Bischof missbraucht acht Jahre seinen Neffen

Brüssel.  Eine Razzia im Bischofspalais in Mechelen lässt die katholische Kirche in Belgien nicht mehr zur Ruhe kommen. Der Bischof von Brügge hat jahrelang seinen Neffen sexuell missbraucht - Rücktritt nach Geständnis.

Der Einsatz kam völlig überraschend. Die zur Konferenz angereisten belgischen Bischöfe hatten sich gerade zum Gebet zurückgezogen, als Polizei und Staatsanwaltschaft im Bischofspalais zur Razzia anrückten. Neun Stunden lang durchsuchten die Behörden das Palais in Mechelen im Norden Brüssels nach belastendem Material, beschlagnahmten Unterlagen und brachen dabei sogar zwei Gräber in der Krypta der Kathedrale auf. Währenddessen wurden die Geistlichen festgesetzt und befragt, ihre Handys und Computer konfisziert.

Seit diesem Vorfall vor rund vier Wochen kommt die katholische Kirche Belgiens nicht mehr zur Ruhe. Erst beschwerte sich der Vatikan über das "unerhörte" Vorgehen der Justiz und bestellte gar den belgischen Botschafter ein. Wenige Tage später trat dann die von den Bischöfen eingesetzte Untersuchungskommission zu den Missbrauchsfällen um den Kinderpsychiater Peter Adriaenssens zurück. Dieser bezeichnete die Tatsache, dass die Justiz auch seine Unterlagen beschlagnahmt habe, als Vertrauensbruch. Adriaenssens sprach von einem Verrat an den 500 Missbrauchsopfern, die sich in den vergangenen zwei Monaten gemeldet hätten.

Nichtsdestotrotz hat die Razzia von Mechelen ein Erdbeben ausgelöst. Denn nun steht einer von Belgiens Erzbischöfen, der kürzlich emeritierte Godfried Danneels, im Verdacht, Missbrauchsvorwürfe vertuscht zu haben. Vor zwei Wochen war der Kardinal, dessen Wohnung ebenfalls durchsucht worden war, von der Polizei verhört worden. Nun droht ihm ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung - auch in einem Fall von besonders schockierendem Ausmaß.

Es war der erste Rücktritt eines belgischen Bischofs und er ereignete sich für die Kirche unerwartet. Geradezu fluchtartig hatte der 73-jährige Roger Vangheluwe, Belgiens dienstältester Würdenträger, Ende April seinen Bischofsstuhl verlassen. Bei der verblüfften Kurie wartete er mit einem schockierenden Geständnis auf: Der Kirchenmann gab zu, jahrelang "einen Jungen aus meinem engen Umfeld" sexuell missbraucht zu haben. Als das Kind zehn Jahre alt war, verging er sich zum ersten Mal an ihm. Erst im Alter von 18 Jahren endeten die Übergriffe. Der Junge, heute 42 Jahre alt, verheiratet und dreifacher Familienvater, ist Vangheluwes eigener Neffe.

Knapp ein Vierteljahrhundert zog ins Land, bevor das Opfer seinen Peiniger demaskierte. Erst nachdem der Neffe an alle belgischen Bischöfe per E-Mail die Drohung verschickt hatte, dass er Vangheluwe auffliegen lassen werde, reichte dieser beim Papst seinen Rücktritt ein. Schweigend akzeptierte der Vatikan den Rückzug, über die Dimension des Falles verlor man kein Wort. Das änderte sich mit jenem Tag in Mechelen, als die Justiz zur Razzia anrückte, um Hinweise auf weitere Missbrauchsfälle zu finden. Plötzlich sah sich die Kirche selbst in der Opferrolle, Papst Benedikt XVI. nannte die Durchsuchung in einem öffentlichen Brief "bedauerlich".

Ob der gefallene Bischof noch weitere Jungen sexuell missbraucht hat, untersuchen nun die Behörden. Wie auch bei den deutschen Missbrauchsfällen verläuft die Aufklärung jedoch schleppend. Jahrelang hatte die Kirche in Belgien das Thema tabuisiert. Hinweise auf Übergriffe wurden im Keim erstickt. So auch im Fall Vangheluwes. Rik Devillé, ein ehemaliger Priester und Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Menschenrechte in der Kirche" gibt an, dass er Erzbischof Danneels bereits in den 90er Jahren auf die pädophilen Vorlieben des Brügger Kollegen aufmerksam gemacht habe.

Den Mantel des Schweigens versuchen die Behörden nun aufzubrechen. Gerechtigkeit wird den Opfern wohl aber nur in den wenigsten Fällen widerfahren. Denn nach belgischem Strafrecht gilt der Missbrauch als verjährt, wenn das Opfer ab dem Tag seiner Volljährigkeit zehn Jahre lang keine Strafanzeige gestellt hat. Damit dürfte auch der Brügger Bischof ohne Strafverfahren durchkommen.


Kommentare (1)

21.07.2010 08:46 Uhr |  torres

Großartig!

Ein Hoch auf die belgische Justiz, die sich nicht länger auf Absichtserklärungen der Kirche verlässt.

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