Über allen anderen: Die Rolling Stones in München

Die Rolling Stones begeistern in München 70.000 Fans. Selbst das Staunen darüber, dass es die Band noch gibt, ist schon von gestern.

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Der Sänger, ein erstaunlich rüstiger Herr, trägt unter seiner Glitzerjacke plötzlich ein Shirt mit dem Aufdruck „Stones“. Ist ja möglich, dass ihn und die Band nicht alle kennen. Die Stones gibt es schließlich erst seit 55 Jahren. Sie haben gerade mal gut 200 Millionen Tonträger verkauft, 182 Platin- und 167 Goldene Schallplatten gesammelt und hatten bestenfalls zwei, drei Dutzend Welthits. Und sie spielen am Dienstagabend erst zum 15. Mal in München und füllen auch nur zum neunten Mal das Olympia­stadion, die Tickets kosten maximal 680 Euro.

Mick Jagger im Stones-Shirt? Ist das Größenwahn oder Understatement? Eher Übergrößenwahn oder Underunderstatement. Die Stones 2017 haben in der Pop-Geschichte einen Platz jenseits aller Kategorien, Charts und Rankings. Sie sind keine Band der Superlative, sondern der Supersuperlative, sie halten nicht Rekorde, sondern sie halten den Rekord an Rekorden. Die Stones thronen über jedem und befinden jenseits von allem. Auf einer Karikatur zur Stones-Tour 2017 hält eine Frau ein Plakat hoch: „Ich will ein Enkelkind von euch!“ Die Stones haben sogar den Eros überwunden. Nun, das dann doch nur vielleicht.

Zum Aufhören ist es zu spät

Erst grüßt die ikonografische Riesenzunge, dann taucht die berühmteste Band der Welt aus Nebelschwaden und rotschwarzem Farbenfeuer auf – dazu kann nur „Sympathy For The Devil“ erklingen. Teufel, Teufel, wie sehen die Heroen denn mittlerweile aus? Verlebt, verbraucht, verrucht? Ach was, ververlebt, ververbraucht, ververrucht. Selbst das Staunen darüber, dass es diese Band noch gibt, ist längst von gestern. Wenn nicht von vorgestern. Zum Aufhören ist es für sie schon lange zu spät, vielleicht haben sie es auch nur vergessen.

Die brillanten Riesen-Videoleinwände lassen sowieso keine Fragen offen, überüberlebensgroß sind die Vier im Bild. Der geckenhaft bejackte Hungerhaken Jagger (74) am Mikro und der lässig bis nachlässig stylische Urgroß-Riffpirat Keith Richards (73) als Meister der Licks. Dazu Charlie Watts (76) als gentlemanliker Schlagzeug-Stoiker und Ron Wood (70) als buntgegerbter Gitarrenschrat.

Die Fans bekommen, was sie brauchen

„Are you doing right?“, will Jagger vom Publikum wissen. Sowieso, wenn als zweiter Song gleich „It’s Only Rock’n’Roll (But I Like It)” folgt. Ein Stones-Hit als Lebensmotto. Natürlich nur einer der vielen Lebensmotto-Hits der Stones. Wie auch „You Can’t Always Get What You Want“, dabei hat dieser Song eine ganz andere Aussage, die der Publikumschor im Stadionrund auch mitfeiert: „But if you try, sometime you find, you get what you need”.

An dem Abend bekommen die Fans, was sie brauchen. „Servus, Minga!“, ruft Jagger. Und will auch wissen: „Ist jemand da aus Börlin?“ Etliche Schreie. „Aus Nurnbörg?“ Jubel. „Aus Ingolstaad?“ Hm. „Nur zwei aus Ingolstaad“, konstatiert Sir Michael. Insgesamt sind es aber 70.000 Menschen aller Altersgruppen, das Auditorium ist weniger geriatrisch als die Band.

Die Kulisse ist atemberaubend, die Stones sind schließlich Miterfinder, Vollender und Übertreiber des Stadionrock.  Aber der Sound ist für die XXL-Maße erfreulich knackig und klar. So kann man auch hören, dass auf der „No Filter“-Tour sieben Begleitmusiker vom Feinsten dabei sind, angeführt von Bassist Darryl Jones.

Jagger trippelt und tänzelt, stolziert und scharwenzelt über Bühne, Steg und Vorbühne. Er feuert die Fans an, greift immer wieder zur Mundharmonika, wundervoll ist sein bluesiges Spiel etwa bei „Out Of Control“.

Richards neckt Jagger ja gern, der Kollege könne besser Harmonika spielen als singen. Aber an diesem Abend sind keine Animositäten des berühmtesten Hassliebespaares, der kaputtesten dysfunktionalen Familie der Rockhistorie zu sehen; sie herzen sich sogar mal kurz.

Der Blues führt sie auf ihre alten Tage fast taktvoll wieder zusammen, die jüngste Stones-Platte „Blue & Lonesome“ besteht nur aus Cover-Versionen ihrer alten Favoriten. Hat doch die Geschichte dieser Band 1960 auf einem Bahnsteig in Dartford/Kent begonnen, wo die Begeisterung für Blues-Platten Richards und Jagger zusammenführte. All die Konflikte, all die Egomanien ruhen, wenn es um die Musik geht. Richards mag die Stones mit Drogensucht, Jagger mit Selbstsucht oft an den Rand und darüber hinaus gebracht haben, aber der Punkt, wo das alles noch zählt, ist längst überschritten.

Hat Jagger gesagt, ohne ihn würde Richards noch immer in einem Keller in Leeds spielen? Hat Richards über Jaggers Ritterschlag und seinen kleinen Penis gelästert? Ach, seit Richards die Finger vom Heroin lässt, seit Drummer Charlie Watts mal Jagger in einem Amsterdamer Hotel nachts aufs Maul gehauen hat, klappt es zwischen den pubertierenden Senioren. Irgendwie, aber es klappt, mögen Jagger und Richards auch Yin und Yang, Kasperl und Seppl, Narziss und Großmaul des Rock ‘n’ Roll sein. Sowieso gehören Exzesse und Handgreiflichkeiten, Sexskandale und Festnahmen zur DNA der Stones wie Richards präzis verschlepptes Gitarrenspiel und Jaggers volllippiger, lasziver Vortrag.

Fans konnten ein Lied wählen

Plötzlich geht es an dem Abend in München um die Wahl. Nein, nicht um die Wahl. Und es kommt auch nicht „Angie“, alles was recht ist. Nein, die Fans hatten ein Lied wählen können und sich für „Beast Of Burden“ entschieden. Danach wird „Paint It Black“ zu einem soghaften Höhepunkt. Als reine Hit-Parade ist die Show aber nicht gedacht, trotz Knallern wie „Honky Tonk Woman“ und „Start Me Up“.

Keith Richards singt seine obligatorischen zwei Nummern, schnippt für „Happy“ erstmal grinsend eine Zigarette weg. Der Titel des zweiten Songs, „Slipping Away“, könnte auch für seine schlingernde Stimme gelten, aber das gehört zu den vielen Dingen, die in dieser heißen kühlen Nacht egal sind. Denn unterm Strich rocken die Stones famos, zeigen eine tolle Kondition.

„Midnight Rambler“ wird zur ausgedehnten Impro-Session, auch „Miss You“ wird zerdehnt zelebriert, und die Frage „Kennt ihr in München ein Hofbräuhaus?” dient Jagger als Einleitung zu „Street Fighting Man“. Nach zwei Stunden geht es mit „(I Can’t Get No) Satisfaction“ auf die Zielgerade, was die Fans mehr als nur befriedigt, dann folgt als Zugabe „Gimme Shelter“.

„In fünf Jahren sitze ich bloß noch in meinem Landhaus, habe vier Rolls-Royce in der Garage und spucke auf jeden.“ So Keith Richards. Und dazu Mick Jagger:  „In fünf Jahren fahren wir höchstens noch im Rollstuhl auf die Bühne.“ Aber die Zitate sind aus dem Jahr 1964. Und so kommen mehr als ein halbes Jahrhundert später, 2017 in München, als Finale „Jumpin‘ Jack Flash“, ein Feuerwerk und die Gewissheit, dass man bei den Stones nichts ausschließen kann. Auch nicht, dass sie wiederkommen. Und danach noch ein paar Mal.

Vorband Die isländische Musikszene ist ein Phänomen, immer wieder bringt sie neue Talente und Stars hervor. Ein aktueller Beweis dafür sind Kaleo – das Quartett von der nordischen Insel heizte den Musikfans im Münchner OIympiastadion vor den Rolling Stones ein. Kaleo bringen ein zünftiges Rock-Gemisch auf die Bühne, das auf Bluesrock basiert, aber auch Folk und Hardrock hereinklingen lässt. Und mit Jökull Júlíusson hat die Band einen Frontmann mit großartiger Stimme und Präsenz. Mit ihren kraftvoll performten Songs wie „Way Down We Go“, „All The Pretty Girls“ und „No Good“ machten sie sich im Münchner Olympia­stadion eine Menge neue Freunde. abo

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