Bund müsste mehr in Hochschulen investieren
Geheuchelte Zustimmung aus der Politik macht Studenten zornig. Statt nur "Kunden" zu sein, wollen sie mehr Mitsprache, sagt Albrecht Vorster, Sprecher der Landes-Astenkonferenz, der Studentenvertretungen.
Im Landtag sind alle Parteien für eine Studien-Reform, die Studentenproteste bekommen Beifall von allen Seiten - ist doch super, oder?
ALBRECHT VORSTER: Nein. Wir haben viele Forderungen - doch die Politiker unterstützen immer nur die Dinge, für die sie selber keine Kompetenzen haben. Bildungsministerin Annette Schavan zeigt bei der Umsetzung der Bologna-Reform auf die Länder, sieht aber nicht, dass der Bund mehr in Hochschulen investieren müsste. Die Landesminister zeigen auf die Unis, die wiederum sagen, uns fehlt Geld für die Umsetzung. Jeder verweist auf andere und stimmt nur den Punkten zu, die ihn nicht betreffen.
Verdeckt die vordergründige Zustimmung, dass die Studenten eine ganz andere Bildungspolitik wollen?
VORSTER: Die generelle Richtung der Bildungspolitik geht dahin, dass man die Grundmittel für Universitäten absenkt und einzelne Förderprojekte hinzugibt. Die Grundmittel fehlen aber massiv. Bei uns an der Uni Freiburg gibt es eine Stellen-Besetzungssperre von einem halben Jahr für alle frei werdenden Stellen - wir sind aber gleichzeitig Elite-Uni, bekommen Sonderzuschüsse für Einzelprojekte. Die sind zwar schön, kommen der breiten Masse der Studierenden aber nicht zugute. Das ist eine schizophrene Situation.
Das Geld wird falsch verteilt?
VORSTER: Wir haben zum Beispiel einen sehr hohen numerus clausus auf das Fach Medizin - obwohl überall Ärzte fehlen, gibt es zu wenige Studienplätze. Das ist das Kernproblem: Die Grundfinanzierung der Unis wurde enorm abgesenkt. Jeder nimmt als gottgegeben hin, dass Deutschland als eines der reichsten Länder in Europa am wenigsten in Bildung investiert. Im Vergleich zu den Skandinaviern investieren wir, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ein Drittel weniger in die Bildung. Das ist ein Skandal.
Ist es redlich, wenn die Politik bei der Bologna-Reform nur ein Umsetzungsproblem sieht und den Schwarzen Peter den Hochschulen zuspielt?
VORSTER: Ein Problem war, dass die Bologna-Umsetzung ohne zusätzliche Mittel für die Unis geschehen musste. Aber einen Studiengang umzustellen - das ist Arbeit. Die Unis hätten Stellen für Spezialisten gebraucht, die den Fachbereichen die Reform erklären. Um Bologna richtig zu verstehen und auszuführen, braucht man viel Zeit, man muss ganz anders denken. Stattdessen hat man die Professoren mit einem Regel-Katalog allein gelassen. Das zweite Problem: Die Studierenden wurden an den Hochschulen bei der Umsetzung nicht beteiligt - obwohl das in den Bologna-Zielen ausdrücklich vorgesehen ist.
Besteht die Gefahr, dass viele Anliegen der Studenten von der Bologna-Debatte übertönt werden?
VORSTER: Ich denke, es ist wichtig, dass Studierende endlich als Teil der Hochschule begriffen werden. An den Unis ist keiner auf die Idee gekommen, Studenten zu fragen, was falsch läuft. Die Proteste jetzt sind nur ein Zeichen dafür, dass die Kommunikation von unten nach oben nicht funktioniert. Oben wurden tolle Konzepte ausgedacht. Dann merken die, die es unten ausbaden müssen, dass es nicht klappt und müssen revoltieren, um was zu ändern. Die Hochschulen brauchen mehr Demokratie. Auch Ministerien müssen verstehen, dass Studentenvertretungen keine wilden Haufen sind, sondern sehr wohl Konzepte mit Hand und Fuß haben.
Was ist so falsch an der "Ökonomisierung der Hochschulen", die die Studenten beklagen?
VORSTER: Da die staatliche Grundfinanzierung abnimmt, wird die Drittmittel-Forschung immer wichtiger. Das ist ein Kampf um Geld, und Forschung wird stark von Wirtschaftsinteressen beeinflusst. Doch wo dauernd gekämpft werden muss, fehlt die Freiheit, in jegliche Richtung zu forschen. Professoren, die unter Druck stehen, weil sie ihre Mitarbeiter nur aus Drittmitteln bezahlen können, schaffen es immer nur, von einem kleinen Projekt zum nächsten zu stolpern. In der Wissenschaft sollte man aber frei denken können, um auf Neues zu kommen. Universitäten sind keine Gedanken-Maschinen, die auf Druck funktionieren.
Studenten gelten heute als unpolitisch, die wenigen Engagierten wurden oft belächelt. Ist es schwierig, nun kampagnenfähig zu werden?
VORSTER: Ich kann nur für Freiburg sprechen - und ich bin wirklich überrascht, wie viele sich plötzlich einbringen. Wir haben jeden Abend ein Plenum, wo mindestens 500 Leute zusammenkommen, um zu diskutieren. Am Abend, als die Uni besetzt wurde, hat sich innerhalb kürzester Zeit aus 800 Leuten eine Infrastruktur gebildet: Plötzlich gab es einen Arbeitskreis Info, einen AK Presse, einen Küchendienst, ruck-zuck wurden Themen bearbeitet. Ich bin immer noch geplättet, wie sich spontan ein Netzwerk gebildet hat. Und das ganz basisdemokratisch, mit Diskussionen und Abstimmungen im Plenum.
Der linke Aktivist, die unpolitische Masse - sind das nur noch Klischees?
VORSTER: Viele haben noch das Bild vom linksradikalen Studentenvertreter im Kopf, das ist längst nicht mehr so. Ich habe damals angefangen, mich zu engagieren, weil ich gesehen habe, dass es nicht um ideologische Grabenkämpfe geht, sondern um Probleme. Es ist falsch zu sagen, der Protest werde nur von Splittergruppen getragen. Weil die Probleme so groß sind, haben wir bei Demos eine riesige Beteiligung. Ich glaube, das ist jetzt eine Chance, dass auch die Studierenden sich wieder als Teil der Uni begreifen. Seit Jahren wurde von der Politik das Bild des Studenten als "Kunden" propagiert. Ein Kunde arbeitet aber nicht mit, sondern bekommt was serviert und nimmt es oder nicht. So ist aber das Konzept Universität nicht gedacht: Es sollte eine Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden sein. Das entdecken die Studierenden gerade wieder.
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Autor: ROLAND MÜLLER | 05.12.2009
Landesastensprecher Albrecht Vorster (24) studiert Biologie in Freiburg.
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