"Er hat immer davon geträumt"

München / Gammelshausen.  Mit dem Buch "Jureks Erben" hat die in München lebende Autorin Katarina Bader aus Gammelshausen ihrem Freund, dem Auschwitz-Überlebenden Jurek Hronowski, eine sehr persönliche Biografie gewidmet.

Katarina Bader ist auf dem Weg zurück nach München. Schick sieht die Autorin aus mit dem schwarzen Wickelkleid, der bunten Kette und den roten Ballerinas. In der Seitentasche ihres Reiserucksacks steckt der Zweig einer Rose mit winzigen rosa Blüten. "Ich sehe nicht immer so aus", erklärt sie fast ein bisschen verlegen. Sie kommt gerade vom 80. Geburtstag ihres Großonkels. "Sie haben bestimmt über ihn und meine Großtante gelesen, in dem Buch", erklärt sie. Ihr erstes Buch, "Jureks Erben" ist für Katarina Bader mehr als einfach nur eine Biografie. Hier erzählt sie die Geschichte des polnischen Auschwitz-Überlebenden Jerzy Hronowski, genannt Jurek. Gleichzeitig aber auch ihre eigene Geschichte, die ihrer Freundschaft zu dem alten Mann. Dabei gibt sie viel von sich und ihrer Familie preis.

Genau das ließ die Autorin zuerst zögern. "Ich habe mir lange überlegt: Will ich mich so öffentlich machen?", erinnert sie sich. Am Anfang stand der Artikel "Herr Hronowski und ich" in der Süddeutschen Zeitung. Danach bekam Katarina Bader viele Briefe von Menschen, die Jurek ebenfalls kennen gelernt hatten. Schließlich wurde sie für einen Hörfunkbeitrag, der ebenfalls auf dem Artikel basierte, in Potsdam mit dem Deutsch-Polnischen Journalistenpreis ausgezeichnet. In die Woche der Preisverleihung, bei der vorab nicht bekannt war, welcher der nominierten Journalisten den mit 5000 Euro dotieren Preis bekommt, fiel auch das Treffen mit einer Literaturagentin. "Damals habe ich gedacht: Lieber Jurek, wenn ich das Geld gewinne, schreibe ich dir ein Buch", sagt die Autorin.

So erfüllte sie einen großen Traum des im Februar 2006 gestorbenen Mannes. "Er hat immer davon geträumt, dass es ein richtiges Buch über ihn gibt", erklärt Bader.

Im Frühjahr ist "Jureks Erben" erschienen. Nicht bei irgendeinem kleinen Verlag, sondern bei Kiepenheuer & Witsch. Und auch nicht als Paperback, sondern als gebundene Ausgabe. Auf 345 Seiten schildert Katarina Bader als Ich-Erzählerin Jurek aus ihrer Sicht, aber auch aus der Sicht verschiedener anderer Menschen, die ihn kannten. Dazu gehört Jureks Sohn, der Trucker in den USA ist und mit dem Katarina Bader gut eine Woche unterwegs war. Dazu gehören aber auch ein ehemaliger Mithäftling, ein evangelischer Pfarrer, der seine Jugend in der Nazi-Eliteschule Napola verbrachte, und die Tochter eines ostpreußischen Adeligen, die in einen westdeutschen Flüchtlingslager aufgewachsen ist und eng mit Jurek Hronowski befreundet war. "Ich will ein Gesamtbild des Menschen mit seinen verschiedenen Seiten zeigen", so Bader.

Getroffen hat die Autorin Jurek im Alter von 17 Jahren bei ihrem Besuch in Auschwitz, wo Jurek Hronowski Besuchergruppen führte und von seinen Erlebnissen in Auschwitz berichtete. Trotzdem ist "Jureks Erben" kein Buch über Auschwitz, sondern - wie der Untertitel sagt - ein Buch über das "Weiterleben nach dem Überleben". Gleichzeitig aber ist es auch ein spannendes Dokument deutsch-polnischer Nachkriegsgeschichte, geschrieben von einer Autorin, die ihren Protagonisten immer mit Sympathie gegenübersteht, aber trotzdem nicht beschönigt.

"Jureks Erben" fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Ein gelungenes Erstlingswerk der 31-jährigen Autorin aus Gammelshausen, die derzeit in München an ihrer Doktorarbeit schreibt.


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Autor: BIRGIT REXER | 29.07.2010

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