Comedy: Pointen ohne Scheu oder Scham

Das Trio „Eure Mütter“ trifft den Nerv der Generation Y. Nichts mehr bleibt beim Auftritt der drei ganz und gar unmütterlichen Männer in der Bad Überkinger Autalhalle in der Tabuzone.

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Die beim Publikum wohl beliebteste Nummer kommt ganz zum Schluss: das synchrone Haarewaschen, eine von „Eure Mütter“ selbst kreierte Disziplin. Auch bei den Zuschauern in der Bad Überkinger Autalhalle blieb kein Auge trocken.  Foto: 

Sie nennen sich „Eure Mütter“ und bieten Comedy. Da könnte man Kabarett mit dem moralischen Zeigefinger, wie ihn Mütter nun mal gerne einsetzen, erwarten. Doch es kommt anders als man denkt: Nicht nur, dass sich die Mütter als drei knackige Männer im besten Alter entpuppen, die ungeniert ihren Sexappeal versprühen. Obendrein geben sie Tabuzonen keine Chance mehr. Fäkalsprache und Obszönitäten werden von ihnen so kunst- und lustvoll zur Gesellschaftsfähigkeit erhoben, dass sie selber sagen: „Unser Programm ist nicht eben kindgerecht, so viel zu denen unter euch, die meinten, ihre Kinder heute mitzunehmen.“

Dennoch passt der Bühnenname von Andi Kraus, Don Svezia und Matze Weinmann, wie kaum ein anderer. Denn wie Mütter sprechen sie in ihrem Programm „Das fette Stück fliegt wie ne Eins“ Probleme an. Und zwar gefühlt alle. Ohne jede Scheu oder gar Scham, ohne jegliche Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihres Publikums. Das windet sich genüsslich ekelnd im Bifi-Geschmack der Vorhaut, in Fußgerüchen, bei denen sich beim Schuhe ausziehen die Tapeten abrollen und freut sich, dass endlich mal jemand offen dazu steht, dass er sich den „Sack“ nicht rasieren will. Erfrischenderweise standen einmal nicht die sexuellen Frauenprobleme im Mittelpunkt, sondern die der männlichen Spezies.

Mit fast tierischem Ernst beschworen sie die Reize des Schwulseins und homosexueller Partnerschaft.   Ja, Tabus gibt es  wirklich keine mehr bei „Eure Mütter“ und mit ihrem Humor treffen die drei insbesondere die von ihnen ebenso besungene „Generation Why“, also die Y-Generation der Jahre 1980 bis 2000 mitten ins Herz. Und eben die machten den größten Teil der rund 450 Zuschauer in der Bad Überkinger Autalhalle aus.

Doch nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht. Das Trio nimmt sich ebenso ganz allgemeiner Probleme an. Sei es ein Kindergeburtstag, der nie stattfindet, damit das einzige  beim Vater unbeliebte Kind unter den Freunden seines Sprösslings nicht ins Haus kommt, oder der Psychotherapeut, der seinem Gegenüber einen Minderwertigkeitskomplex einredet. Nicht selten entspringt die Pointe aus dem Unerwarteten, nämlich dem Gegenteil dessen, was im Vorfeld hochgelobt wird.

Die drei Comedians setzen dabei musikalische Kunst mit der Stimme, am Klavier oder mit der Gitarre ebenso ein, wie sie mit herrlicher Mimik und Gestik überzeugen. Urkomische Wortklaubereien setzen dem Ganzen die Krone auf. Die Zuschauer dankten es mit donnernden Lachsalven, unter die sich ab und an jubelndes, feminines Kreischen mischte. Die Generation Y eben: „Eij, voll krass.“

In all diesen mal sinnigen, mal total sinnentleerten Quatsch reihte sich jedoch ein Song, der nicht die winzigste Pointe aufweist, sich allerdings seinen Weg in die tiefsten Herzensregionen bahnte.  Andis Lied: „Ich kann nicht glauben, dass du tot bist, ich gewöhne mich auch nicht dran, aber dass du prinzipiell gelebt hast, war ziemlich geil.“ Am Ende erfreute sich das Trio schon mal an dieser Zeitungskritik für ihre Show – zwei Tage vor Erscheinen. Die ist auch ganz in ihrem Sinne ausgefallen. Na ja, fast. Nur Don hatte etwas zu meckern.

Deshalb an dieser Stelle die ganz offizielle Klarstellung: Dons von ihm hoch gehaltener Nachname Svezia  ist in diesem Artikel korrekt geschrieben. Und hier auch noch die richtige Aussprache, damit die Leser ihn ebenso perfekt lesen können: „Sveeezia“. Den prasselnden Schlussapplaus belohnte das Trio mit seiner wohl beliebtesten Nummer und beim synchronen Haarewaschen spritzten Wasser und Shampoo zum größten Vergnügen aller weit.

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