Geburtshilfe vor dem Aus

Kreis Göppingen.  Nichts Neues aus dem Kreistag: Dass die Geburtshilfeabteilung an der Helfenstein Klinik Geislingen geschlossen wird, befürwortet das Gremium weiterhin, so der Tenor der gestrigen Sondersitzung zu dem Streitthema.

Über drei Stunden dauerte die "aktuelle Stunde" des Kreistags im Göppinger Landratsamt, bei der es um das Für und Wider zur Geburtshilfeabteilung an der Helfenstein Klinik in Geislingen ging. Gut 60 Schließungsgegner verfolgten die Sitzung. "Geburtshilferetter" und Schließungsbefürworter kamen zu Wort. Der Kreistag scheint nahezu einstimmig hinter dem Aus für die Entbindungsstation zu stehen. Am kommenden Mittwoch wird der 13-köpfige Klinikaufsichtsrat, dem zehn Kreisräte angehören, das Ende der Abteilung wohl unwiderruflich beschließen.

Geislingens OB Wolfgang Amann, Sprecher der Schließungsgegner, gab sich versöhnlich: Er entschuldigte sich für den Ausdruck "Monstrum" für die Klinik am Eichert - wobei er damit nur das Gebäude gemeint habe, nicht die darin tätigen Menschen. Er warb bei den Kreisräten darum, die Geislinger Geburtshilfe als beste "Werbeabteilung der Klinik" zu erhalten. Der häufigste Anlass, das Geislinger Haus aufzusuchen, seien Geburten. Ein Drittel aller Geburtshilfeabteilungen in Deutschland wiesen weniger Entbindungen auf als die Helfenstein Klinik, die meisten hätten keine Kinderabteilung im Hintergrund. Der OB erinnerte an das Klinik-Leitbild, das eine wohnortnahe Versorgung verspricht. Amann bat die Kreisräte um eine politische Neubewertung. 300 000 Euro Spenden zeigten, wie wichtig die Geburtshilfe der Bevölkerung sei.

Klar wurde, wie es zu den unterschiedlichen Bilanzzahlen und deren Bewertung kommt: Wird die defizitäre Geislinger Geburtshilfeabteilung geschlossen, verschlechtert das die Bilanz der Geislinger Klinik um 56 000 Euro pro Jahr, weil ein Großteil der Gemeinkosten weiterhin entstehen. "Wir müssen das Ganze sehen", forderte hingegen der kaufmännische Direktor Wolfgang Schmid ein: Davon ausgehend, dass nur 30 Prozent der Schwangeren aus dem Raum Geislingen künftig nach Göppingen zur Entbindung gehen, verbessere sich die Auslastung der Geburtshilfe an der Klinik am Eichert und die Bilanz um 280 000 Euro. Schmid verwahrte sich gegen den"Affront", er jongliere in der Bilanz mit Zahlen.

Klinikgeschäftsführer Professor Dr. Jörg Martin erneuerte sein vernichtendes Urteil zu Ausarbeitungen der Schließungsgegner: "80 Prozent alte Argumente, 20 Prozent Ansätze für Alternativen". Landrat Edgar Wolff gab zu bedenken, dass es nicht nur um die Geburtshilfe gehe, sondern um die Sicherung beider Klinikstandorte - und um den sozialen Frieden. Doppelstrukturen müssten abgebaut werden, um als eine Klinik mit zwei Standorten anerkannt zu werden, was Budgetverrechnungen ermögliche, gab Martin zu bedenken. Man dürfe deswegen aber nicht in vorauseilendem Gehorsam für das ferne Ziel die Geburtshilfeabteilung opfern, mahnte Amann. Vorher müsse man die exakten Bedingungen mit dem Sozialministerium aushandeln, zumal es gegenwärtig noch etliche weitere Doppelvorhaltungen an beiden Kliniken gibt.

Amann erneuerte das Angebot, ein Förderverein könne fünf Jahre lang mit jeweils 70 000 Euro das Jahresdefizit der Geburtshilfe minimieren. Und was ist danach, wenn das Geld vervespert ist, lauteten dazu kritische Fragen. Zudem bleibe so der Status quo der Geislinger Abteilung zementiert. Insgesamt vermisste Landrat Wolff das angekündigte tragfähige Alternativkonzept, das eine Lösung ohne Defizit aufzeigt. Professor Dr. Markus Mändle erläuterte die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit ein genossenschaftliches Modell funktionieren kann. Dem käme innovativer Pilotcharakter zu, betonte er. Es funktioniere aber nur, wenn es beide Seiten wollten. Man dürfe hier kein "Experimentierfeld" eröffnen, wandte dagegen Martin ein.

Und wie hält es Amann mit seinem vagen Vorschlag, dass die Stadt das ganze Krankenhaus übernimmt? Süffisant fragte hierzu SPD-Fraktionschef Peter Feige nach, um hinzuzufügen: "Ich glaube, der Kreistag wäre darüber recht froh."

Den Abbau von Doppelstrukturen zur Zukunftssicherung beider Klinikstandorte griff SPD-Kreisrat Sascha Binder aus Geislingen auf. Kreisrat Bernhard Lehle aus Geislingen befand den Abmangel der Geburtshilfe als nicht dramatisch: "Uns Kommunalpolitikern sind auch in anderen Fällen soziale Einrichtungen solche Summen wert." Postwendend fuhr ihm seine Fraktionskollegin Dorothee Kraus-Prause über den Mund: "So haben wir das noch nie diskutiert." Peter Maichle (CDU) machte kein Hehl daraus, wie schwer sich die Kreisräte aus dem Raum Geislingen mit dem Thema tun. Schuld für den Geburtenrückgang am Geislinger Haus seien Ärzte, die Schwangere immer in auswärtige Kliniken geschickt hätten. Der Fortbestand der ganzen Klinik sei überaus wichtig, was Maichle zu der ironischen, kernigen Warnung veranlasste: "Wenn da was passiert, reiß ich Ihnen die Rübe runter, Herr Martin".


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Autor: RODERICH SCHMAUZ | 26.03.2011

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