Wo Pasternak den Schiwago schrieb

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Der Geburtsort von „Doktor Schiwago“ liegt malerisch in einem Wäldchen vor den Toren Moskaus. Hoch überragen Linden die Datscha des russischen Schriftstellers Boris Pasternak in der früheren Künstlersiedlung Peredelkino. Hier verfasste der Literaturnobelpreisträger (1890-1960) seinen einzigen Roman „Doktor Schiwago“, eine tragische Liebesgeschichte und eine für damalige sowjetische Verhältnisse revolutionäre Gesellschaftskritik der Oktoberrevolution von 1917 und ihrer Folgen. Mit dem Roman erreichte Pasternak den Zenit seines Schaffens – und besiegelte seinen tiefen Fall in die politisch angeordnete Bedeutungslosigkeit.

„Das Schreiben dieses Romans war eines der wichtigsten Ereignisse seines Lebens“, sagt Irina Jerissanowa. Sie ist die Direktorin des Pasternak-Museums, das die Datscha in Peredelkino seit den 1990er Jahren beherbergt. „Hier hatte er Ruhe, ungestört daran zu arbeiten.“

Die sowjetische Zensur verbot das Buch, doch im Westen wurde es zu einem grandiosen Erfolg, den Hollywood 1965 verfilmte. Der Streifen räumte fünf Oscars ab. Heimlich hatte ein Italiener das Manuskript über die Grenze geschafft und es 1957 übersetzen lassen. Heute ist bekannt, dass der US-Geheimdienst CIA den Erfolg von „Doktor Schiwago“ für Propagandazwecke im Kalten Krieg gezielt förderte.

Für Pasternak ein Bärendienst. Denn als ihm 1958 der Nobelpreis zugesprochen wurde, währte seine Freude nicht lange. Die Würdigung durch den „Klassenfeind“ löste eine Hetzkampagne aus. Als Feind kommunistischer Ideale wurde Pasternak verfemt. Schließlich verzichtete er auf den Preis und bat förmlich darum, im Land bleiben zu dürfen.

Jerissanowa empfängt in einem Wintergarten. Idyllisch ist der Blick aus den kleinen Fenstern auf das Grün ums Haus. Ein Gärtner pflegt an diesem verhangenen Sommertag die Parkanlage. Das leicht verschlissene Polster des Diwans federt gemütlich. Jerissanowa nippt an einer Tasse Tee und erzählt. „Das erste Mal, als ich ,Doktor Schiwago’ gelesen habe, hatte ich wenig Erfolg. Aber dann habe ich es mir nach und nach erschlossen“, sagt die studierte Philologin. Häufig kämen Besucher ins Museum, die nicht verstünden, warum Pasternaks Buch in der UdSSR verboten war. „Diese Leute erinnern sich oft nicht an die Zeit damals. Sie verstehen die Dissonanz des Buches mit den Bedingungen der Sowjetzeit nicht.“

Ehrlicher, offener, klarer

Pasternaks Erzählung habe mit der offiziellen Literatur gebrochen, die die Oktoberrevolution romantisierte. Jerissanowa glaubt nicht, dass damals viele den Roman verstanden hätten, wäre er auf Russisch erschienen. „Die Menschen waren noch nicht bereit dafür. Die Gedanken darin waren ehrlicher, offener, klarer als alles, was bis dahin geschrieben wurde. In dem Buch betrachtete Pasternak die Geschichte von einer Seite, wie es bis dahin noch kein sowjetischer Autor gewagt hatte.“ Die Presse feiert Pasternak heute bisweilen als „literarischen Scharfschützen“. In gebildeten Kreisen zählten seine Gedichte zu den Klassikern, auch wenn die breite Masse sie vielleicht nicht mehr so gut kenne, meint Jerissanowa.

Die Künstlersiedlung Peredelkino entstand 1934 als Refugium für Schriftsteller. Die heutigen Plattenbauten, die sich nicht allzu fern hinter den Bäumen erheben, gab es damals noch nicht. Zu kleinem Preis konnten Künstler zu Pasternaks Zeiten die Datschen mieten und fernab des Hauptstadttrubels im Grünen Inspiration suchen, wie es im Museum heißt. Pasternak bekam 1936 sein erstes Haus zugeteilt, 1939 zog er in ein größeres um und blieb dort den Rest seines Lebens.

Pasternaks schlichtes Büro wirkt, als hätte er es nie verlassen. Jacke und Mütze hängen griffbereit am Schrank. Auf den Schreibtisch aus massivem Holz fällt von rechts das Tageslicht. So habe er gerne gearbeitet, erzählt Führerin Anna. In einem Regal zeigt sie Bücher. Darunter sind Shakespeare-Werke, die Pasternak – er sprach fließend Englisch, Deutsch und Französisch – während einer Schaffenskrise in den 1930er Jahren übersetzte. Auch ein paar Ausgaben von „Schiwago“ in verschiedenen Sprachen, die ihm geschickt wurden, stehen im Regal.

Eine Tasse steht an Pasternaks Sterbebett im Erdgeschoss. Hier erlag er 1960 als verkannter Dichter schwerer Krankheit. Es sollte bis 1988 unter Michail Gorbatschow dauern, dass sein Buch auch in der Sowjetunion erschien. Posthum wurde der Künstler Pasternak aufs Podest gehoben, stellvertretend nahm sein Sohn Jewgeni 1989 den Nobelpreis entgegen. Pasternak ruht nur wenige hundert Meter von seinem Haus entfernt auf einem Friedhof. Lädierte Plastikblumen liegen vor dem Grabstein. Sein einsames Ende ähnelt dem seines Romanhelden Juri Schiwago, wie Jerissanowa den dichtenden Arzt beschreibt: „Er sucht keine Gegner. Seine einzigen Gegner sind Tod und Krankheit. Darin liegt die Kühnheit der Erzählung.“

Den Roman „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak gibt es in der Übersetzung von Thomas Reschke als Fischer Taschenbuch (704 Seiten, 11 Euro). Im Fischer Verlag ist auch die dreibändige Werkausgabe erschienen. Sie enthält Gedichte, Erzählungen und Briefe.

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