Vietnam-Ausstellung in Mannheim: Der aufsteigende Drache

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Chinesischer Einfluss: Die Phönixfigur aus Terrakotta symbolisierte in China die Kaiserin. Die Figur war am Kaiserpalast in Vietnam im 11. bis 13. Jahrhundert angebracht.  Foto: 

In Mannheim steigen Besucher in den Aufzug ein – und in Vietnam wieder aus. Denn im ersten Stock der Reiss-Engelhorn-Museen (REM) liegen, in Vitrinen aufbewahrt, 10 000 Jahre fernöstliche Geschichte. Die Deckenstrahler beleuchten riesige Bronze-Trommeln aus der Dong-Son-Kultur, 2000 Jahre alte filigrane Jade-Schmuckstücke und mystische Terrakottafiguren, die an eine vergangene Kaiser-Dynastie erinnern.

„Die Schätze der Archäologie Vietnams“ sind zu Gast in Mannheim. Bis zum 7. Januar werden in der sehenswerten Ausstellung auf rund 500 Quadratmetern mehr als 250 archäologische Fundstücke gezeigt. Das Projekt steht im Zeichen der 40-jährigen diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Vietnam. Deshalb haben auch der ehemalige deutsche Außenminister Frank-­Walter Steinmeier und der vietnamesische Kulturminister Nguyen Ngoc Thien die Schirmherrschaft übernommen.

„Unser Ziel ist es, vor allem die Archäologie Vietnams und nicht die Kulturgeschichte darzustellen“, sagt Sarah-Nelly Friedland, Kuratorin des Ausstellung in Mannheim, die in Kooperation mit Museen in Herne und Chemnitz entstanden ist. Kein anderes Land in Südostasien hat in den vergangenen Jahrzehnten so viele Ausgrabungen durchgeführt und Museen gebaut wie Vietnam. Friedland erklärt: „Das Land entdeckt seine kulturelle Identität wieder.“ Und diese hat ihren Ursprung lange bevor das Land Vietnam hieß. Und lange bevor erst China und dann Frankreich das Land für Jahrhunderte besetzten.

Älteste Funde aus der Steinzeit

Die Geschichte geht sogar 400 000 Jahre zurück. So alt soll nämlich das älteste datierte Fundstück sein. Es ist ein Faustkeil aus Basalt, der etwas unscheinbar in der Vitrine liegt. Von einem aufkommenden Totenkult in der Steinzeit zeugen Zepter und Armbänder aus jadeähnlichem Nephrit. Archäologen fanden sie in einem 4000 Jahre altem Grab in Nordvietnam: Die Verstorbenen hatten die wertvollen Stücke mit auf den Weg ins Totenreich bekommen.

Gläserne Flügeltüren führen in die Bronzezeit. Steht dort ein Hund auf einem Krokodil? Etwas Fantasie braucht der Besucher schon, um einen der Nationalschätze Vietnams zu erkennen. Zumal er mit gerade einmal vier Zentimetern Höhe leicht zu übersehen ist. Dabei handelt es sich bei der Bronze-Figur um die erste figürliche Darstellung in der Geschichte Vietnams. Der Hund und das Krokodil sollen Ober- und Unterwelt symbolisieren. Übrigens: Hunde standen damals regelmäßig auf dem Speiseplan der Menschen.

Buddha-Figuren aus Holz und eine hinduistische Sandstein-­Figur in einer Tempelstadt im Dschungel Vietnams? Ja, die Fundstücke im zweiten Teil der Ausstellung bezeugen, wie sehr Vietnam über eine lange Zeit von China und Indien beeinflusst wurde.

Tausend Jahre war das Land im Norden vom chinesischen Imperium besetzt. Erst im Jahr 938 konnte der vietnamesische General Ngo Quyen die Chinesen zurückdrängen und den Staat Dai Viet gründen. Hauptstadt wurde Thang Long – zu deutsch: „Der aufsteigende Drache.“

Dieser Drache hat einen plumpen Körperbau, die Stoßzähne eines Elefanten und einen Rüssel in Form eines Blattes. Viel hat die 80 Zentimeter hohe Terrakotta-Fi­gur mit dem chinesischen Drachen nicht zu tun. Die Vietnamesen übernahmen den Drachen zwar als Kaiser-Symbol, verpassten ihm aber eine eigene Note. Auch das Symbol der Kaiserin, die Phönix-Figur, hat einen dickeren Schnabel als ihr chinesisches Pendant. Dennoch bezeugen die Dachfiguren des einstigen Kaiserpalastes, wie majestätisch die Gebäude waren. Heute sind die Überreste aus Thang Long Unesco-Weltkulturerbe.

Ebenfalls mit Drachen verziert, aber vor allem aus fünf Kilogramm reinem Gold ist das wertvollste Ausstellungsstück: der Siegelstempel des Kaisers. Er ist elf Zentimeter hoch, besteht aus einer quadratischen Stempelplatte und einem Griff in Form eines gehörnten Drachen. Die Inschrift lautet: „Kaiserliches Siegel zur Kontrolle des Kalenders unserer glorreichen Zeit.“

Von solchen Zeiten zeugen auch die Überreste der Tempelanlage My Son in Mittelvietnam. Die Anlage ist ebenfalls Unesco-Weltkulturerbe und stammt aus der Cham-Dynastie, aus dem 4. bis 15. Jahrhundert.

Die Fundstücke liefern zahlreiche Spuren der indischen Kultur: Viele fantasievollen Wesen aus Sandstein sind Reinkarnation der hinduistischen Göttin Shiva. Wie auch die knapp 1,70 Meter hohe Frauenfigur, die allerdings während des Bombardements des US-Militärs im Vietnamkrieg Arme und Kopf verloren hat. Für Besucher ohne Vorwissen der fern­östlichen Symbol-Welt sind Schilder mit Erklärungen angebracht.

Ein älteres Paar betrachtet eine Figur aus Sandstein: „Shivas Kopf sieht man auch in vielen Tempeln in Myanmar“, sagt die Frau nachdenklich und erzählt ihrem Begleiter von ihren Reisen. Der ferne Osten ist derzeit in Mannheim ganz nah.

Ausstellung Bis zum 7. Januar zeigen dei Reiss-Engelhorn-Museen die Ausstellung „Schätze der Archäologie Vietnams“. Öffnungszeiten:

Katalog Der Ausstellungskatalog beleuchtet intensiver die Arbeit deutscher Archäologen in Vietnam. Er ist bei erschienen.

Schau Bis zum 7. Januar in den Reiss-Engelhorn-Museen. Di-So, 11-18 Uhr. Öffentliche Führungen jeden ersten Sonntag im Monat.

Begleitband Der Katalog beleuchtet die Arbeit deutscher Archäologen in Vietnam (Nünnerich-Asmus Verlag, 599 Seiten, 29.95 Euro).

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