ihre Ideen dabei mit einbringen?

HEIST: Sehr, bühnenmäßig auf jeden Fall. Wenn ich irgendetwas nicht mehr will, dann wird es im Programm rausgenommen oder wenn ich meine, wir brauchen ein neues Thema, dann wird das umgesetzt. Das habe ich mir schon gesichert, dass ich da ein Mitspracherecht habe. (Lacht.)

Die "heute-show" ist themenmäßig brandaktuell, aber nicht live. Wie viel Zeit liegt zwischen Produktion und Ausstrahlung einer Sendung?

HEIST: Man nennt das Live-on-Tape-Verfahren. Die Sendung wird unter Live-Übertragungsbedingungen mit Publikum am frühen Abend aufgezeichnet und um 22.30 Uhr ausgestrahlt. Dadurch lassen sich noch geringere Änderungen wie Kürzungsschnitte oder Tonnachbearbeitungen vornehmen, aber für den Fernsehzuschauer bleibt die zeitliche und räumliche Kontinuität wie bei einer echten Live-Sendung gewahrt. Und natürlich um aktuell zu sein, denn es kann ja immer was passieren. Die gleichwohl politischen oder gesellschaftspolitischen Themen suchen Oliver Welke, die Autoren sowie die Redaktion heraus, also alles, was in der Woche aktuell, interessant und wichtig war.

Sie haben einen Zwillingsbruder, sind da Verwechslungen vorprogrammiert?

HEIST: Ja, wir sind eineiige Zwillinge und seitdem ich regelmäßig im Fernsehen bin, wird er oft angesprochen, er ist nämlich Busfahrer. Dann sagt er immer, ne, das bin ich nicht, das ist mein Zwillingsbruder. Darauf antworten die Leute, ja, ja, das hätte ich jetzt auch gesagt. Dabei stimmt es doch. Doch mal kurz einspringen für mich könnte er nicht, das würde man allein schon an der Stimme merken. Ganz früher haben wir gemeinsam Galaveranstaltungen moderiert und Parodien von den alten Stars wie Hans Moser, Theo Lingen oder Heinz Rühmann gemacht.

Was sagt eigentlich Ihr Blutdruck, das exzessive Hochschaukeln ist doch mindestens so anstrengend wie ein Sprint?

HEIST: Genau, das stimmt. Darüber habe ich auch mit meinem Arzt gesprochen. Das ist wie bei einem Leistungssportler. Wenn der seine höchste Leistungsstufe abruft gehen Puls und Blutdruck hoch. Bin ich total in Rage und brülle laut herum, ist das bei mir genauso. Wichtig ist dabei, dass die Werte schnell wieder auf ein normales Level runtergehen. Zum Glück ist das bei mir der Fall, der Zuschauer muss sich bis jetzt noch keine Sorgen machen. (Lacht.)

Sie waren obendrein Stadtverordneter in Ihrer Heimatstadt Pfungstadt. Warum haben Sie das Amt aufgegeben?

HEIST: Weil ich ständig mit dem Bühnenprogramm unterwegs war, wurde es aus Zeitgründen einfach immer schwieriger allem gerecht zu werden. Insofern habe ich mein Mandat schweren Herzens nieder gelegt. Der Vorteil, als Politiker muss man ständig Kompromisse machen, schließlich lebt eine Demokratie davon. Dagegen ist die Freiheit eines Kabarettisten, keine Kompromisse zu machen.

Worüber regen Sie sich privat auf.

HEIST: Privat bin ich überhaupt kein Choleriker, da bin ich mehr so ein Heinz-Erhardt-Typ. Also eher ein Schelm und ausgeglichen als aufbrausender Krawall-Typ. Nur manchmal steckt ein klein wenig Hassknecht in mir drin, dann kann ich auch böse, ein wenig wütend werden. Im Auto ertappe ich mich dabei sehr oft, dass ich da mal etwas lauter werde. Gleichfalls in Wallung bringen mich Ungerechtigkeiten, vor allem sozialer Art. Bei der Anleitung zum Choleriker sage ich ja immer: Hören Sie auf, Ihren berechtigten Frust in sich hinein zu fressen. Das ist nicht gut, man muss es raus lassen.

Wer ist Ihr persönlicher Parade-Choleriker?

HEIST. Wen ich sehr gemocht habe und der ja mit seiner Rolle auch ungefähr in diese Richtung ging, war Ekel Alfred. Heinz Schubert war prädestiniert in dieser Rolle als Alfred Tetzlaff.

Wo ist bei Ihnen die Grenze?

HEIST: Man wird beim Fernsehen schnell in eine Schublade gesteckt. Wäre ich zwanzig Jahre jünger, würde ich mir mehr Gedanken darüber machen. Doch ich denke, Satire kennt keine Grenzen. Und beschwert hat sich bis dato noch niemand bei mir. (Lacht.) Außerdem sind die Vorteile des Erfolges im fortgeschrittenen Alter nicht von der Hand zu weisen. Man bleibt auf dem Teppich und nimmt sich selbst nicht mehr so wichtig. Wäre der Erfolg allerdings zehn Jahre früher gekommen, hätte ich auch nichts dagegen gehabt. Doch besser spät als nie und mir macht ja nicht nur Hassknecht großen Spaß.

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