Integrationsrat stellt seine Arbeit vor

Der Integrationsrat stellte im Verwaltungsausschuss seine Arbeit der vergangenen zwei Jahre vor. Ein wichtiger Punkt: Auswirkungen des  Putschversuchs in der Türkei.

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Vertreter der türkischen Verein und des Integrationsrat sowie OB Dehmer beim Gespräch im November 2016.  Foto: 

Zwei Themen beschäftigten die Mitglieder des Integrationsrats in den vergangenen zwei Jahren besonders:  Der Zustrom von Flüchtlingen und der Putschversuch gegen die Erdogan-Regierung in der Türkei, erläuterte Gemeinderat Thomas Reiff, der als Mitglied des Sprecherrats des Integrationsrats im Verwaltungsausschuss über die Arbeit des Gremiums berichtete.

 Seit Oktober 2016 sind der  Arbeitskreis Asyl  sowie der Flüchtlingsbetreuer des Landrats­amts,  Hans-Joachim Schiek, Mitglieder im Gremium und berichten regelmäßig über die Situation in Geislingen.   Konkret unterstützte das Gremium die Flüchtlingsarbeit unter anderem mit Zuschüssen für Bilderbücher in  unterschiedlichen Sprachen, erklärte Thomas Reiff. Außerdem finanzierte der Integrationsrat den Geislinger Dolmetscherpool eine Zeit lang aus dem eigenen Budget und unterstützte Vereine bei der Flüchtlingsarbeit. Generell arbeite der Arbeitskreis Asyl jedoch relativ unabhängig vom Integrationsrat.

Anfeindungen und Drohungen

Großen Raum nahmen in der Diskussion im Verwaltungsausschuss die Auswirkungen des Putsch-Versuchs in der Türkei auf das Zusammenleben in Geislingen ein.  Vor allem die Zusammenarbeit der türkischen Vereine sei durch die Spaltung der türkischen Gesellschaft  stark beeinflusst worden, konstatierte Thomas Reiff.  In Geislingen seien die Auseinandersetzungen innerhalb  der türkischstämmigen Community noch relativ „im Rahmen“ geblieben, meinte OB Dehmer. Dennoch habe es verbale Drohungen und Anfeindungen gegeben,  deren Auswirkungen sogar auf den Schulhöfen zu spüren  waren.  „In den Schulen babbeln die Kinder unreflektiert ihren Eltern nach“, fügte Thomas Reiff hinzu. „Da heißt es dann gleich: Wer ist für Erdogan und wer ist gegen ihn?“

 Frank  Dehmer hatte die Vertreter  der türkischen Vereine deshalb zu zwei klärenden Gesprächen  eingeladen,  am zweiten nahm auch der Integrationsrat teil (wir berichteten).     Dass man die  türkischen Vereine „zeitnah“ an einen Tisch bringen konnte, habe die Situation entschärft. „Es ist gut, dass es die Plattform des Integrationsrats als gemeinsame Basis gab“, betonte der OB.  Allerdings sei noch nicht alles aus der Welt geschafft.  „Aber wenn man gerade nicht miteinander kann, dann wenigstens friedlich nebeneinander.“ In Geislingen könne man nicht die großen Probleme der Türkei lösen, gab Dehmer zu bedenken.  Es werde immer Menschen geben, die zu sehr im „Obrigkeitsdenken“ verhaftet seien und alles aus „bestimmten Kanälen“ übernehmen würden. „Aber das darf sich an den Schulen nicht in einer weiteren Generation verfestigen.“

Noch immer seien Spannungen unter den türkischen Migranten in Geislingen wahrnehmbar. Ob das gemeinsame Fastenbrechen in der Jahnhalle nächstes Jahr wieder zustande kommt, ist unklar. Dehmer verbuchte es als Erfolg, dass die türkischen Vereine zumindest im Integrationsrat weiter zusammenarbeiten.

Dennoch hätten die Auswirkungen des Putsch-Versuchs in der Türkei „die Integration um Jahre  zurückgeworfen“, sagte der städtische   Integrationsbeauftragte. Doch man müsse auch bedenken, dass nur ein Drittel der in Deutschland lebenden Türken   den Konflikt befeuert hätten. „Aber manches macht mich so richtig wütend.“

„Reden, reden, reden“ und den Kontakt  halten sei die einzige Option, die Spaltung innerhalb der Community zu  überwinden, betonte Thomas Reiff. „Das ist ein mühsames Geschäft – so wie anderes eben auch.“ Vor allem müsse man verhindern, „dass die Abkapselung wieder anfängt“.  Ditib  etwa  habe sich wohl angegriffen gefühlt und sich  bereits etwas zurückgezogen. „Das muss man wieder aufbrechen.“

Eines müsse klar sein, forderte Gemeinderat Jürgen Peters: „Die Konflikte in der Türkei dürfen nicht die Integrationsarbeit in Geislingen beeinflussen.“ Aufgabe des Integrationsrats sei es auch, Demokratie vorzuleben. „Den Mitgliedern des Integrationsrats muss man nicht erklären, was Demokratie ist“, betonte Reiff. Aber der Ausgangspunkt müsse immer die Losung sein: „Wir sind alle Geislinger.“

Ein KOMMENTAR von Stefanie Schmidt: Es gibt noch viel zu tun

Plötzlich sind sie keine Freunde mehr: Geislinger, die miteinander aufgewachsen sind, zusammen die Schulbank gedrückt und jahrelang Seite an Seite in der Moschee gebetet haben.   Der Grund: die Spaltung der türkischen Gesellschaft nach dem Putschversuch im Sommer 2016. In der türkischstämmigen Community Geislingens – genauso wie in der Türkei  – scheint seither nichts mehr so zu sein wie zuvor. Das macht traurig, ratlos und manchmal auch ganz schön wütend. Warum muss das alles auch noch hier ausgetragen werden?

Sollten Menschen, die in Deutschland jeden Tag von einer stabilen Demokratie profitieren, nicht kritisch sein, wenn diese in der Türkei immer mehr geschliffen wird? Vielleicht ist es das Gefühl wegen seiner türkischen Wurzeln von der deutschen Gesellschaft nicht vollständig angenommen zu werden, das  einen „starken Mann“ wie Erdogan als Identifikationsfigur so attraktiv macht. „Reden, reden, reden“, so wie Gemeinderat Thomas Reiff es fordert, scheint das einzige Mittel zu sein – und zwar mit allen, auch denen, die sich als Bösewichte abgestempelt fühlen. Der Integrationsrat ist dabei sicher unverzichtbar. Bei alledem sollten die Vertreter der türkischen Vereine nicht vergessen, dass es für sie abseits aller politischen Differenzen in Geislingen viel zu tun gibt – und gemeinsam ist man immer stärker.

Veranstaltungen Von März bis November 2016 fanden die interkulturellen Wochen mit insgesamt 31 Veranstaltungen statt, darunter  Konzerte, Vorträge, Theateraufführungen und Feste, internationales Fest im Rätschegarten mit  Einbürgerungsfeier.   Positiv sei, dass der interreligiöse Dialog, der laut Rudi Ebert fünf bis sechs Jahre brach lag, auf Anregung des Integrationsrats wieder aufgenommen wurde.   Vertreter der Ditib-Moschee, des VIKZ, der katholischen, evangelischen und neuapostolischen  Kirchen sowie der Alevitischen Gemeinschaft  treffen sich regelmäßig, um über religiöse Themen zu sprechen.

Anträge Der Integrationsrat hat bei der Schulverwaltung erfolgreich einen Antrag auf die Einrichtung auf Vorbereitungsklassen für Flüchtlinge an den Berufsschulen gestellt. Außerdem beantragte das Gremium die Einrichtung eines Dolmetscherpools; das Projekt wurde Anfang 2016 umgesetzt.                

Ausblick Anfang November steht das im Abstand von zwei Jahren stattfindende Wochenendseminar an. Das Thema: ein Pakt für Integration. Im Frühjahr finden wieder die interkulturellen Wochen statt, diesmal jedoch komprimiert auf etwa zwei Monate. Im Sommer gibt es das internationale Fest im Rätschegarten.

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