Der Alte Zoll und seine verborgenen Schätze

Der Alte Zoll in der Geislinger Fußgängerzone wird seit Ende August saniert. Eine aufwendige Aufgabe, die sich über viele Monate hinziehen wird.

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Der Giebel des Alten Zolls trägt seit diesem Jahr eine Schutzhülle. Mehr Fotos gibt es auf www.swp.de/gz-bilder  Foto: 

Zwischen dem 15. Jahrhundert und der Jetztzeit ­liegen nur ein paar Schichten Tapete, eine Lage Teppich, dünne Gipskarton-Platten und ein paar Ziegelsteine. Im Innern des Alten Zolls fächern sich die Jahrhunderte bereitwillig Lage für Lage auf, für die Augen der vorbeieilenden Passanten verborgen. Alles, was es für die Zeitreise braucht, sind Hammer und Meißel, ein geübtes Auge und behutsame Hände.

Als denkmalgeschütztes Gebäude stellt der Alte Zoll seinen Besitzer, die Geislinger Stadtverwaltung, vor besondere Herausforderungen: Vor knapp drei ­Wochen haben die Sanierungs­arbeiten begonnen. Im Innern des wuchtigen Gebäudes mit der Fachwerkfassade soll einmal das Ordnungsamt unterkommen.

Doch einfach mit dem Vorschlaghammer Wände rausreißen, Bodenbeläge aufhebeln und neue Farbe auf die Fassade klatschen, kommt nicht infrage. Alle Veränderungen müssen mit dem Landesdenkmalamt abgestimmt werden, einmal im Monat kommt ein Sachverständiger zur Lagebesprechung ins Gebäude.

Eine Spezialfirma ist mit dem Rückbau betraut worden, damit in Geislingen nicht das geschieht, was vor ein paar Tagen die Münchner schockiert hat: Dort machten Bauarbeiter mir nichts, dir nichts ein denkmalgeschütztes Gebäude platt. Die Geschichte eines Hauses – unwiederbringlich verloren.

Die Arbeiter im Alten Zoll ­dagegen tasten sich Schritt für Schritt voran. Im ­Erdgeschoss zeugen Löcher im Boden von Erkundungsarbeiten, wo einmal Geschäfte untergebracht waren – im linken Teil eine Buchhandlung, im rechten zuletzt ein Reisebüro. Weiße Keramikfliesen, Spanplatten, Holzdielen, Stein: Bis zum Original, der untersten Schicht, graben sich die Arbeiter vor. Nicht alles ist von historischem Wert, vieles kann später problemlos entfernt werden. Doch alles muss dokumentiert werden. Und vielleicht kommen irgendwo noch Böhmenkircher Platten hervor, hofft Stadtbauamtsleiter Karl Vogelmann.  Die Kalksteinplatten stammen aus den ehemaligen Böhmenkircher Steinbrüchen und sind von großem historischem Wert.

Archäologen gleich, kratzen die Arbeiter auch die Schichten an den Wänden ab – und machen mitunter interessante Entdeckungen: Unter fünf, sechs Lagen zunehmend wilder gemusterter ­Tapete finden sich Zeitungsseiten von 1891. Zwar fest verbacken mit altem Putz und Tapetenresten, aber immer noch leserlich: Da wird im Weihnachts-Ausverkauf eine Laterna magica beworben, und die Städtischen Wasser­werke suchen einen Installateur.

Es ist kein alltäglicher Fund, auch wenn Karl Vogelmann weiß: „Beim Bauen hat man früher oft das Material genommen, das man halt zur Hand hatte.“ Für die Bauherren früherer Zeiten war die Zeitung ein praktisches Mittel, um Unebenheiten der Wände auszugleichen. Heute sind die vergilbten Seiten Schaufenster in eine längst vergangene Zeit.

Der Gang durch die zwei untersten Stockwerke macht eines schnell deutlich: Zimperlich gingen die unterschiedlichen Besitzer mit dem Alten Zoll beileibe nicht um. Davon zeugen mit Spanplatten verkleidete und überstrichene Holzbalken, mit Ziegel- oder Tuffsteinen verfüllte Fensteröffnungen, auf Wänden verlegte Rohre und in Löcher gestopfte Kabelberge. Pfusch ist ein Wort, das Karl Vogelmann öfters mal über die Lippen kommt.

Er kann auf einen Blick sagen, was aus welcher Epoche stammt. Mineralwolle unterm Putz? Gipskarton-Platten an den Wänden? 1960er Jahre. Holzplanken unter den Fliesen? Aufgrund ihrer gehobelten Oberfläche auf keinen Fall aus der Bauzeit des Gebäudes. Ziegelsteine an den Wänden? Sie sind relativ rau beschaffen und daher vermutlich sehr alt – anders als heutige glatte Ziegel.

Der Zollstock neigt sich zur Seite

Während die drei untersten Stockwerke des Alten Zolls durch die Nutzung als Ladengeschäfte und eine Privatwohnung bis in die jüngste Vergangenheit stark verändert worden sind, haben die oberen vier Geschosse – über die man durchs Treppenhaus in der Schubartstraße gelangt – die Jahrhunderte fast unberührt überstanden.

Eine schmale Tür öffnet sich ins kühle Dunkel, unter den Füßen knirscht Taubendreck. Eine vom Alter geschwärzte Treppe führt bis unters Dach, mit jedem Stockwerk schmaler und steiler werdend. Sie ist mit massiven Rundhölzern fixiert, denn – und das ist eines der größten Probleme des Gebäudes – ein Auflagerbalken am Giebel ist abgefault, weshalb sich der sogenannte Zollstock zur Seite neigt. Anfang des Jahres hat die Hochbauabteilung deshalb nicht nur die hölzernen Vorrichtungen im Innern anbringen lassen, sondern den ganzen Zollstock in ein schützendes Netz packen lassen, damit kein abplatzender Putz die Fußgänger trifft.

Fachleute müssen nun herausfinden, wie es um das Gebälk beschaffen ist. Jeder einzelne Balken wird abgescannt und im 3-D-Verfahren erfasst. So lassen sich Verschiebungen und Setzungen sehr gut darstellen. Direkt unterm Dach, wo sich die warme Luft staut, haben sich Holz­wurm und Schwamm in die Balken gefressen. Das Dach ist undicht, die Ziegel müssen auf jeden Fall ausgetauscht werden.

Wie lang sich die Arbeiten ziehen werden, ist noch nicht abzusehen. „Vor 2019 sind wir damit sicher nicht fertig“, sagt der Stadtbauamtsleiter. Jede Untersuchung, jede neue Entdeckung kann den Zeitplan nach hinten verschieben. Karl Vogelmann ist trotzdem zufrieden, denn der Zustand des Alten Zolls sei für sein Alter recht gut.

Zu gern hätte die Stadtverwaltung im ersten und zweiten Dachgeschoss den Gemeinderat tagen lassen und sämtliche Geschosse genutzt, doch das wäre nur mit massiven Eingriffen möglich gewesen. Keine Chance, damit beim Landesdenkmalamt durchzukommen. „Und dann haben wir da überall die niedrige Raumhöhe und Balken, die aus dem Boden gucken – das geht leider nicht“, sagt Karl Vogelmann. Immerhin seien die unteren Stockwerke für die Bevölkerung zugänglich, meint er, und spricht von Glück, dass die Stadt das Gebäude kaufen konnte und es nicht an einen Investor ging, der sicher Privatwohnungen draus gemacht hätte.

Was an Schätzen in der staubigen Stille hinter der Fachwerk­fassade schlummert – die starken Holzstreben, die die Tragkraft der Decken verstärkten, der mit einer rostigen Kette umwickelte ­Eichenbalken, mit dem einst der Lastkran bedient wurde, die vom vielen Gebrauch abgetretenen Holzdielen – all das bleibt den ­eilig vorbeihastenden Geislingern verborgen.

Sie teilen sich eine Wand: die vergangenen Jahrhunderte und die Gegenwart.

Altes Rathaus Die ­Sanierung kostet rund 1,1 Millionen Euro. Der ­Eigenanteil der Stadt Geislingen beträgt zirka 210 000 Euro, das Land steuert einen Zuschuss in Höhe von rund 800 000 Euro bei (Kommunalinvestitionsförderungsgesetz). Die Außenarbeiten sollen zum Jahresende fertig sein, das gesamte Projekt im Lauf des kommenden Jahres. Bleibt Geld übrig, soll laut Karl Vogelmann das öffentliche WC auf der Gebäuderückseite erneuert werden.

Alter Zoll Auf rund 4,5 Millionen Euro beläuft sich die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes. Vom Land gibt es eine hohe Förderung. Die Deutsche ­Stiftung Denkmalschutz überreichte Anfang des Jahres einen Scheck über 100 000 Euro. Die Arbeiten werden wohl bis 2019 dauern, sagt Karl Vogelmann.

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