Den Kelten auf der Spur

Gingen / Süßen.  Das Gegenwartsprojekt neue B 10 fördert erneut Geschichtliches zutage: Bei Erdarbeiten für die Querspange östlich von Süßen hat Kreisarchäologe Dr. Reinhard Rademacher Spuren einer Kelten-Siedlung entdeckt.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Regierungspräsidium, Straßenbauern und der Kreisarchäologie beim Bau der neuen B 10 hat sich erneut bewährt: Beim Abschieben der Humusschicht für die Trasse der neuen B 466 zwischen der alten und künftigen neuen B 10 zwischen Süßen und Gingen sind spärliche Überreste eines keltischen Gehöfts ans Tageslicht gekommen. "In der Spur der Planierraupe lagen Keramikstücke", berichtet Kreisarchäologe Reinhard Rademacher, der mit seinem Team die Erdarbeiten für die neue B 10 mit Argusaugen begleitet. Solch ein Großprojekt ist auch immer eine große Chance auf Spuren der Vergangenheit zu stoßen, wie nicht zuletzt die sensationelle Entdeckung des Eislinger Fischsaurierfriedhofs gezeigt hat.

Durch den Scherbenfund war der Kreisarchäologe alarmiert, schließlich können solche Stücke Hinweise auf eine Siedlung sein. Und in der Tat hat die sofort eingeleitete Notgrabung mit einem Team aus drei Ehrenamtlichen und zwei frisch gebackenen Archäologen der Universität Tübingen Spannendes ergeben: Auf einer Fläche von rund 150 Quadratmetern steckten Tierknochen sowie Scherben von Schüsseln, Töpfen und Schalen im Boden. "Mit zum Teil ganz tollen Verzierungen", freut sich der Grabungsleiter, denn das erleichtert die genaue Datierung. Auch aufgrund der typischen Verzierung, die mit Kämmen in den Ton gezogen wurden, ist für Reinhard Rademacher klar, dass es sich um Funde aus der Keltenzeit - genauer gesagt der jüngeren La-Tène-Zeit, also rund 200 v. Christus handelt. "Das ist kurz vor Asterix", fügt Rademacher augenzwinkernd hinzu.

Doch damit nicht genug: Das Ausgrabungsteam ist auch auf die letzten Reste von vier Pfostengraben gestoßen, die Zeugnis eines ehemaligen keltischen Gehöftes sind, wie der Experte erläutert. In diesen Löchern steckten schwere Balken, die praktisch die Tragekonstruktion der Häuser bildeten. Sie wurden durch Wandgräbchen verbunden, auf denen ebenfalls auf Balken ein Fachwerk mit geflochtenen Wänden aufbaute, die mit Lehm beworfen wurden. Noch nicht geklärt ist, ob eine etwa 200 Meter südlich entdeckte Abfallgrube mit Holzkohle- und Keramikresten auch aus dieser Zeit datiert.

Dass von den Pfostengraben, die der Experte am unterschiedlichen Farbton zum Boden der Umgebung erkennt, praktisch nur noch die untere Sohle übrig ist, ist für Rademacher kein Wunder. Die Fils hat sich einst in großer Breite auch mit vielen Seitenarmen durchs Tal geschlängelt und mit ihren Wassermassen Schotter und Sand mitgerissen. An der Fundstelle ist die Erdschicht über dem Filsschotter gerade mal 40 Zentimeter hoch. Neben der Erosion habe auch die Landwirtschaft in Hunderten von Jahren archäologische Spuren zerstört.

Dass am heutigen westlichen Ortsrand von Gingen einst Kelten gesiedelt haben, ist aufgrund von Siedlungsspuren schon länger bekannt, auch ein regionaler Herrschaftssitz ist nachgewiesen. Durch den jetzigen Fund ist ein weiterer Mosaikstein dieser bäuerlichen Siedlung entdeckt - und zum ersten Mal auch ausgegraben und wissenschaftlich dokumentiert worden. Die Ausbeute von zwei Eimern mit keltischen Keramikscherben wird nach Abschluss der Grabung natürlich noch ganz genau auf Machart und Details untersucht und ebenfalls dokumentiert. "So eine Grabung ist eine sehr mühsame Arbeit", sagt Reinhard Rademacher, "aber auch sehr spannend".


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Autor: REINHARD KRÖTZ | 26.06.2010

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