"Das war der Feinschliff"
Tausende Besucher stürmten gestern das Märklin-Areal. Mittendrin Insolvenzverwalter Michael Pluta. Im Interview spricht er über Kündigungen und die Zukunft des Modellbahnbauers ohne Käufer.
Herr Pluta, beim Tag der offenen Tür ist die Stimmung prächtig. Vor einer Woche wurde jedoch die Entlassung von 28 weiteren Mitarbeitern bekannt. Muss sich die Belegschaft auf weitere bittere Pillen einstellen?
MICHAEL PLUTA: Nein, das was wir gemacht haben, war der Feinschliff für die nächsten vier Jahre. Das ist ja im Zusammenhang mit den Zukunftsplänen zu sehen. Wir möchten eine Standortsicherung machen. Die Hauptnachricht ist also, dass wir für den Standort Göppingen gekämpft und ihn abgesichert haben. Wenn es nicht Märklin gewesen wäre, wäre dieser notwendige Schritt vermutlich gar nicht bemerkt worden. Alle Augen ruhen im Moment eben auf Märklin.
Im Frühsommer, als der wichtigste chinesische Zulieferer gekündigt hatte, war die Rede von Rückverlagerungen nach Göppingen und Györ. Haben Sie die schon abgeschlossen?
PLUTA: Die Zuliefererdebatte wurde aus meiner Sicht etwas überzogen dargestellt. Wir selber sind sehr froh, dass wir die Möglichkeit haben, fast 4000 Werkzeuge, die bei einem einzigen Lieferanten lagen, zurück zu bekommen. Das war ja fraglich. Alles läuft im Moment vertragsgemäß ab. Es hat bisher bei unseren Kontrollen der zurückkommenden Werkzeuge keine Beanstandungen gegeben. Die Aufträge werden auch partnerschaftlich abgewickelt. Wir haben bis Ende 2011 genügend Zeit, vernünftig zu planen. Das gibt uns im übrigen auch die Möglichkeit, Fehler der Vergangenheit zurückzudrehen.
Beispielsweise die Produktion in China . . .
PLUTA: Zuviel von dieser Produktion. Man kann dort schon manches machen, aber nicht Kernbereiche. Wichtiges Know-how hat in China nichts verloren, aus Sicht der Fertigung in Deutschland und der Sicherung der Arbeitsplätze.
Sie haben gemeldet, dass es mit dem Insolvenzplan vorwärts geht. Können Sie absehen, wann die Entscheidung fällt, ob Märklin allein weiter machen kann? Wann tagt der Gläubigerausschuss wieder?
PLUTA: Wir haben nach dem guten Geschäftsverlauf des vergangenen Jahres festgestellt, dass Märklin auch aus eigener Kraft existieren kann. Die Insolvenzordnung gibt das ja auch ausdrücklich her. Ich bin froh, dass wir von der Grundannahme weg sind, dass man immer einen neuen Käufer braucht, um eine Firma zu sanieren. Denn: Sanieren heißt ja gesunden. Ein Verkauf, in einem Stadium, in welchem eine Firma noch nicht komplett gesund ist, wäre ja nur ein Arztwechsel. Das ergibt aber keinen Sinn, wenn man es auch ohne Arztwechsel hinbekommt. Ich glaube, das haben wir gezeigt.
Damit ist die Suche nach einem Käufer also vom Tisch?
PLUTA: Das ist im Moment nicht das Problem, das sich uns stellt.
Welchen Zeithorizont haben Sie?
PLUTA: Wir wollen, dass Märklin im nächsten Jahr im Kern nicht mehr insolvent, sondern über einen Insolvenzplan saniert ist. Den dafür nötigen Vergleich kann man den Gläubigern nicht vorschreiben, da müssen viele Gespräche geführt werden. Der zentrale Baustein liegt aber vor. Wir haben uns mit der IGMetall und dem Betriebsrat auf einen Sanierungstarifvertrag geeinigt, der die nächsten vier Jahre sichert.
Das geht aber nicht ohne Verzicht. . .
PLUTA: In bestimmten Erfolgsfällen gibt es mehr, in manchen weniger. Das Geld, das die Firma dadurch spart, fließt nicht an die Gläubiger, sondern in die Zukunft: in Forschung, Entwicklung und Investitionen am Standort Göppingen.
Es ist die Rede von einer Quote von etwa 15 Prozent, die die Gläubiger mit so einem Insolvenzplan bekommen könnten, im Vergleich zu 50 Prozent beim Einstieg eines Käufers. Was macht Sie zuversichtlich, dass die Gläubiger da mitspielen werden?
PLUTA: Ich möchte das im Moment noch nicht beschreiben, weil wir in der Diskussion sind. Man muss wissen, dass es mehrere Gläubigergruppen gibt. Wie viel Prozent am Ende für wen rauskommen, ist noch völlig offen. Das muss ich erst mit allen Beteiligten diskutieren. Primär geht es ja um die Sicherung der Arbeitsplätze. Sekundär geht es darum, wem die Firma dann gehört.
Das ist aber eine interessante Frage: Wem gehört Märklin nach dem Ende eines solchen Insolvenzplans?
PLUTA: Auch das wird diskutiert. Da gibt es ein ganze Menge Varianten. Die Insolvenz ist die große Chance der Befreiung des Unternehmens vom bisherigen Unternehmer. Daran sieht man, dass es eine Zukunft hat, ohne dass es einem einzelnen gehören muss. Im Moment gehört es der Gesamtheit der Gläubiger. Es gibt noch einen zweiten Baustein: das Signal der beiden regionalen Banken, die hier beteiligt sind, die das prinzipiell gut heißen.
Die Besucherzahlen beim Tag der offenen Tür sprechen für den oft zitierten Mythos Märklin. Wie können Sie es schaffen, diesen Mythos in klingende Münze umzuwandeln?
PLUTA: Die Begeisterung trägt den Umsatz. Sie aufrecht zu erhalten, ist ein wichtiger Teil des Marketings. Wichtig ist auch, dass Märklin-Fans sehen, wie hier produziert wird.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: ARND WOLETZ | 18.09.2010
| Artikel twittern |
|
|
Michael Pluta gestern auf dem Märklin-Werksgelände. Der Insolvenzverwalter will die Firma bis nächstes Jahr sanieren. Foto: Giacinto Carlucci
MEISTGELESENE ARTIKEL
Voith Paper baut in Heidenheim 280 Stellen ab
Der Schnitt war angekündigt, fiel aber offenbar härter aus als erwartet: Angesichts drastischer Einbrüche am Markt für grafische Papiere will Voith Paper in Deutschland und Österreich über 700 seiner 2800 Stellen streichen.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um
Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr
Feuer bei Firma Knittel in Vöhringen
Vöhringen In dem Abfallentsorgungsbetrieb Knittel in Vöhringen ist am Donnerstag ein Großbrand ausgebrochen. Plastikmüll und Altpapier standen in Flammen.... mehr
Amok-Alarm an Schule in Memmingen - Fahndung nach Täter läuft
Memmingen Amok-Alarm hat am Dienstagnachmittag ein 15-jähriger Schüler der achten Klasse in Memmingen (Bayern) ausgelöst. Der Junge hatte die Lindenschule, eine Grund- und Hauptschule, mit zwei scharfen Waffen betreten und mehrere Personen bedroht. Auch ein Schuss fiel.... mehr

ZURÜCK

Kommentare (1)
wie will Märklin überleben ?
wenn die Preise weiter so steigen ?