Mit alten Verträgen plötzlich bei neuem Unternehmen

|
Vorherige Inhalte
  • Ergo (im Bild die Zentrale in Düsseldorf)  sucht nach einem Käufer für sechs Millionen alte Lebensversicherungsverträge. 1/2
    Ergo (im Bild die Zentrale in Düsseldorf)  sucht nach einem Käufer für sechs Millionen alte Lebensversicherungsverträge. Foto: 
  • SWP GrafiK 2/2
    SWP GrafiK Foto: 
Nächste Inhalte

Schon die Zahl lässt aufhorchen: Mehr als 10 Mio. Lebensversicherungsverträge könnten demnächst von Branchengrößen wie Ergo und Generali zu anderen Unternehmen wechseln. Dabei elektrisiert, dass als Käufer Firmen mit chinesischen Besitzern im Gespräch sind. Doch die Versicherten sollten gelassen bleiben, rät Lars Gatschke, Versicherungsexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV). Dagegen spricht der Bund der Versicherten von einem „Erdbeben in der deutschen Lebensversicherung“.

Angesichts der anhaltend niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt verlieren immer mehr Anbieter das Interesse an klassischen Lebens- und Rentenversicherungen, die einen garantierten Zinssatz bieten. Zu den besten Zeiten waren das 4 Prozent, die immer schwerer zu erwirtschaften sind. Neue Verträge, die seit Jahresbeginn abgeschlossen werden, bieten nur noch 0,9 Prozent. Viele Versicherer setzen inzwischen auf Verträge ohne Garantie, was letztlich eine höhere Verzinsung bringen soll.

Schon in den letzten Jahren hatten Versicherer immer wieder den Eigentümer und auch den Namen gewechselt, ohne dass dies Einfluss auf bestehende Verträge und das Kapital der Versicherten hatte. Bestes Beispiel ist die Hamburg-Mannheimer, bekannt durch „Herrn Kaiser“, die seit 1998 zur Ergo-Gruppe gehört, an der wiederum die Münchner Rückversicherung die Mehrheit besitzt. Über die Einhaltung der  gesetzlichen Vorschriften wacht  die Bundesanstalt für Finanzmarktsicherung (Bafin) als Aufsichtsbehörde. So müssen mindestens 90 Prozent der Kapitalerträge den Kunden zugute kommen.

Versicherer können nicht einfach dicht machen, sondern nur das Neugeschäft einstellen. Die vorhandenen Verträge müssen sie bis zum Ende der Laufzeit erfüllen, was bei Lebensversicherungen 30 bis 60 Jahre bedeuten kann. So lange haben die Versicherten nicht nur Anspruch auf alle garantierten Leistungen, sondern auch auf die Überschussbeteiligung bei Ablauf des Vertrags. Da kann es für das Unternehmen wirtschaftlicher sein, entweder einen Teilbestand oder aber die gesamte Lebensversicherungsgesellschaft zu verkaufen. Erwerber muss immer eine deutsche Firma sein, die allerdings ausländische Eigentümer haben kann.

Den kompletten Ausstieg aus dem Neugeschäft hat die Generali angekündigt. Bisher heißt es nur, eine Veräußerung des Altgeschäfts sei nicht ausgeschlossen. Das gilt allerdings nicht für ihre Tochter Aachen-Münchener, die weitermacht. Bei der Ergo heißt es, man suche nach einem Käufer für 6 Mio. alte Verträge. Auch die Axa schließt einen solchen Schritt nicht aus. Ein kleinerer Anbieter, die Arag, hat gerade ihre 322 000 Lebensversicherungsverträge an die Frankfurter Leben Gruppe verkauft. Dieses Unternehmen, das mehrheitlich dem chinesischen Mischkonzern Fosun gehört, hat sich darauf spezialisiert, Bestände von anderen Versicherern zu übernehmen und weiter zu verwalten.

Andere Versicherer haben dagegen ausdrücklich ausgeschlossen, diesen Weg zu gehen, allen voran der Marktführer Allianz. „Wir stehen zu unseren Kunden, ohne Wenn und Aber“, betonte ihr Chef Markus Faulhaber. „Wir möchten weiter Kunden gewinnen, nicht loswerden.“

Der Verkauf von Beständen kann für die Kunden durchaus von Vorteil sein, wenn der Erwerber mit niedrigeren Kosten arbeitet. Er braucht weder einen Vertrieb noch eine Produktentwicklung, und er kann spezielle Software einsetzen. Ob er tatsächlich höhere oder geringere Überschüsse mache, gleiche einem „Blick in die Glaskugel“, sagt Verbraucherschützer Gatschke. Er rät von vorschnellen Vertragskündigungen ab, die rasch zu einem Verlustgeschäft werden können. Doch sollten die regelmäßigen Standmitteilungen gründlich studiert und im Zweifelsfall Fachleute der Verbraucherzentralen zu Rate gezogen werden. Der Bund der Versicherten haut mehr auf den Putz: Ein Investor wolle möglichst viel Rendite erzielen – auf Kosten der Kunden.

x

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Heftiger Streit am Kriegerdenkmal

Gut 15 Vermummte haben am Sonntag fünf Personen am Kriegerdenkmal in der Mörikestraße angegriffen. Einer der fünf erlitt schwere Verletzungen. Die Polizei schließt nicht aus, dass der Streit politisch motiviert war. weiter lesen